Concorde: Der letzte Flug der "Fox Bravo" - DER SPIEGEL
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Das Ende der Concorde: Abschied von der weißen Überschall-Göttin

Foto: Andreas Spaeth

Das Ende der Concorde Abschied von der weißen Überschall-Göttin

2003 hob die Concorde "Fox Bravo" ein letztes Mal ab. Ziel: das Auto & Technik Museum Sinsheim, wo sie eingemottet werden sollte. Mit an Bord war der Concorde-Fan Andreas Spaeth. Hier erinnert er sich an den finalen Flug, Überschalltrips mit Herzogin Fergie und Schreckensmomente nach 9/11.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich bin ein unverbesserlicher Concorde-Fan. Und ich bin nicht allein. Erst kürzlich sagte mir eine befreundete Privatpilotin, gerade 25 Jahre alt, sie würde ihren ganzen Besitz hergeben, wenn sie dafür einmal Concorde fliegen könnte. 1976 begann die Ära der Concorde, am 26. November 2003 flog sie zum letzten Mal. Ich war wenige Monate zuvor, am 24. Juni 2003 auf dem letzten Flug der Concorde "Fox Bravo" dabei. Es war der zweite Abschied von meiner großen Liebe - den ersten, viel dramatischeren hatte ich schon knapp zwei Jahre zuvor erlebt.

Die Concorde: Schnell wie eine Gewehrkugel, mit mehr als doppelter Schallgeschwindigkeit in bis zu 18 Kilometern Flughöhe unterwegs. Dabei aus heutiger Sicht ein unfassbarer Anachronismus: Ein Wahnsinns-Spritschlucker, der einen infernalischen Lärm produziert, um gerade mal hundert Passagiere in dreieinhalb statt sonst acht Stunden über den Atlantik zu expedieren.

Ich habe mich als Luftfahrtjournalist schon früh für die Concorde begeistert und immer von einem Mitflug geträumt. Im Januar 1993 war es dann soweit - ich musste dafür allerdings den Abgabetermin für meine Diplomarbeit verschieben. Bis 1997 bin ich dann noch dreimal auf Linienflügen dabei gewesen. Nach diesem Fluggefühl konnte man süchtig werden: von den Nachbrennern beim Start in die Sitze gepresst zu werden wie bei einer Rakete. Durch die nur handgroßen Minifenster zu sehen, wie die Erde immer kleiner wurde. Wie unter einem die langsamen Jumbojets zurückblieben, und bei klarem Wetter aus der Reiseflughöhe tatsächlich die Erdkrümmung zu erblicken - und direkt über dem Flugzeug der pechschwarze Himmel, der Beginn des Weltalls.

Abstürze statt Aufbruchstimmung

Riesig war der Schock, als die Concorde am 25. Juli 2000 bei Paris abstürzte. Flug AF 4590 hatte beim Abheben ein Titan-Teil eines anderen Flugzeugs überrollt, woraufhin der Reifen der Concorde platzte. Die herumfliegenden Gummiteile durchschlugen die Tragfläche, das Triebwerk der startenden Maschine geriet in Brand, nur wenige Sekunden später schlug die Concorde in einem Hotel nahe dem Pariser Flughafen ein. 113 Menschen starben. Im Feuerball der Explosion verglühte auch der Nimbus des Wundervogels.

Statt am Boden zu bleiben, stieg ich drei Tage nach dem Crash in eine British-Airways-Concorde nach New York, die vorerst weiter flog. Die "Zeit" hatte mir ein Ticket gekauft, damit ich eine Reportage über das Fluggefühl nach der Katastrophe schreiben konnte. Erst ab dem 15. August 2000 mussten alle Concordes am Boden bleiben, nachdem die Behörden grundsätzliche Sicherheitsbedenken geäußert hatten

Doch Air France und British Airways, die beiden Betreiber von insgesamt nur 14 je gebauten Serienmaschinen, wollten die Concorde unbedingt wieder in die Luft bekommen. Am 5. September 2001 war es soweit, die Behörden hatten die in der Zwischenzeit modifizierten umgerüsteten Concordes wieder für den Betrieb zugelassen. Für den Nachmittag des 11. September 2001 war ich mit anderen Journalisten nach London-Heathrow eingeladen, wo uns British Airways nach dem ersten Testflug über die Fortschritte berichten wollte.

