Briefe an den Mann auf See: "Nun tropfen doch die Tränen aufs Papier"
Briefe an den Mann auf See "Nun tropfen doch die Tränen aufs Papier"
Als mein Vater sich impfen lassen musste, war meiner Mutter klar: Die nächste Reise geht in die Tropen. Wenige Monate später, am 10. November 1934, drängelten sich Tausende von weinenden und winkenden Menschen am Pier von Wilhelmshaven. Darunter auch meine vom Abschied tief bekümmerte Mutter. Die Bordkapelle spielte. Die Matrosen winkten ihren Liebsten Lebewohl. Leise legte der Auslandskreuzer "Emden III" ab. Die neue Hakenkreuzflagge flatterte im Wind. Langsam verschwand die "Emden" im Grau des Abends.
Karl Dönitz, der spätere Oberkommandant der deutschen Kriegsmarine, führte diese fünfte Auslandsreise der "Emden". Dieses Mal ging es nach Afrika. Das Schiff diente als Schulkreuzer für Kadetten, die nach der Reise zu Fähnrichen befördert wurden. Mein Vater, Kurt Voigt, diente an Bord zunächst als Zahlmeister, später als Verwaltungsoffizier.
Wir waren kurz zuvor nach Wilhelmshaven gezogen. Meine Mutter, Erika Voigt, war in der Stadt noch fremd. Die Trennung von meinem Vater traf sie deshalb besonders schmerzhaft. Unterstützung fand sie vor allem bei den Frauen der anderen Offiziere, die auf der "Emden" dienten. Sie nannten sich "Emdenfrauen". Auf die "Emden III" war man in Marinekreisen besonders stolz. Sie war der erste Kriegsschiff-Neubau nach dem Ersten Weltkrieg. Ihre Vorgängerin, die "Emden I", war im Ersten Weltkrieg nach heftigem Gefecht ruhmreich untergegangen, weshalb die Emden III nun am Bug das Eiserne Kreuz tragen durfte.
"Ich bin stolz, eine Emdenfrau zu sein"
Aus dieser einfachen, nur der Marine verhafteten Welt berichtete meine Mutter meinem Vater in besinnlichen, oft ein wenig ängstlichen, dann aber auch wieder zuversichtlichen Briefen. Sie sind ein wertvolles Zeugnis dafür, wie der Alltag der Emdenfrauen aussah, was sie bewegte und was sie erlebten. Den ersten Brief schrieb meine Mutter bereits einen Tag nachdem die "Emden" ausgelaufen war.
11. November 1934: Um 10:20 war eine Übertragung vom Auslaufen der "Emden". Es war sehr spannend, alles geschildert zu hören, was man eben erlebt hatte, die Musik wieder zu hören, Dönitz' Stimme so deutlich. Ich bin trotz allem froh, eine Emdenfrau zu sein und meinen Mann und sein Schiff in so wichtiger Mission draußen zu wissen.
Sie hatte sich mit der Trennung arrangiert. Trotzdem trieb sie die ständige Sorge um das Wohlergehen ihres Mannes um. Es lässt sich lebhaft vorstellen, wie sie mit den anderen Emdenfrauen beim Kaffee zusammen saß und sie sich gemeinsam den Alltag auf dem Schiff ausmalten. 536 Mann waren an Bord des gerade einmal 155 Meter langen Kreuzers: Die Enge muss teilweise bedrückend gewesen sein insbesondere unter den klimatischen Bedingungen in Afrika.
18. November 1934: Frau Domke hat ein Magrifu (ein Funktelegramm) von ihrem Mann, so weiß ich doch, dass ihr alle noch gesund seid. Ob Du Dich nun an das Alleinsein in der Kammer und den ausschließlichen Umgang mit den Kameraden gewöhnt hast? Jürgen fragt täglich nach Dir und sucht auszurechnen, wie lang ein Monat ist und wie viele Tage sieben Monate haben.
