Bobbahn St. Moritz: Schipp, schipp, hurra!
Bobbahn St. Moritz Schipp, schipp, hurra!
Schweigend greift ein Dutzend Männer zu den Schaufeln. Einer lässt aus einem grauen Feuerwehrschlauch Wasser in den Schnee rinnen, die anderen schaufeln den nassen Matsch zu einer Mauer. Zur Orientierung stecken ein paar Holzlatten senkrecht im Boden.
Als es auf den Abend zugeht, ist eine Steilkurve zu erkennen: gut zwei Meter hoch, perfekt gewölbt wie eine von einer Maschine gezogene Röhre. Oben ragt die anderthalb Stiefel dicke Schneematschmauer nach innen. Unter Bobfahrern ist sie als Snake Corner bekannt, die Schlangenkurve.
Die Bobbahn von St. Moritz ist der letzte Natureiskanal der Welt. Seit 1904 wird er aus Schnee und Wasser gebaut. Die einzigen Werkzeuge: Schaufel, Schlauch und scharfe Augen. Hier sind Bobrennen noch ein sinnliches Wintervergnügen in Eis und Schnee. Andere Wintersportorte haben Betonrinnen in die Landschaft gesetzt, die mit einem Gewirr von Ammoniak-Rohren die Natur verschandeln.
5000 Kubikmeter Schneeskulptur
In St. Moritz rückt jedes Jahr Ende November ein gutes Dutzend Arbeiter an, um bis Weihnachten aus 5000 Kubikmetern Schnee und 4000 Kubikmetern Wasser - das sind mehr als zwei Schwimmbecken voll - die größte Schneeskulptur der Welt zu bauen: den 1612 Meter langen Olympia Bobrun von St. Moritz in den Nachbarort Celerina. Nach 17 Kurven und einer Eisenbahnunterführung weicht die Länge der Bobbahn im Ziel höchstens sechs Meter vom Vorjahr ab.
Im 19. Jahrhundert wurde in St. Moritz der Bobsport erfunden. Englische Wintergäste suchten einen Zeitvertreib und ahmten die einheimischen Bergbauern nach, die im Winter mit ihren Schlitten Holz aus dem Wald transportierten. Aus Jux und Dollerei fuhren die Urlauber Bobrennen auf der Straße von St. Moritz nach Celerina. Als sich immer mehr Kutscher und Fuhrleute über die Verrückten beklagten, die ihnen die Pferde scheu machten, entschloss man sich zum Bau einer Bobbahn. Seither wurden hier zweimal Olympische Winterspiele ausgetragen.
Die Bahnarbeiter verdienen im Sommer ihr Geld als Bergbauern oder Waldarbeiter. Die Arbeit an der Schlittenbahn sei weniger anstrengend, sagt der Vorarbeiter. Sie hat nur einen Nachteil: Bis Anfang März sehen die Männer ihre Familien nicht. Wenn sie mit dem Bauen fertig sind, müssen sie den Eiskanal jeden Tag pflegen. Der 25. Dezember ist der einzige freie Tag, bis die Bahn unter der Frühjahrssonne schmilzt.
Wie Tennisspieler beim Aufschlag
Am schwierigsten ist die Zielkurve zu bauen. Hier hat ein Viererbob 145 km/h drauf, die langgezogene Steilkurve muss vollkommen rund sein. Die Männer arbeiten wie Tennisspieler beim Aufschlag: werfen eine Schippe Schnee senkrecht in die Luft, klatschen sie über Kopf an die Schneemauer.
Noch ist Vorsaison in St. Moritz. Nur ab und zu pfeift ein feuerroter Zug der Rhätischen Bahn. Hammerschläge hallen über die verschneiten Wiesen, vor der Gunter Sachs-Kurve nagelt einer der Arbeiter Sackleinen an ungehobelte Holzlatten. Als ob Cristo den Bobrun verhüllen wollte. Ohne diesen Sonnenschutz würde die Eisrinne in der Sonne schmelzen. Aber heute können sich die Wolken nicht entscheiden, ob sie regnen oder schneien sollen. Wäre der Himmel im Büromöbelgeschäft zu kaufen, hieße sein Farbton lichtgrau.
Wenn der Rohbau fertig ist, wird der Bobrun vereist. Alle 80 Meter steht ein Hydrant neben der Bahn, nach Schweizer Manier in einem Kasten aus rostfreiem Edelstahl. Bahnsohle und Banden werden mit dem Schlauch gespritzt, über Nacht gefriert das Wasser. Mit Schaufel und Eishobel werden Beulen geglättet, Dellen mit Schneematsch aufgefüllt. Kurz vor dem vierten Advent macht ein erfahrener Pilot eine Testfahrt. Mit Argusaugen untersuchen die Bahnarbeiter die Spur, die seine Kufen auf dem blanken Eis hinterlassen: Ist die dünne weiße Linie irgendwo unterbrochen, ist die Kurve noch nicht rund. Einen Tag vor Heiligabend schneidet der Präsident der Betriebskommission das Band am Startbalken durch, dann folgt die offizielle Eröffnungsfahrt.
Crash mit 100 km/h
Jetzt steht der Vorarbeiter jeden Tag im Horseshoe. Diese hufeisenförmige Steilkurve, annähernd vier Meter hoch, ist die heikelste Stelle der Bahn. Zweieinhalb Tonnen Druck lastet auf den Kufen, der Bob rumpelt wie ein Güterwagen. Die Besatzung hängt bei Tempo 100 waagerecht in der Luft, fast fünffache Schwerkraft presst sie in den Schlitten. Einmal ist ein Schweizer Pilot in die Bretter gerast, die oben die Kurve begrenzen. Hat die Kontrolle verloren, der Bob schoss nach unten, bohrte sich in die vereiste Bande, die ihn von 100 km/h auf null bremste. Wie es sich gehört, hatte der Bremser den Kopf eingezogen, damit dieser keinen Luftwiderstand bietet, hatte den Fahrfehler also nicht mitbekommen. Jetzt hing er mit zwei gebrochenen Beinen im Schlitten, den die Bahnarbeiter aus dem Eiskanal hievten.
Der Vorarbeiter steht wie ein Feldherr auf der inneren Bande, die Ärmel seines karierten Hemdes hochgekrempelt. In einer Hand hält er den Schlauch. Nach jedem Bob spritzt er die Eiswand. Sonst werden die Kufenriefen zu tief. Im März wird der Eispanzer im Horseshoe einen halben Meter dick sein. An Spitzentagen rasen 250 Schlitten durch die Steilkurve. Bei Rennen werden die drei Baucontainer im Horseshoe zu einem Imbiss. Helferinnen, die hier Horseshoe-Ladys heißen, verkaufen Glühwein und Bratwurst.
Es gab Winter, in denen die Bahnarbeiter ihr eigenes Bobrennen ausgetragen haben. Aber sie haben die Lust daran verloren. Jetzt lassen sie nur noch fahren.
Georg Hackl hat den Bahnarbeitern von St. Moritz das wohl schönste Kompliment gemacht. Mit seinem leichten Rennrodel spürte er jeden Pickel im Eis, und er kennt alle modernen Betonröhren des internationalen Schlittensports. Hackl sagte über die Naturbahn von St. Moritz: "Ich kenne keine Strecke, die ruhiger zu fahren ist."