Bürgergesellschaft: Ritter der Tafelrunde
Bürgergesellschaft Ritter der Tafelrunde
Der ehemalige Manager stapelt heute Kisten. Für die Hamburger Tafel greift sich Teddy Sassenberg, ein kräftiger, graumelierter Mittsechziger, eine Lebensmittelkiste nach der anderen, und stellt sie im Transporter ineinander. "Wenn es gut läuft, können es bis zu achtzig Stück werden", erzählt er, der einst beim Hamburger Chemiekonzern Beiersdorf im Produktmanagement tätig war.
Jeden Donnerstag fährt Sassenberg auf einer festgelegten Route von einem Supermarkt zum nächsten und sammelt übrig gebliebene Lebensmittel ein für die Hilfsorganisation "Hamburger Tafel". "Als ich nach über 25 Jahren frühpensioniert wurde, brauchte ich eine neue Aufgabe," erinnert sich der Ex-Manager. "Der Pfadfindergedanke vom Nehmen und Geben, der dahinter steckt hat mich angesprochen."
Vor mehr als zehn Jahren kam er über einen Zeitungsartikel zu der Hamburger Einrichtung und heute befriedigt es den ehrenamtlichen Helfer sichtlich, dass er "nicht mehr nur praktisch denkt, sondern auch mit beiden Händen zupackt". Feste ehrenamtliche Helferin ist auch Monika Beil, 57, an diesem Tag Sassenbergs Co-Pilotin. Die zierliche Pharmazeutische Assistentin spendet nach der Pensionierung wie all die anderen der rund einhundert Helfer einen Teil ihrer Zeit. "Ich will anderen, denen es deutlich schlechter geht als mir, helfen", sagt sie.
Hinter der Hilfe steckt auch ein bisschen Egoismus
Damit diese Hilfe auch dahin kommt, wo sie so dringend benötigt wird, organisiert Jon, der Zivildienstleistende mit dem strubbeligen Schopf, im Büro der Hamburger Tafel im Stadtteil Eimsbüttel über ein modernes Logistikprogramm die Verteilung der Lebensmittel in der Stadt. "Nach dem Einladen fahren wir täglich parallel bis zu sechs Touren aus", erzählt er. "Im Monat setzen wir bis zu 180 Tonnen um."
Die Hamburger Tafel beliefert einhundert Einrichtungen in der Millionenstadt: Obdachlosenasyle, Kinderbetreuungsstätten für Straßenkinder, Schulen, aber auch Einrichtungen der Kirchen, in denen ganze Familien betreut werden, gehören dazu. Ein Teil der Naturalien wird dort kostenlos weitergereicht. Der Großteil der Lebensmittel aber wird zu Mahlzeiten verarbeitet, die die Bedürftigen vor Ort verzehren können. 1.200 Obdachlose profitieren von der Arbeit der Tafel, die eines der wichtigsten Grundbedürfnisse des Menschen, nämlich genug zu essen zu haben, deckt.
"Hinter jeder Hilfe steckt aber auch ein kleines bisschen Egoismus", verrät Annemarie Dose, 79-jährige Gründerin der Hamburger Tafel. "Nach dem Tod meines Mannes vor vierzehn Jahren musste ich mich irgendwie selbst retten", erzählt sie. Gerade als sie sich damals fragte, was sie bloß mit dem Rest ihres Lebens anfangen sollte, hörte sie von der Entstehung der Berliner Tafel. "Ich dachte sofort: Das kannst du auch!", erinnert sie sich heute.
Schock im "Pik As"
Beim Bäcker sammelte sie übrig gebliebene Brötchen ein, um sie anschließend an Obdachlose zu verteilen. Heute ist ihre Hamburger Tafel eine der Größten des Landes. "Man wächst eben mit der Aufgabe", stellt die Seniorin trocken fest. "Und was wirklich zählt, ist unser Team. Ob einer Anwalt ist, arbeitsloser Angestellter oder Arbeiter - bei der Hamburger Tafel ist das ganz egal." Hierarchien gibt es nicht und vielleicht funktioniert die Hilfsorganisation gerade deshalb so gut.
Um die rund 15.000 Euro zu erwirtschaften, die für die Finanzierung der Autos, der Versicherungen der Mitarbeiter und der Büromiete im Monat nötig sind, wirbelt Annemarie Dose nicht nur im Büro herum. Die alte Dame organisiert auch Wohltätigkeitsevents mit Prominenten - das füllt die Spendenkasse. "Wenn's sein müsste, würde ich mich auch auf die Straße stellen und singen", sagt die patente Greisin.
Viel Einsatz zu bringen, das liegt auch Axel Emmermann und Ursel Bremer. Die beiden sind heute Nachmittag auf der "Mitte Tour" zuständig für die Ausgabe der Waren. "Direkten Kontakt zu den Menschen haben wir selten", sagt die Mittfünfzigerin, die selbst seit acht Jahren arbeitslos ist, mit ruhiger Stimme. Kisten voll Brot, abgepacktem Fleisch und Gemüse stellt sie in den Hof des "Pik As", eines der größten Obdachlosenasyle für Männer in Hamburg. "Einmal waren wir eingeladen, die Einrichtung zu besichtigen", ergänzt Emmermann, ein pensionierter Anwalt und Vater dreier Kinder. Nachdenklich gibt er zu: "Das war erschütternd. Mir war nicht bewusst, wie groß die Bedürftigkeit ist in unserer Stadt."
"Mit viel Geld zu kochen, ist kein Problem"
Vor dem Pik As warten and diesem Nachmittag der Koch und ein paar der Bewohner auf die beiden. Als sie sehen, was die Hamburger Tafel für sie mitbringt, zieht ein Hauch von Freude über ihre Gesichter. "Neben den Obdachlosen brauchen leider aber auch öfter Familien unsere Hilfe", schildert Annemarie Dose den aktuellen Trend in der Hansestadt. "Mit viel Geld zu kochen ist eben kein Problem", sagt sie "doch was, wenn in der Haushaltskasse wenig zur Verfügung steht?"
Hier setzt die Tafel mit gezielten Hilfsprogrammen an: Familienkochkurse beim Diakonischen Werk, bei einigen Hamburger Elternschulen oder im Bodelschwingh-Haus sollen helfen, das Problem an der Wurzel zu packen. Die Lebensmittel, die dabei zubereitet werden, stiftet übrigens auch die Hamburger Tafel. "Schon Kinder können lernen, zu wirtschaften, nur so wuppen sie die kommende Generation", sagt Annemarie Dose.
Denn auch das gehört zur Arbeit der Hamburger Tafel: Hilfe zur Selbsthilfe leisten, mit der die Bedürftigen weiter kommen.