Eiserne Sparsamkeit
Viele Emdenfrauen hatten mit einem ewigen Geldmangel zu kämpfen. Die Gehälter der jüngeren Offiziere waren mager, das Leben damals aber teuer. Es musste eisern gespart werden und zwar überall. Trotzdem leistete man sich eine Hilfe im Haushalt. Zu uns kam Christa. Sie bekam fünf Mark im Monat. Zusätzlich zahlte meine Mutter ihr die Sozialversicherung. Das Thema Sparen spielte eine so große Rolle, dass sie es selbst in den Briefen an meinen Vater erwähnte und ihm stolz berichtete, wie sie die Heizkosten zu senken versuchte.
18. November 1934: Heute hab ich ein Drahtsieb bekommen. Ich siebe die Asche durch und gewinne dadurch eine Menge kleine Koksstücke, die noch mal brennen. Ich habe eine stille gefestigte Ruhe in mir, eine geduldige Zufriedenheit, die ich früher, wenn ich im voraus an den Winter der Trennung dachte, nicht für möglich gehalten hätte. Ich warte nicht mehr auf den nächsten Tag, ich nehme die tropfenden Stunden hin wie Geschenke.
Neben dem Haushalt engagierten sich einige der Emdenfrauen auch sozial. Meine Mutter beispielsweise half auf Anregung einer anderen Emdenfrau bei der Winterhilfe mit. Für sie war das eine willkommene Abwechslung im Einerlei des Alltags. Schließlich ging eine Dame ohne Begleitung eines Mannes nicht aus. Das schickte sich nicht. Nur zu den regelmäßigen Einladungen der Emdenfrauen konnten die Offiziersgattinnen gehen, ohne Anstoß zu erregen. Die Vorgesetztenverhältnisse der Männer übertrugen sich dabei direkt auf die Damen. Frau Dönitz war also etwas Besonderes. Was es bei ihr an Kuchen gab, wurde deshalb ausführlich besprochen.
Leise Parfüms und zarter Zigarrenduft
24. November 1934: Gestern war ich nachmittags von vier bis sechs Uhr zur Nähstunde für die Winterhilfe in der Gewerbeschule. Frau Dohmke hatte mir zugeredet, mitzugehen. Ich bekam einen zugeschnittenen Bettbezug und musste ihn auf der Maschine nähen. Dann musste ich ein Kinderhöschen stricken. Bei Frau Dönitz war es sehr festlich. Sie haben einen luchsartigen braunen Hund, der Salzmandeln und Kekse fraß. Wir bekamen Rheinwein und nachher Salat. Frau Topp lud zu Freitag ein.
Wenn die Damen zu uns kamen war meine Mutter immer furchtbar aufgeregt. Christa musste dann putzen, backen, Bestecke putzen, Gläser anhauchen und polieren. Was für ein Aufstand! Für die Frauen waren diese Veranstaltungen aber etwas wirklich Besonderes. Ich hab das alles immer staunend und lächelnd erlebt, roch die leisen Parfüms, manchmal zarten Zigarettenduft. Den Trennungsschmerz konnten diese Veranstaltungen dennoch nicht wirklich lindern.
29.November 1934: Nun habe ich Deinen Brief vom 18. und bin ganz zitterig und durcheinander gewirbelt vor Freude. Die ganze Zeit habe ich nicht geweint, nicht mal bei dem bitterschweren Abschied, aber nun tropfen doch die Tränen aufs Papier, der Widerhall des eigenen Empfindens im Herzen des liebsten Menschen, das zu hören ist wehmütig süßes Glück. Wie schön Du von der Seefahrt und von dem weniger schönen Impfen schreibst. Und nachts ist es so heiß bei Euch.
