Botschafter in der Sowjetunion - DER SPIEGEL
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Botschafter in der Sowjetunion: Am Arm Chruschtschows

Foto: Kordula Kühlem/Dr. Peter Kroll

Botschafter in der Sowjetunion Am Arm Chruschtschows

"Schickt Kroll in die Wüste!", titelte die Bild-Zeitung 1962. Der zweite bundesrepublikanische Botschafter in Moskau verfolgte beharrlich ein Ziel - doch mit seinen Bemühungen um einen deutsch-sowjetischen Ausgleich machte er sich kaum Freunde.
Von Kordula Kühlem
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Es beginnt das große politische 'Abenteuer' meines Lebens. Wie wird es ausgehen?", kommentierte der bereits erfahrene Diplomat Hans Kroll am 8. Mai 1958 seine Ankunft in Moskau. Vor einem halben Jahrhundert begann damit die Amtszeit des zweiten bundesdeutschen Botschafters in der Sowjetunion.

Die Situation war angespannt. Genau 13 Jahre nach Kriegsende war das Verhältnis der beiden Staates noch durch Misstrauen, Angst und die Teilung Deutschlands belastet. Der Staatsbesuch von Bundeskanzler Konrad Adenauer in Moskau und die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen 1955 änderten daran zunächst wenig, eine gewisse Auflockerung versprach der Abschluss erster bilateraler Verträge im April 1958.

In Moskau, wo es - einzigartig zu dieser Zeit - zwei deutsche Botschaften gab, beobachtete die ostdeutsche Vertretung diese Entwicklung mit Argusaugen und stellte in einem Bericht dazu fest: Besonders Kroll gebe "sich Mühe, den Wunsch nach Verbesserung der westdeutschen Beziehungen zur Sowjetunion zu demonstrieren".

Unterschiedliche Ziele

Überraschend schnell, nämlich bereits am 19. Mai 1958 fand der Antrittsbesuch des bundesdeutschen Botschafters bei Regierungs- und Parteichef Nikita S. Chruschtschow statt. Der österreichische Botschafter Norbert Bischoff berichtete nach Wien: "Noch nie ist ein Botschafter so unmittelbar nach seiner Akkreditierung... empfangen worden." Laut Krolls eigenen Aufzeichnungen betonte er gegenüber Chruschtschow den Wunsch nach Verbesserung der Beziehungen, erwähnte aber die Wiedervereinigung mit keinem Wort - sehr zum Missfallen des Auswärtigen Amts. Dort vertrat man immer noch den Standpunkt, wie Kroll in seinem Tagebuch wenig später zusammenfasste: "Keine Normalisierung der Beziehungen ohne Wiedervereinigung" - im Gegensatz zu seiner eigenen Überzeugung: "Keine Wiedervereinigung ohne vorherige Normalisierung."

Die unterschiedlichen politischen Ansichten von Bundesregierung und Botschafter zeigte erneut die Reaktion auf ein sowjetisches Memorandum vom 22. November 1958. Moskau forderte darin die Bundesrepublik zu einer eigenständigen und positiveren Gestaltung ihrer Beziehungen zu Moskau auf - und sie sollte den Status quo akzeptieren.

Während Kroll das Angebot prüfen wollte, lehnten es Konrad Adenauer und Bundesaußenminister Heinrich von Brentano entschieden ab. Die Verkündung des Berlin-Ultimatums am 27. November 1958 entzog weiteren Gesprächen den Boden, stabilisierte jedoch Krolls Position als Botschafter, denn in der ausbrechenden Krise konnte die Bundesregierung sich seine Abberufung nicht leisten, vor allem da sich seine Stellung in Moskau weiter verbesserte.

"Krolls geheime Mission"

Am 2. Februar 1959 lud Chruschtschow den bundesdeutschen Botschafter zu einem Gespräch, das in der Öffentlichkeit beider Länder auf großes Interesse stieß, da es trotz der allgemeinen Krisenstimmung in freundlicher Atmosphäre verlief. Wenig später gelang es Kroll, die Ratifizierung der bilateralen Verträge von 1958 zu erreichen. Rund ein Jahr nach seinem Amtsantritt, am 30. Mai 1959, schlossen beide Länder einen Kulturvertrag.

