Birger Dahlerus: Mit Diplomatie gegen Adolf Hitler - DER SPIEGEL
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Beginn des Zweiten Weltkriegs: Vermittler zwischen den Fronten

Beginn des Zweiten Weltkriegs Der Schwede, der Hitler stoppen wollte

Auf eigene Faust reiste Birger Dahlerus 1939 nach Berlin: Der schwedische Ingenieur wollte Hitler zur Verhandlung mit den Briten bewegen. Seine Begegnung mit dem Diktator war verstörend.
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Der "Führer" tobte. "Gibt es Krieg, dann werde ich U-Boote bauen, U -Boote, U-Boote, U-Boote ..." Erschöpft machte Hitler eine Pause und murmelte Unverständliches vor sich hin. Dann setzte er seine Tirade fort: "Ich werde Flugzeuge bauen", brüllte der Diktator außer sich vor Zorn. "Flugzeuge bauen, Flugzeuge, Flugzeuge, und ich werde meine Feinde vernichten."

Zeuge dieses Tobsuchtsanfalls kurz nach Mitternacht in den ersten Stunden des 27. August 1939 war der schwedische Ingenieur und Industrielle Birger Dahlerus. Fassungslos suchte er Blickkontakt mit der dritten Person im Raum: Hermann Göring. Der verzog keine Miene. Seit der Ankunft des Schweden in der Berliner Reichskanzlei mussten die zwei Hitlers gefürchteten Redefluss über sich ergehen lassen. Der nüchterne Ingenieur war schockiert von dem Treffen. "Sein ganzes Verhalten machte den Eindruck eines völlig Anomalen", schrieb Dahlerus in seinen nach dem Krieg verfassten Erinnerungen mit dem Titel "Der letzte Versuch".

Eine Mission äußerster Dringlichkeit hatte den Schweden nach Berlin geführt: In Europa standen die Zeichen auf Krieg, das Deutsche Reich bedrohte Polen. "Danzig und der Korridor müssen an Deutschland zurück", forderte Hitler am 27. August 1939 in einem Brief an den französischen Regierungschef. Der "polnische Korridor" trennte Ostpreußen vom übrigen Reichsgebiet, die Freie Stadt Danzig befand sich unter Aufsicht des Völkerbunds. Die Westmächte Frankreich und Großbritannien dagegen wollten Hitler nun - nachdem dieser wortbrüchig die "Rest-Tschechei" gewaltsam dem Deutschen Reich einverleibt hatte - endgültig Grenzen aufzeigen.

Der 48-jährige Dahlerus hatte beschlossen, auf eigene Faust zwischen Deutschland und Großbritannien zu vermitteln. Er hoffte, dabei seine Verbindungen nutzen zu können: Über einen in England lebenden Freund hatte Dahlerus Kontakt zu Außenminister Edward Frederick Lindley Wood, der den Titel eines Viscount of Halifax trug. Und 1934 hatte ein Freund Dahlerus an Hermann Göring vermittelt, der für den Schweden juristische Hindernisse bei dessen Eheschließung mit einer Deutschen beseitigte. Im Gegenzug hatte Dahlerus Görings Stiefsohn ein Jahr später in Schweden zu einer Geschäftsausbildung verholfen. Vor allem diese Bekanntschaft sollte sich als hilfreich erweisen.

Anruf von Göring

Am 7. August 1939 unternahm Dahlerus seinen ersten Versuch zur Verständigung. An diesem Tag traf Göring sieben britische Geschäftsleute auf Dahlerus' Hof "Elisabethbay" in Nordfriesland. Lord Halifax hatte dem Gespräch zugestimmt, aber die Teilnahme von Regierungsmitgliedern verweigert. "Die Engländer zitierten Hitlers Versprechungen", hielt Dahlerus später fest. "Sie erinnerten an seine Erklärung, er wolle keine anderen Völker dem deutschen Reich einverleiben, und an seine Zusage, die Integrität der Tschechoslowakei zu respektieren." Göring mimte den verständigen Zuhörer.

Auf den neuen Konfliktherd Polen angesprochen, gab der Feldmarschall "seine heilige Versicherung als Staatsmann und Offizier", dass nach einer "Lösung des Danzig-Problems keine Forderungen auf andere Landgebiete folgen würden". Anscheinend wirkte Göring überzeugend, beim Abendessen "tranken die Engländer und Deutschen einander zu", wie Dahlerus glücklich registrierte. Eine Konferenz von bevollmächtigten Regierungsvertretern sollte "baldmöglichst veranstaltet" werden, um die Probleme offiziell zu lösen.

Doch sie kam nie zustande. Am Vormittag des 23. August 1939 erhielt Dahlerus einen Anruf von Göring, der betonte, dass sich die Lage verschlechtert habe und die Aussichten auf eine friedliche Lösung sehr viel geringer geworden seien. Der Schwede machte sich schleunigst auf den Weg zu Görings Landsitz. Der erläuterte ihm, am 24. August 1939 hätten Deutschland und die Sowjetunion einen Nichtangriffspakt geschlossen. Ein Zweifrontenkrieg sei damit für Deutschland ausgeschlossen. Göring bat Dahlerus, noch am nächsten Tag nach England zu fahren und den Briten zu bestätigen, dass die deutsche Regierung zu einer Verständigung kommen wolle.

