Bundeswehr im Umbruch: Achtung Nato-Alarm!
Bundeswehr im Umbruch Achtung Nato-Alarm!
"Zu den Soldaten sollten die jungen Leute schon gehen. Das macht sie selbstständiger", hieß es zu meiner Zeit. Also ging ich zum "Bund". Nach meiner Grundausbildung kam ich zu einer Versorgungseinheit in die Nachschubkompanie des Versorgungsbataillons 76 im Lager. Die Einheit war in der Goeben-Kaserne in Stade stationiert.
In unserer Unterkunft zeigte eine Karte anschaulich, wie schnell die Russen vom nächsten Flugplatz in der DDR aus unsere Kaserne bombardieren könnten. Ganze fünf Minuten und die Bombe wäre da! Es lohnte sich also eigentlich gar nicht, sich groß zu verteidigen, dachte ich mir. Aber wahrscheinlich hingen bei den Russen ähnliche Karten in den Unterkünften. Schnell auf einen Angriff zu reagieren, dafür war unsere Einheit nicht ausgerüstet. Das Benzin lagerte in Kanistern, die Formulare in Regalen. Bei den Übungen wurde in stundenlanger Arbeit etwas davon auf die Lkws der Transportkompanie verladen und in den Bereitstellungsraum gefahren. Das passte zeitlich wohl nur in den Plan, weil der Kompaniechef fest darauf baute, dass die Russen erst wichtigere Ziele als unsere Kaserne platt machen würden.
In den Schlafstuben wurde auf penible Ordnung geachtet. Der Spind-Inhalt war nach Vorschrift zu ordnen. Fürs Privatfach galt die Vorschrift jedoch nicht. Die Zimmer waren jeden Freitag zu reinigen. Wer dann dem Unteroffizier beim Appell missfiel, durfte sich auf ein langes Wochenende in der Kaserne einrichten. Das betraf besonders diejenigen, deren wuchernde Haarpracht die Aufmerksamkeit der Vorgesetzten erregt hatte. Was so eine Überwachung nun mit Erziehung zur Selbstständigkeit zu tun haben sollte, habe ich nicht verstanden. Dasselbe tolerante Umfeld wie zu Hause, nur hier brüllten meine Kritiker einfach raus, was sie störte.
Nato-Alarm - des Wehrpflichtigen lästige Pflicht
Wo so viel Drill ist, wird natürlich geschummelt, um sich den Dienst zu erleichtern. Sobald es Gerüchte über einen Nato-Alarm gab, hörten wir den Deutschen Soldatensender 935, der sendete von Burg bei Magdeburg. Neben der tollen Musik, Schlager und Pop, die zu jener Zeit in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in dieser Menge nicht gespielt wurde, hatte der DDR-Propagandasender ein dickes Plus: Er informierte immer vorzeitig über anstehendes Ausrücken. Lange, bevor der Trubel bei uns in der Kaserne losging. So konnten wir in aller Ruhe unser Sturmgepäck packen und wurden sogar als vorbildliche Soldaten belobigt.
Fünf Minuten waren schon mehrfach vorbei, längst hätten die russischen Bomber laut Theorie ihr grausames Werk bereits verrichtet, da waren wir zur Ausgabe der Lage angetreten. Den Wortlaut kannten wir alle, auch ohne Radio: "Starke Kräfte des Warschauer Paktes haben bei Hamburg die Elbe überquert." Danach hieß es: "Das Versorgungsbatallion rückt sofort in den Bereitstellungsraum bei Bremervörde aus und wartet auf das Eintreffen weiterer Befehle."
Es wurde noch ein bisschen Diesel verladen, ein paar wichtige Formulare wurden eingepackt, und dann fuhren wir in den Wald bei Bremervörde. Wenn nicht gerade eine schrecklich laute Ballerei mit Übungsmunition veranstaltet wurde, warteten wir eigentlich nur auf den Befehl: Einrücken. Formulare und Diesel blieben dann auf den Fahrzeugen, die Sachen im Sturmgepäck. Donnerstags gab es übrigens nie Nato-Alarm. So hatte jeder stets noch genug Zeit, seine Sachen nach Vorschrift in den Spind zu räumen.
Der neue Reformkurs: Dienst mit Matte
Irgendwann erfuhren wir, dass einer von drinnen, also einer aus der Bundeswehr, gegen die Haarschnittkontrolle klagte. Bald waren lange Haare nicht mehr verboten. Wenn sie den Dienst beeinträchtigten, musste man halt ein Haarnetz tragen. Toll, dachte ich, das Denkverbot ist aufgehoben. Daran hätte ich mich gewöhnen können. Allerdings hatte ich für meinen damaligen Arbeitgeber, die Bundeswehr, das Gefühl, dass unser Produkt bald nicht mehr gefragt sein würde. Doch wir produzierten mit einer stoischen Ruhe weiter Sicherheit.
Der Nato-Alarm kam weiterhin über den Soldatensender 935 mit Vorwarnung, automatisch ergriff jeder Sturmgepäck und Gewehr. Doch halt, der Wortlaut zur ausgegebenen Lage hatte sich verändert: Nun hieß es nicht mehr "starke Kräfte des Warschauer Paktes hatten bei Hamburg die Elbe überschritten", sondern "starke Kräfte des potenziellen Gegners überschritten regelmäßig bei Hamburg die Elbe". Ansonsten ging sicherheitstechnisch alles seinen gewohnten Gang.
Ich ahnte, dass das ein erster Versuch war, verbal vom eingeübten Feindbild wegzukommen. Und das fand ich gut so. Allerdings konnte ich mir spöttische Gedanken nicht verkneifen: Der potenzielle Gegner, wer mochte das wohl sein? Und warum überschritt er nach wie vor mit starken Kräften die Elbe, wo wir doch jetzt unseren Willy und die Entspannungspolitik hatten? Wenn der potenzielle Gegner immer erst in Hamburg Quartier macht, wo machen dann die anderen Quartier? Und warum überschreiten die nicht bei Bremen die Weser? Was auch immer...
Soldat auf Zeit - nichts für mich
Ende der sechziger Jahre suchte die Bundeswehr noch verstärkt Zeitsoldaten. Es gab Prämien, es gab Gehalt. Aber da ich diese Tätigkeit nicht als meine Berufung gesehen habe und immer ein schlechter Sportler war, habe ich mich nicht verpflichtet.
Die Umwerbungen von Seiten der Vorgesetzten waren massiv. Als die Kameraden mal wieder "den potenziellen Gegner" bekämpfen mussten und ich in der Kaserne bleiben durfte, kam eines Morgens in der Früh mein Vorgesetzter mit zwei Flaschen Bier und einer Flasche Korn und schenkte ein. Damals, als junger Gefreiter, versprach ich mir einen leicht benebelten Vormittag. Doch bevor ich den "Werberwein" in Form eines Kurzen trinken konnte, fragte der Vorgesetzte, ob ich mich nicht verpflichten wolle. Ich verneinte. Und Kornflasche und Vorgesetzter verschwanden augenblicklich.