"Wir haben Tränen gelacht"
Die "Emden" hatte Angola passiert und in Kapstadt war es tatsächlich so heiß, dass die Weihnachtskerzen schmolzen. Die vom Versorgungsschiff mitgebrachten Christbäume hatten ihre Nadeln verloren. Die Besatzung schwitzte im stählernen Schiff. Den Luxus einer Klimaanlage kannten die Männer noch nicht. Tag für Tag fieberte meine Mutter mit, nahm Anteil am Leben an Bord. Darüber vergaß sie aber nicht, aus dem Wilhelmshavener Leben zu berichten.
1.Dezember 1934: Schade, dass Du nicht in die Berge konntest. Das Fest hast Du fein beschrieben, besonders die Musik, ich musste sehr lachen, und der Postrat! Ich musste gleich den großen Atlas holen und Jürgen die Häfen zeigen. Gestern war ich wieder in der Gewerbeschule zum Nähen.
4.Dezember 1934: Gestern Abend war unser Emdenzusammensein bei Frau Topp. Sie haben eine schöne Wohnung Bismarckstraße 104, 3 Treppen. Ich mag Frau Topp gern, sie ist so gesund und ursprünglich. Witze hat sie uns erzählt ... einfach doll! Wir haben Tränen gelacht und Frau Dönitz erst.
"Der Führer ist doch so gut und ritterlich"
In den folgenden Monaten traten die Alltagsgeschichten in den Briefen eher in den Hintergrund. Sie berichtete öfter über politische Ereignisse. Hatte sie sich mittlerweile in Wilhelmshaven eingelebt, so dass sich der Fokus ihres Interesses änderte? Oder hatte sich die politische Situation so spürbar zugespitzt, dass sie es für berichtenswert erachtete? Vielleicht bat sie auch mein Vater um mehr Informationen.
15. Januar 1935: Von der Saar kommen nur knappe Nachrichten, aber es ist wohl an einem guten Ausgang nicht zu zweifeln. Heute sind immer Radiovorträge über die Saarabstimmung. 90,5 Prozent sind fürs Reich. Überall ist frohe Stimmung. Wir haben auch geflaggt, und zwar am Balkon, die Flagge mit Bindfaden befestigt. Jürgen hat schulfrei.
Wenige Wochen später, am 18. Februar 1935, wurden Renate von Natzmer, Benita von Falkenhayn und einige andere Frauen hingerichtet, weil sie für den polnischen Nachrichtendienst spioniert hatten. In Wilhelmshaven muss der Prozess und die Hinrichtung für einiges Aufsehen gesorgt haben. Meine Mutter hielt den Vorfall jedenfalls für so bedeutend, dass sie einen Zeitungsartikel zu dem Thema ausschnitt und ihn meinem Vater schickte.
20.Februar 1935: Ich schicke Dir einen Ausschnitt von der Spionageaffaire mit. Die Mädels sollen in Saus und Braus gelebt haben. Aber furchtbar ist es doch, dass Frauen hingerichtet werden. Dem Führer mag es schwer geworden sein, er ist doch so gut und ritterlich.
Vorfreude auf die baldige Rückkehr
26.Mai 1935: Eben hörte ich einen wundervollen weichen Tango, der ist mir doch so nahe gegangen, dass ich die Augen schließen und sehnsüchtig an Dich denken musste. Ich möchte einmal wieder mit Dir tanzen. Ich würde dann ein Tanzkleid anziehen, ach, das wäre zu schön, wir beide ganz allein im Herrenzimmer. Morgen in 14 Tagen lauft ihr ein.
Am 14. Juni 1935 lag die "Emden" endlich in der Schleuse von Wilhelmshaven. Ich interessierte mich vor allem für die Kammer meines Vaters, in der geheimnisvolle Mitbringsel aufgebaut standen: eine aus einem Baumstamm geschnitzte Trommel, zwei lange Speere, ein großer Bogen und viele Pfeile. Ich war hin und weg. Die Monate der Trennung waren im Nu vergessen. Ob meine Eltern tatsächlich im Herrenzimmer Tango tanzten? Ich weiß es nicht mehr. Erst im Oktober 1935 stach mein Vater wieder in See.