Trotz - vielleicht auch wegen Krolls guter Kontakte zur sowjetischen Führungsspitze ließ ihn seine vorgesetzte Behörde bei der Vorbereitung und auch während der Genfer Außenministerkonferenz der Vier Mächte 1959 außen vor. Für den Bundeskanzlers, der das Auswärtige Amt in dieser Zeit mit großem Misstrauen beobachtete, machte ihn dieser Umstand erst interessant. Als es darum ging, das persönliche Schreiben Chruschtschows an Adenauer vom 18. August 1959 zu beantworten, wandte sich der bundesdeutsche Regierungschef an Kroll. Auch dessen Engagement war es zu verdanken, dass der folgende Briefwechsel bis zum Januar 1960 nicht abriss und in freundlichem Ton gehalten war. In der Presse wurde sogar schon von "Krolls geheimer Mission", der Arrangierung eines Treffens zwischen Adenauer und Chruschtschow, gemunkelt.

Gut zwei Jahre nach seinem Amtsantritt in Moskau, im Juni 1960, war Kroll dem "Spiegel" eine Titelgeschichte wert. Diese ging zwar sehr kritisch mit dem Botschafter um - und ebenso mit dem Kanzler, dem vorgeworfen wurde, "die Arbeitsmethode seines Moskauer Botschafters mit der Nachsicht eines am ostpolitischen Terrain Desinteressierten" zu akzeptieren. Doch der Artikel konstatierte auch, wenn auch leicht sarkastisch, Kroll sei eine "Erscheinung, bei der die empfindlichen Sowjetmenschen keinen Westlerhochmut zu spüren meinen und an der Chruschtschows Schweinsäuglein hängenbleiben".

Besonderes Verhältnis zu Chruschtschow

Wirklich, der sowjetische Regierungschef zeigte durchaus ein besonderes Interesse an Kroll. Während sich das sowjetisch-bundesdeutsche und auch das gesamte west-östliche Klima immer mehr verschlechterte, empfing Chruschtschow Kroll am 18. Februar und 18. Oktober 1960 erneut zu Gesprächen. Und auf dem Silvesterempfang im Kreml kam es zu einer Unterhaltung, die laut Krolls Erinnerung aufsehenerregend endete: "Am Arm Chruschtschows... verließ ich gegen vier Uhr morgens den Wintergarten. Die Tanzenden bildeten für uns eine Gasse. Die Gespräche verstummten."

Nicht weniger spektakulär verlief der Besuch des bundesdeutschen Botschafters in Chruschtschows Sommersitz bei Sotschi im April 1961. Einer der Nachfolger Krolls in Moskau, Helmut Allardt, schrieb dazu in seinen Erinnerungen: "Chruschtschow und Kroll in der Badehose... - Fotos nicht aus einer Welt des Seiens, sondern des Scheinens."

Kroll selbst sah seine Arbeit drei Jahre nach seinem Amtsantritt bestätigt. In sein Tagebuch notierte er zum 8. Mai 1961: "Ein so persönliches + herzliches Vertrauensverhältnis zu Ch(ruschtschow)... hätte ich mir nie erträumt." Erreicht sah er die "schrittweise Besserung der Beziehungen zur Erzielung einer Atmosphäre des Vertrauens als Voraussetzung für... Verhandlungen auch über die politischen Kernfragen unseres Verhältnisses".

Von der Abriegelung Westberlins überrascht

Tatsächlich brachte Kroll der Ausflug ans Schwarze Meer vor allem erneute Kritik aus dem Auswärtigen Amt ein, Adenauer hielt sich zurück. Aber spätestens der Mauerbau am 13. August 1961 demonstrierte, dass der sowjetische Regierungschef klar zwischen persönlichen und politischen Beziehungen unterschied.

Die Abriegelung Westberlins überraschte und entsetzte Kroll. Als Reaktion präsentierte er einen seiner Lieblingsvorschläge: Gegenüber Franz Josef Strauß erklärte er, jetzt müsste Bonn "notfalls auch mit Moskau direkt sprechen".