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Doch das Treffen mit Lord Halifax am 25. August verlief ernüchternd. Dieser meinte, dass er "mich nicht weiter in Anspruch zu nehmen brauche", wie Dahlerus festhielt. Der britische Botschafter in Deutschland, Nevile Henderson, verhandle mit Hitler in Berlin. Beruhigt, dass alles in Ordnung käme, telefonierte Dahlerus mit Göring. Doch der ernüchterte ihn: Hitler sei mehr als verärgert. Gerade hätten die Briten ihren Bündnisvertrag mit Polen bekräftigt.

Kreuz und quer über den Kanal

Der Schwede setzte alle Hebel in Bewegung, um erneut mit Lord Halifax zu sprechen. Dieser schrieb schließlich "einen persönlichen Brief an Göring", so Dahlerus, den "ich mitnehmen und ihm übergeben solle". Mit diesen versöhnlichen Zeilen in der Hand stand Dahlerus nun in der Nacht auf den 27. August 1939 in Hitlers Reichskanzlei - voller Hoffnung, den Frieden noch retten zu können. Vergeblich: Hitler ging in keiner Weise auf den Brief und seinen Inhalt ein.

Dennoch - nachdem Hitler seinen Wutanfall überwunden hatte, sagte er zu Dahlerus: "Sie müssen sofort nach England reisen." Dahlerus solle den Briten erneut seinen Wunsch nach Verständigung mitteilen. Göring riss kurzentschlossen eine Karte aus einem Atlas und markierte mit einem Stift die Gebiete, die Deutschland forderte.

Bereits kurz nach 12 Uhr mittags befand sich Dahlerus wieder in London, das er vor nicht einmal 20 Stunden verlassen hatte. Er richtete Premierminister Neville Chamberlain und Lord Halifax Hitlers Botschaft aus. Chamberlain bat Dahlerus auch um sein persönliches Urteil über den Diktator. "Ich möchte ihn nicht als Geschäftspartner haben", antwortete er ehrlich.

Schnell schickten die Briten Dahlerus mit einer zurückhaltenden Antwort erneut über den Kanal, wo er am 27. August, kurz vor Mitternacht, wieder mit Göring zusammentraf, der Hitler unterrichtete. Die Zeichen standen scheinbar auf Entspannung. Ein französischer Diplomat im Außenministerium hielt zwei Tage später fest: "Wir haben den Kulminationspunkt der Krise erreicht." Doch als der britische Botschafter Henderson am Abend dieses Tages Hitler erneut in der Reichskanzlei aufsuchte, war die Stimmung außerordentlich aggressiv. Der Führer verlangte bis zum Abend des 30. Augusts das Eintreffen eines offiziellen polnischen Gesandten, der bevollmächtigt war, seine Forderungen zu erfüllen.

Wieder nach London

Noch einmal schickte Göring Dahlerus nach London. Um 5 Uhr am 30. August startete Dahlerus' Flieger. Nun schlug der Diktator Chamberlain und Halifax über Dahlerus eine Volksabstimmung im Gebiet des Korridors vor. Aber vor allem die deutsche Forderung nach einem polnischen Bevollmächtigten stieß auf Ablehnung - auch rein zeitlich war sie kaum zu erfüllen. Mit dieser Antwort reiste der Schwede gegen 18 Uhr direkt wieder nach Deutschland. Eine halbe Stunde nach Mitternacht, der 31. August war bereits angebrochen, erstattete Dahlerus Göring Bericht.

Auch der britische Botschafter Henderson hatte später am Tag nur schlechte Nachrichten für Dahlerus: Henderson hatte sich mit Außenminister Joachim von Ribbentrop getroffen. In höchster Eile hatte jener ihm seine Forderungen an Polen vorgelesen. Henderson hatte kaum ein Wort verstanden, auf seine Bitte nach einer schriftlichen Fassung entgegnete Ribbentrop nur, es sei "überholt". Hitlers Ultimatum sei verstrichen - bis zum Ablauf des 30. Augusts habe sich kein polnischer Bevollmächtigter gemeldet. Als Dahlerus am nächsten Tag den polnischen Botschafter Jozef Lipski besuchte, packten dessen Mitarbeiter bereits Kisten.

Am Morgen des 1. Septembers traf Dahlerus schließlich den bedrückt wirkenden Göring und erfuhr, dass "Hitler im Lauf der Nacht dem deutschen Heer Befehl gegeben hatte, die polnische Grenze zu überschreiten". Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen. Hitler hatte seinen Plan nie in Frage gestellt, Polen anzugreifen. Dahlerus' Mission war endgültig gescheitert.

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