Biographie - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Biographie: Ein Leid-Artikel

Foto: ddp images

Biographie Ein Leid-Artikel

Eines Tages geschah, was jeder sich wünscht: Ein Glücksmoment bahnte sich an. Kurz. Und gut. Sonst wäre es keiner. Das wissen die Götter. Die griechischen meine ich. Unbekannt verzogen. Aber die Nachricht von ihnen: Glück hält sich in Grenzen.
Von Ilja Richter
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In einem raren Glücksmoment - ich, alter Vater mit Sohn, sieben Jahre alt und mit mir auf dem Laufenden - in goldene Gershwin-Sonne getaucht. Berliner Friedrichstrasse. Rhapsodie in preußisch-berlinisch. Wir zwei: an Geschäften vorbeiflanierend, die Unbezahlbares anpreisen; Luxuspaläste, nach der Wende für einen Euro angemietet, während die kleinen Läden verreckten.

Diese Unwirklichkeit also streife ich mit meinem Sohn. Da klingelt mein Handy. Genau in dem Moment, als ich mir gerade mit Schillerschem Pathos eingestehen wollte: "Gestehe, dass ich glücklich bin" (das Ganze auf Berlinerisch gedacht, weil ich immer berlinere, wenn ich mich glücklich fühle) haut mir besagtes Handy die ganze Rhapsodie in den Eimer. Mein Bruder, hunderttausend Kilometer entfernt, aber besser über mich informiert als ich selbst, weil das Online-Geschäft mir immer noch wurscht ist, sagt: "Halt Dich fest, Bruder, unsere Mutter hat in der Nazizeit als Jüdin unter falschem Namen Theater gespielt und Du warst in den Siebzigern eine Schwulenikone." "Aber das kann man doch so versimpelt nicht sagen?" "Aber schreiben. Nimm Dir'n Anwalt."

Ich nahm mir keinen, so viel vorab. Wichtiger ist mir: Die Beschreibung der Zerschlagung meines Glücksmoments in einer Sekunde. Glück ist begrenzt. Ihr verzogenen Götter habt Recht. "Was hast Du denn, Papa", fragte mein Sohn, denn ich verlangsamte den Schritt. Das irritierte ihn, denn noch fünf Minuten zuvor hatte er seinen rechten Fuß elegant korrigiert, um mit mir Schritt zu halten. "Ich will gehen wie Du." Besagtes Glück war perfekt.

"Hat der auch etwas gemalt über dich?"

Jetzt aber war ich dem Sohn Rechenschaft schuldig. "Ja, weißt Du, ich höre grade, da erzählt einer Lügen über Papa." Und wieder mal schütze ich mich in der dritten Person. Hilft aber nichts. Mein Söhnchen denkt nach über die Worte, blinzelt altklug gegen die Sonne wie ein zu klein geratener Rhetorikprofessor und meint: "Weiß denn der Lügner, dass er lügt?" Ich bin sprachlos. Dann nehme ich Anlauf, stockend: "Ehrlich gesagt, ich habe die Lügen noch gar nicht gelesen." Mein Sohn fragt: "Gelesen? Hat der auch etwas gemalt über Dich?" Ich verberge mein Schmunzeln und antworte ernst: "Nein, hat er nicht, aber sehr bunt geschrieben, höre ich." Und ich stelle mir gezeichnete Feuilletons vor: Von Karasek, Martenstein und einen alten Stich von Ranicki.

Später, beim Nachlesen beruhige ich mich: Der Schreiber ist eine Schreiberin und der Artikel enthält keine Lügen. Er ist einfach nur schlecht. Eine Collage aus Google-Fetzen und stillen Tagen im Klischee. Ich, als 16-jähriger TV-Idiot mit 16 Millionen Mitidioten vor der Glotze, manchmal 20 Millionen. Ein Drittel der damaligen Republik. Wenn ich als Nachgeborener eine fremde Welt beschreiben müsste, würde ich mich in sie hineinversetzen. Mit Fräulein Smillas Gespür für Schnee. Von gestern. Ich bin's nicht!