Im September 1961 schien Adenauer zwar Gespräche mit Chruschtschow in Betracht zu ziehen, doch nur die grundsätzliche Bereitschaft war Kroll zu wenig. Kurz entschlossen ergriff er am 9. November 1961 die Initiative und lud sich selbst zu einem Gespräch bei Chruschtschow ein. Diesem unterbreitete er einige Vorschläge: Abschluss eines Vertrags der Vier Mächte über Berlin, Zusicherung von dessen Einhaltung durch die DDR, technische Abmachungen zwischen Berlin und Ostdeutschland und ein "pactum de negotiando" der Vier Mächte über baldige Friedensverhandlungen mit Deutschland.

Die Affäre Kroll

Jeder der Vorschläge war in den letzten Jahren schon gefallen, jedoch hatte sich die Bundesregierung bisher klar davon distanziert. Als nun schon am nächsten Tag ein Vier-Punkte-Plan mit den Vorschlägen des Botschafters in den Zeitungen erschien, wobei der dritte Punkt zu einer Anerkennung der Souveränität der DDR umgedeutet worden war, schrieb die bundesdeutsche und internationale Presse von einer "Affäre Kroll".

Der Kanzler setzte - gegen das Votum des neuen Außenministers Gerhard Schröder - mit Krolls Rücksendung nach Moskau ein Zeichen. Chruschtschow reagierte am 27. Dezember 1961 durch die Übergabe eines Schriftstücks ohne Absender und Adressat, das dem Botschafter zur Weiterleitung nach eigenem Ermessen übergeben wurde.

Doch die Bundesregierung erteilte mit ihrer Antwort vom 17. Februar 1962 - federführend formuliert vom Auswärtigen Amt - dem sowjetischen Memorandum und eventuellen bilateralen Kontakten eine klare Absage. Unabhängig davon, aber zur selben Zeit, entbrannte eine neue Affäre um Kroll, der gegenüber Journalisten Einzelheiten der ostpolitischen Überlegungen des Kanzleramts ausplauderte, die teilweise im Gegensatz zur offiziellen Politik standen. Kanzler und Außenminister waren sich einig, den Moskauer Botschafter nun abberufen zu müssen. Am 18. September 1962 verließ Kroll Moskau.

Auf Abberufung folgt Eiszeit

Im Laufe des Jahres 1962 verschlechterten sich die bilateralen Beziehungen. Genau zu dem Zeitpunkt - so paradox es klingt - als die Berlin-Krise ihrem Ende zuging. Krolls Abberufung spielte dabei keine ausschlaggebende Rolle, dafür aber das Versäumnis der Bundesregierung, einen gleichrangigen Nachfolger zu benennen.

Das hohe persönliche Ansehen, das der Botschafter in Moskau genoss, zeigen die Erinnerungen Valentin Falins, der Kroll "zu den interessantesten ausländischen Vertretern zählte..., weil er sich nicht als Delegierter von Partei- oder Koalitionsdogmen verstand, sondern als Vertreter der Nation".

Die Außenwirkung Krolls ging weit über das für einen Botschafter übliche Maß hinaus. Die kurz nach seinem Tod erschienen Memoiren wurden nicht nur vorab im "Spiegel" abgedruckt, sondern hielten sich auch monatelang auf der Bestsellerliste. Schließlich stellte er für die Bundesrepublik die Verbindung zur vierten, östlichen Siegermacht dar. Denn die bilateralen Beziehungen wurden weder durch Regierungskonsultationen wie heute, noch durch regelmäßige Treffen hoher Regierungsmitglieder wie nach dem Rapallo-Vertrag von 1922 gestaltet. Darüber hinaus verband die bundesdeutsche Öffentlichkeit mit dem Botschafter auch eine gewisse Hoffnung bezüglich der Ost- und Deutschlandpolitik.

Seinem langfristigen Ziel, der Wiedervereinigung, brachte Kroll während seiner Amtszeit die Bundsrepublik zwar keinen Schritt näher. Doch nicht ohne Ergebnisse verfolgte er sein kurzfristiges Ziel, ein Stück Normalität in die bundesdeutsch-sowjetischen Beziehungen zu bringen. Darum wurde die auf Krolls Wirken folgende Eiszeit als anormal angesehen und deren Überwindung als notwendig, was 1970 durch den Abschluss des Moskauer Vertrags erreicht wurde.