Bodenständiges Weltkind - DER SPIEGEL
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Bodenständiges Weltkind

Sie war Tennis-Wunderkind und gefeierter Star, und die Skandale, die mit ihrem Namen verbunden waren, hat sie souverän überstanden. Heute führt Steffi Graf ein zurückgezogenes Familienleben.
• aus SPIEGEL Geschichte 2/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Lange nichts mehr von ihr gehört. Aber das muss nichts Schlechtes heißen, im Gegenteil. Was man so mitbekommt, geht es ihr blendend. Lebt glücklich in den USA mit ihrem Mann und den beiden Kindern, um die sie sich neben ihrem Geschäftskram rührend kümmert. Ab und zu sieht man sie im Fernsehen, da schaut sie entspannt aus und lächelt meist unaufdringlich. In diesem Jahr wird sie 40 - ach, ist das alles wirklich schon so lange her?

Es gibt nicht viele Superstars des Sports, über die man so sprechen könnte wie über Stefanie Maria Graf aus dem badischen Städtchen Brühl - wie über eine entfernte alte Freundin. Schließlich hat sie lange mit uns im Wohnzimmer gelebt, im Fernseher. Schon mit 13 Jahren war sie Vollprofi geworden, Mitte der Achtziger stieg sie in die Weltspitze auf und entfachte mit Boris Becker einen nie dagewesenen Tennishype. Fast jeden Tag wurde irgendein Turnier irgendwo auf der Welt übertragen, und bei den Frauen gewann meist Steffi Graf. Man schaute ihr gern zu. Ihr Spiel war weder Püppchen- noch Powertennis, es hatte den natürlichen Elan eines Jahrhunderttalents.

Es war auch die Zeit, als Sportstars zur Oberschicht der Prominenz emporstiegen. Steffi Graf mochte die mit dem Erfolg verbundene Aufmerksamkeit nie. Für Deutschlands fünfmalige Sportlerin des Jahres war Tennis Selbstzweck, um die Lust an der Bewegung und den Ehrgeiz zu stillen. In Pressekonferenzen hingen ihr oft die Haare wie ein schützender Vorhang ins Gesicht; Steffi Graf war nie beseelt davon, dem Publikum zu gefallen.

Sie war und blieb echt. Sie siegte in 902 Matches, holte 107 Titel, darunter 22 Grand-Slam-Turniere, gewann Olympiagold und stand 377 Wochen an der Spitze der Weltrangliste. An Körper und Geist hinterließen die Erfolge Verschleißspuren, und nach einem famosen Comeback trat sie 1999 zurück, um jenes Maß an Privatheit zurückzugewinnen, das während der Karriere verlorengegangen war.

Sie war in Skandale verwickelt, ohne sie ausgelöst zu haben. Sie trugen ihren Namen, aber es waren nicht wirklich ihre Affären, sondern die des Vaters und Managers. Peter Graf wurde von einem »Nacktmodell« und einem »Boxpromoter« erpresst und zahlte Schweigegeld. Steuern dagegen zahlte er eher nicht, weshalb er 1997 ins Gefängnis wanderte. Böser Papa, arme Steffi? Die Öffentlichkeit trennte das wohlwollend und hielt zur Tochter.

Nicht einmal 2001, als sie Andre Agassi heiratete und ihr bodenständiges Wesen unerwartet Glamour bekam, ließ sie sich dazu hinreißen abzuheben. Agassi war früher durch Löwenmähne und bunte Klamotten in der weißen Tenniswelt aufgefallen, gemeinsam wäre es ein Leichtes gewesen, die Klatschspalten zu beherrschen. Sie ließen es sein. Die Familie führt am Rande von Las Vegas ein zurückgezogenes Leben. Ein Steffi-Graf-Leben.

Jahrelang gehörte sie zu den bekanntesten Gesichtern Deutschlands auf dem Globus. »Ich bin in der Welt groß geworden ... Ich fühle mich im besten Sinne als Kosmopolitin«, hat sie einmal gesagt. Sie liebt New York, aber sehnt sich nach dem deutschen Wald, weil es in Las Vegas »nur Palmen« gibt. Trotzdem ist die Stadt ihre Wahlheimat, die Amerikaner bedrängen sie nicht, und sie kann sich die Zeit nehmen, die sie als Tennisprofi nie hatte. Statt Sohn Jaden Gil, 7, und Tochter Jaz Elle, 5, mit einer Schar Bediensteter zu umsorgen, geht sie mit ihnen einkaufen und bringt sie zum Fußball, Schwimmen, Baseball oder Eiskunstlaufen, je nachdem, woran sie Spaß haben.

Eine Umfrage hat einmal ergeben, dass die Deutschen ihre Mitmenschen weniger aufgrund von Erfolg mögen, sondern eher Ausstrahlung, Bescheidenheit und ein glückliches Familienleben schätzen.

Steffi Graf kommt diesem Ideal ziemlich nahe. Sie kümmert sich mit ihrer Stiftung »Children for Tomorrow« um Kinder aus Krisengebieten. Sie und Agassi fahren Autos mit Hybridantrieb, um die Umwelt zu schonen. Sie schreibt Fitnessbücher für Mütter. Sie selbst treibt Sport nur noch, um gesund zu bleiben, sie joggt mit Vorliebe, betreibt etwas Krafttraining und macht Pilates.

Und manchmal bekommt sie sogar einen Muskelkater davon.

Detlef Hacke

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