Che Guevara und ich: Im Angesicht der Revolution
Che Guevara und ich Im Angesicht der Revolution
Die ersten Worte nach der Passkontrolle im "Tor des Friedens" im Flughafengebäude von Daressalam: "Hände an die Wand! Beine auseinander!" Ein tansanischer Polizist presst mir den Lauf seines Gewehres in den Rücken, unterhalb meines Tornisters an der Kreuzbeinbasis. Ich stehe frontal vor der Mauer, die Arme auseinander, die Hände an die Wand gepresst, die Beine gespreizt. Vor vier Jahren habe ich schon einmal als großes X vor einer Wandfläche gestanden: 1961 in Paris. Als 17-Jähriger war ich durch Frankreich getrampt, am Stadtrand von Paris kam ich auf der Suche nach einer billigen Herberge mit einem Algerier ins Gespräch. Bei einer Polizeirazzia wurden wir zur Feststellung unserer Personalien aufgefordert, uns mit gespreizten Armen und Beinen an eine Wand zu lehnen. Der Algerier wurde festgenommen und abgeführt. Was wird mit mir hier in Tanganyika geschehen?
Es geschieht nichts. Ich werde nicht abgetastet. Es folgt auch kein neuer Befehl. 'Jetzt nur nicht bewegen!', denke ich und halte den Atem flach. Ich spüre ein Kribbeln oberhalb meines Gesäßes, dort, wo der Gewehrlauf mich drückt. Alles Blut aus allen Adern scheint aus allen Richtungen auf diesen Druckpunkt hin zu fließen. Schmerzen kriechen aus unbewussten Sphären in meinen Lendenwirbelbereich. Hier, an dieser Stelle, bin ich schon einmal bedrängt gewesen. Ob der jetzt abdrückt? Meine Gedanken kreisen nur um diesen einen Punkt. Ich gebe mich dem Schicksal nicht hin und halte beide Augen geöffnet.
Mit halbem Ohr und Auge nehme ich eine Gruppe Spanisch sprechender Männer in meiner Nähe wahr. Unter ihnen ein etwas dicklicher Mann, glattrasiert und mit Sonnenbrille, von dem eine unsichtbare Ausstrahlung ausgeht. "Ramon", höre ich einen der Männer den eingereisten Brillenträger dem Empfangskomitee vorstellen. Der Neunankömmling in dieser Runde leuchtet im Strahlenglanz seiner Aura. Für einen kurzen Moment wendet der Erleuchtete sein Haupt, hebelt mit den Fingerspitzen beider Hände an den Bügeln den Bogen zwischen den dunklen Gläsern bis an die Nasenspitze hinab, lugt über deren Ränder hinweg und schaut mit offenen Augen dem jungen Mann in den Fängen des Waffenträgers direkt ins verzweifelte Gesicht. Es scheint, als werfe er mir, dem Bedrängten, dem in Windeseile eine Ahnung durch die Sinne schnellt, durchbohrende Blicke zu.
Trägt der keinen Bart?
Che Guevara? Aber trägt der nicht wallendes Haar und einen Bart? Und hält er sich nicht im Kongo auf? Ich habe mich wohl bei meinen Gedankenausflügen unbotmäßig bewegt. Schon spüre ich einen ruckartigen Druck an meinem Lendenwirbel, und die Gedankenblitze lösen sich im Reich des Vergessens auf. Während ich in meiner jugendlichen Naivität als 20-Jähriger Afrika aus Abenteuerlust bereise, ist der Argentinier Che aus Cuba schon 36 Jahre alt und hat gewichtigere Beweggründe für seinen Afrikatrip. Ich erfahre sie von dem britischen Diplomaten, der mich aus den Fängen der tansanischen Flughafenpolizei befreit.
Che ist in einer geheimen Mission nach Tansania gekommen. Mit dem Staatspräsidenten Julius Nyerere hat er neben entwicklungspolitischen Themen Möglichkeiten der Unterstützung der revolutionären Bewegungen auf diesem Erdteil besprochen. Che ist von Nord nach Süd durch Afrika unterwegs. Der Revolutionär und ich, wir beide sind in entgegengesetzter Richtung zeitgleich zum Zentrum des Kontinents gereist. Che ist von Algier über Mali, Kongo Brazzaville nach Guinea und Ghana gekommen, wieder zurück nach Algier gereist und dann unverhofft, zur Überraschung der CIA-Agenten, die seine Fährte verfolgen, zu einem Kurztrip nach China aufgebrochen. Von dort aus ist er zurück nach Afrika gekehrt, um in Daressalam zu landen - vermutlich ohne Schikanen bei der Passkontrolle.
Die unsichtbaren US-Geheimdienstagenten auf seiner Spur haben das Bewegungsprofil nach Langley in die CIA-Zentrale gekabelt. In der tansanischen Metropole hat sich Che im Geheimen auch mit "freedom fighters" aus dem Kongo getroffen. Diese erwarten Unterstützung und militärisches Training auf Kuba und finanzielle Hilfe für ihre Rebellion. Zur gleichen Zeit habe ich unbedarfter Vagabund aus Deutschland mich auf Trampfahrt in den Kongo befunden, wo ich mich auf der anderen Seite der Front wiederfinden sollte.
"Er muss sich tarnen!"
Der "Simba" Kabila, das Löwenherz, dessen Befreiungsbewegung aus geheimen Quellen finanziert wird, ist dem Che ein folgsamer Bundesgenosse. Während die anderen Rebellenführer das Kongo-Problem als ein rein afrikanisches verstehen, teilt Kabila die Meinung von Che, dass der Befreiungskampf ein globaler antiimperialistischer Krieg sein müsse und nicht ein lokales Scharmützel. Kabila, der sich zweiunddreißig Jahre später - so hat es die CIA beschlossen - an die Spitze des Kongo putschen würde, und Che, der zwei Jahre nach der Zusammenkunft der beiden auf Beschluss der CIA in Bolivien exekutiert werden würde, werden sich einig: 30 kubanische Ausbilder und Waffen werden den Rebellen angeboten.
Woher er das alles wisse, frage ich den britischen Diplomaten. "Unser MI Six...", setzt der an und bricht seinen Satz ab. Ich sage: "Kann es sein, dass Che schon wieder hier ist? Ich habe da im Flughafengelände..." - "Woher weißt du das?", unterbricht mich der Diplomat barsch. "Sie nannten ihn Ramon." - "Che hat viele Namen: Julio, Tatu..."- "Aber er sieht ganz anders aus." - "Er muss sich tarnen." - "Und was will er hier?" - "Revolution! Er hat mit Kabila vereinbart - das ist der Rebellenführer jenseits des Tanganyikasees -, Waffen und Kämpfer zu liefern. In den nächsten Tagen dürfte seine Expedition nach Kigoma beginnen." - "Ihr wisst das alles und verhindert es nicht?" - "Solange deren Treiben britische Interessen nicht berührt, unternehmen wir nichts. Wir beobachten nur. So wissen wir auch, was Che mit Nyerere besprochen hat."
Der tansanische Staatspräsident stimmt mit Che überein: Die revolutionären Bewegungen in Afrika sollen breite Unterstützung erfahren. Trotzdem wird aus der Vereinbarung über die Revolution überall in Afrika später nichts werden - die "Weltgemeinschaft" verhindert es.
Zum Weiterlesen:
Der Text ist ein (leicht geänderter) Auszug aus Björn Pätzoldts Buch "Draußen ist Freiheit: Eine deutsche Nachkriegsbiographie".