Club der Gastarbeiter Tapas im Verein
Wer sein Land verlässt, der will ein Stück Heimat mit in die Fremde nehmen. In den achtziger Jahren schufen sich meine eingewanderten spanischen Freunde in Bochum deshalb ihre ganz persönliche Peña de la Amistad, einen Club zur Pflege gemeinschaftlicher und freundschaftlicher Begegnungen. Schließlich war die fremde deutsche Umgebung nicht nur wetterbedingt kühler als die ferne iberische Heimat. Als das katholische Bistum Essen seinen südeuropäischen Schäfchen kostenlose Räumlichkeiten anbot, wurde gar nicht erst lange gefackelt.
Deutsche Gäste waren von Anfang an willkommen. Man wollte sich nicht verschließen, sondern einen Raum schaffen, in dem sich gemeinschaftlich pflegen ließ, was man in der Fremde entbehrte. Es gab einen Vorsitzenden, einen Stellvertreter, einen Kassenwart und einige Beisitzer. Obwohl es sich formal nicht um einen Verein handelte, organisierte man den Club, als wäre er einer. Man wollte alles richtig machen. Bevor das Clubleben so richtig beginnen konnte, musste gewerkelt werden. Jeder trug bei, was er konnte. An Fähigkeiten mangelte es nicht. Man renovierte und zimmert sich sogar eine kleine Bar.
Wichtig war von Anfang an das leibliche Wohl. Getränke und - ganz wichtig! - Tapas-Nachschub. Der wurde von einem Großhändler besorgt, damit man sich während des Thekenplauschs, des Kartenspiels und der gemeinschaftlichen Knobeleien auch gut versorgt wusste. Gespielt wurde häufig um Tapas. Wer würde die nicht dem schnöden Mammon vorziehen? Besonders, wenn man in einem Land lebte, das unter der kulinarischen Fuchtel der schnöden Kartoffel stand? Wer nicht um die kleinen Köstlichkeiten spielte, bekam Garnelen, Tintenfisch, Sardellen & Co. sowie Rotwein und den obligatorischen Carajillo, eine Art Espresso mit spanischem Weinbrand, zu günstigen Preisen aus der clubeigenen Küche.
Hitziger Regionalpatriotismus
Der Club zählte in seiner Blütezeit etwa 70 Mitgliederfamilien, die monatlich einen erschwinglichen Beitrag zahlten. Die aktiveren Mitglieder waren allerdings die Männer. Damals war die Rollenverteilung durchaus noch als traditionell zu bezeichnen. Der Repräsentant und Kopf der Familie war der Mann. Der Machismo, das dickköpfig-männliche Überlegenheitsgefühl den Frauen gegenüber, war bei vielen der Männer unangefochten. Auch untereinander konnte es hitzig werden: Die unterschiedliche Herkunft und die verschiedenen Mundarten der Clubmitglieder, die aus Andalusien, der Extremadura, Galicien und Madrid kamen, sorgten mit ihren jeweiligen Eigenheiten immer wieder für Zündstoff. Regionalpatriotismus war in der Fremde erst recht angesagt.
Trotz der männlichen Dominanz kamen die anderen Familienmitglieder nicht zu kurz. Kinder und Jugendliche hatten sich während der ersten Clubjahre einen schalldichten Musikraum gewünscht - und bekommen. Darüber hinaus bot die Pfarrei in verschiedenen Fächern Nachhilfe- und Musikunterricht an. Das Angebot wurde gerne angenommen. Ergänzt wurde die Familienbetreuung durch einen spanischen Sozialbetreuer. Er sprach recht gut Deutsch und war daher nicht zuletzt Ansprechpartner für die Spanier in behördlichen Angelegenheiten.
Es gab sogar einen spanischen Geistlichen, der zusammen mit einem deutschen Sozialarbeiter vom Bistum Essen beauftragt worden war, für seine Landsleute ständig zur Verfügung zu stehen. Außerdem ergänzte er in den umliegenden Gemeinden mit einem hohen Anteil spanischer Gastarbeiter das übliche Pfarrangebot mit spanischsprachigen Gottesdiensten. Dazu gehörten auch die Seelsorge, Taufen, Eheschließungen und die Sterbesakramente.
Das Ende des spanischen Clubs
Der Hauptarbeitgeber der unter Vertrag zugewanderten spanischen Clubmitglieder war damals das Bochumer Opelwerk. So waren denn auch die Arbeit und alle damit verbundenen Probleme häufig Gesprächsthema. Aufgrund der sich damals abzeichnenden Automobilkrise sprach man vor allen Dingen über Frühverrentungen und Entlassungen. Etliche Spanier machten von den angebotenen Abfindungen Gebrauch und kehrten in ihre Heimat früher zurück als ursprünglich geplant. Spanien bot seinen Landsleuten ein sogenanntes Rückkehrer-Programm an und griff Heimkehrwilligen finanziell unter die Arme, um nach jahrelangem Auslandsaufenthalt die erneute Eingliederung in spanische Arbeits- und Lebensverhältnisse zu erleichtern.
Die meisten Clubmitglieder waren verheiratet, einige hatten Kinder in Deutschland bekommen. Andere waren Beziehungen mit Deutschen eingegangen, so wie meine spanische Frau mit mir. Die Kinder gingen in deutsche Kindergärten und Schulen, wo sie die deutsche Sprache lernten. Ergänzend gab es Förderunterricht in spanischer Sprache, den der spanische Staat finanzierte. Trotzdem ergaben sich durch die Berufstätigkeit meist beider Elternteile sprachliche Lücken bei den Kindern. Wenn sie von den Alten aufgefordert wurden, spanisch zu sprechen, waren sie dazu zwar in der Lage. Aber sie spickten ihr Spanisch mit spezifisch deutschen Redewendungen, entweder wortwörtlich ins Spanische übersetzt oder auf Deutsch.
Inzwischen sind die meisten spanischen Gastarbeiter zurückgekehrt und leben als Rentner in ihrer Heimat. Heute erleben sie selbst, wie sich die Arbeitsmigration vor ihren Augen wiederholt. Unter den veränderten Vorzeichen einer sehr viel stärker globalisierten Welt. Die Peña existiert noch immer und wird sicherlich wegen fehlender Mitgliederzahlen irgendwann schließen. Denn es fehlt der Nachwuchs. Die Nachkommen der Gastarbeiter, die in den sechziger und siebziger Jahren nach Deutschland kamen, sind angekommen und brauchen keine spanische Heimat mehr auf deutschem Boden. Damals dagegen war es, wie es war: Außerhalb der Kirche gab es von deutscher Seite wenig Bemühungen, die Zuwanderer auf Zeit in ihre gesellschaftliche Mitte aufzunehmen. Gut, dass die Spanier katholischen Glaubens waren.