Ich weiß im Rückblick nur eins: Man reformiert oft ganz nebenbei, macht Neues aus Versehen. Aus Verlegenheit oft. Manchmal aus Wut. Und ich war sehr wütend. Wie sich das gehört, mit 16. Komik mit Pop zu verbinden, war damals ein Tabu im deutschen TV-Gewerbe. Staatlich verordnete Trennkost: Nichts gegen Rassen, nichts gegen Klassen, nix über Politik oder Sex and Crime. Also alles, was Spaß macht. Harald Schmidt darf das heute. Und Oliver Pocher und andere, und das ist gut so. Ich durfte es damals nicht, und tat es trotzdem: Glück ist begrenzt, aber die Wahrnehmung manches Schreibers eben auch. So schleuste ich neben viel plumpem Quatsch, mal von mir präsentiert, mal von mir parodiert, für damalige TV-Verhältnisse Heikles durch die Sendezone. Zum Beispiel zwei jüdische Indianer, die, ihrer alten Heimat verlustig, schlecht gelaunt durch Manhattan spazieren: "Manhättn nich verkäuf'n solln!"

Schlag nach bei Adorno!

Wirklich wehgetan hat in jenem Artikel, wie das Schicksal unserer Mutter abqualifiziert wurde - in schlappen vier Zeilen, während ich glatt zwei Seiten wert war: wie ich mit Komik den Pop hingehalten hatte. Wäre die Journalistin etwas tiefer in die Materie eingestiegen, hätte sie feststellen können, dass es vor meiner Show keinen Pop gemixt mit Komik gab. Im Beat-Club bei Radio Bremen gab es tolle internationale Rockbands und Uschi Nerke hielt den Rock hin. Den Mini-Rock. Und stammelte süße Übergangssätze wie "und jetzt", "und nun",

Und dann kamen sie, die Bands. Und die Gogo-Girls. Die hingegen waren geil und hielten den Mund. Ich hingegen quasselte und hatte eine Direktleitung in die Vergangenheit. Zwanziger-Jahre-Quatsch zwischen Rod Steward und Heino. Wenn ich eine fremde Welt beschreibe, bemühe ich mich, dem damaligen Geschmack, der Banalität und den Trends von gestern auf den Fersen zu bleiben. Am besten anhand von Versen einstiger Schlager: Schlag nach bei Adorno, da steht was drin!

Was Mutter betrifft: Ja, sie hat unter falschem Namen gespielt. Mit einem Nazi, wenn auch nur kurz. Auf Zuruf Sketch-Lückenbüßerin. Denn sie war eine echte Komparsin. Und wegen ihrer falschen Papiere und drohender Denunziation bald unterwegs durch 21 Städte. Mit einem Sohn an der Hand. Nein, nicht mir. Mein älterer Bruder war's. Was meines Schlafes Bruder betrifft: Zu weit entfernt lebt er heut', sodass ich nicht mit Sicherheit sagen kann, ob er immer noch nur bei Licht schlafen kann. Ich hab diese Bombennächte, die er an der Brust unserer Mutter durchlebt hat, nicht durchmachen müssen. Nicht diese Todesangst, von der ein Kind auf der Flucht wenig weiß - aber alles ahnt.

Ich war eine Ballerina

In den 68ern war ich noch mit dem gelebten Leben meiner geliebten Eltern beschäftigt. Ich stand mit beiden Beinen in den Zwanzigern und Dreißigern. Auf Du und Du mit toten Künstlern: die wenn sie "Glück" hatten, im Exil im Unglück ausharrten. Ich machte mit Tucholsky und den Folgen im Kopf 135 Folgen Disco. Diese Show durfte alles sein, nur eines nicht: kritisch, politisch, satirisch. Ich war eine Ballerina: ein Fachmann für Spagat und immer lieb zu meiner Mutti.

Und immer noch nicht schwul. Ist das normal Herr Doktor?

Mehr lesen über