Bombenangriffe auf Frankfurt: "Nur Feiglinge haben Angst"
Bombenangriffe auf Frankfurt "Nur Feiglinge haben Angst"
1943 nehmen die Bombenangriffe auf Frankfurt zu. Ich bin fünf Jahre alt und beginne zu begreifen, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Die ständige Flucht in den Luftschutzkeller und die heulenden Sirenen machen mir Angst. Die Aufbrüche sind überstürzt, es muss alles schnell gehen.
Mutters Hände greifen nach mir, nehmen mich hoch. Zärtlich nimmt sie mich in ihre Arme. Ich liebe ihre Hände und ihre starken Arme. Vertrauensvoll lege ich meinen Kopf an ihre große Brust. Schnell haucht sie mir noch einen Kuss auf die Stirn und reicht mich in die Arme meines Vaters weiter. Mit einem kraftvollen Schwung setzt Vater mich in den riesengroßen Wäschekorb, in dem schon etwas zu essen und zu trinken ist, außerdem Jacken, Decken und Mutters Schmuck. "Für alle Fälle", sagt Vater immer.
"Beeil dich", faucht Vater meine Mutter an, "wir müssen in den Keller." Es werden wieder Bomben abgeworfen, vielleicht sogar auf unser Haus. Ich habe Angst. Wir hasten in den mit Menschen voll gepfropften Keller. Ich sehe meine Geschwister. Offensichtlich haben sie Streit. Mein Bruder schimpft meine Schwester einen Angsthasen. Sie weint. Er schlägt sich mit der Faust auf seine zwölfjährige starke Brust und sagt zu ihr: "Nur Feiglinge haben Angst." Mein Vater geht zu ihm, sieht ihn an und sagt: "Ich habe auch Angst." Entsetzt sieht Horst ihn an. "Du ...", stammelt er, "aber wieso? Du bist doch ein Mann!" Als Held ist sein Vater ab sofort und für immer von seiner Liste gestrichen.
Schweigegelübde der kleinen Schwester
"Nun", sagt mein Vater "ich habe zum Beispiel Angst, dass dir etwas passieren könnte, deinen Schwestern oder deiner Mutter oder auch mir." Horst kann es immer noch nicht fassen, dreht sich aber wohlwollend zu Gisela um und sagt: "Na ja, ich habe es nicht so gemeint, und wenn Vater schon Angst hat, kannst du auch Angst haben. Aber ich", fügt er so leise hinzu, dass Vater es nicht hören kann, "habe trotzdem keine Angst."
Aber er hat Angst. Ich weiß es. Ich habe nämlich einmal gesehen, dass er weinte und unters Bett gekrochen ist, als die Sirenen anfingen zu heulen. "Du darfst das nie jemandem sagen", warnte er mich, "sonst bist du nicht mehr meine Schwester." Ich habe es nie jemandem gesagt, ich bin doch so stolz, dass ich einen großen Bruder habe. Und die Momente, die er mir, seiner kleinen Schwester widmet, sind selten. Ein großer starker Zwölfjähriger mit einer Fünfjährigen, seine Freunde würden ihn auslachen. Ich bin mir fast sicher, Vater weiß auch, dass er Angst hat. Ich setze mich auf Mutters Schoß, kuschele mich in ihre Arme und schlafe ein.