Vor der Konferenz stand ich auf der Aussichtsterrasse des Flughafens, sah viele Maschinen nach Amerika abheben. Nicht ahnend, dass sie wenige Stunden später wieder hierher zurückzukommen würden. Dann rief meine Frau an. Ein Flugzeug sei in das World Trade Center in New York geflogen. Dann saßen wir in einem Konferenzraum und warteten auf Mike Bannister, den Concorde-Chefpiloten, der gleich nach seinem Testflug zu uns kommen sollte. Ein Fernseher lief, und wir konnten nicht fassen, was wir sahen. Ein zweites Flugzeug raste in die Zwillingstürme.

Die Welt ist aus den Fugen - die Concorde fliegt weiter

Bannister betrat den Raum. "Das sieht ja fürchterlich aus", kommentierte er die TV-Bilder knapp. "Aber jetzt machen wir das aus und reden über die Concorde", verkündete er unmissverständlich. Wir waren völlig baff: Hier schien gerade die bisher bekannte Weltordnung völlig aus den Fugen zu geraten, und er wollte das einfach ignorieren?

Zumal ja gerade die Concorde extrem vom New Yorker Flugmarkt abhängig war, zählten doch vor allem Banker und Unternehmer zu jener Klientel, die zwischen dem Big Apple und Europa pendelten und nach Dienstschluss an der Themse schnell noch auf eine Cocktailparty nach Manhattan jetteten.

Während Mike Bannister mit Hingabe referierte und sichtlich froh war, dass der Testflug gut gelaufen war, schickte mir meine Frau eine SMS: "Der eine Turm in New York ist jetzt eingestürzt". Ich konnte es nicht fassen: Wir saßen hier eingebunkert und redeten über Radialreifen und Kevlar-Gummi-Elemente, während das alles durch das Weltgeschehen gerade völlig irrelevant zu werden schien.

Denkwürdiger Flug

Tatsächlich war der 11. September 2001 nach dem Crash von Paris so etwas wie der zweite Todestag der Concorde. Denn es war klar, dass sich der Flugmarkt über den Atlantik so schnell nicht von den Terroranschlägen und seinen Folgen erholen würde - zumal der Concorde-Betrieb ohnehin defizitär war.

Außerdem verzögerten die Anschläge die Wiederaufnahme des Concorde-Verkehrs. Erst am 7. November 2001 flogen Air France und British Airways wieder nach New York-JFK. Ich durfte einige Tage später wieder mit der Concorde nach New York fliegen, am 12. November 2001. Es war ein extrem denkwürdiger Flug. Mit mir reisten nämlich Schauspieler Hugh Grant und Paul McCartney mit seiner damaligen Frau Heather Mills.

In letzter Minute wurde noch Fergie, die Herzogin von York, an Bord gebracht, saß auf Platz 1A für Super-Promis und verbrachte den Flug damit, Einlegeblätter für ihr neues Kinderbuch zu signieren. Hugh Grant schlief, und der Ex-Beatle ließ sich die edle Käseauswahl schmecken. Auf Du und Du mit Weltstars, auch das war für Normalpassagiere nur in der Concorde möglich.

Eine Concorde als Geschenk für deutsch Absturz-Opfer

In New York selbst dann helle Aufregung, der Flughafen nach unserer Landung gesperrt, Straßen und Tunnel nach Manhattan auch. Kurz zuvor war ein Airbus A300 von American Airlines über Queens abgestürzt, wir hatten die Rauchwolke bei der Landung gesehen. Zunächst dachten alle an einen neuen Terroranschlag, was sich zum Glück nicht bewahrheitete, 265 Tote durch ein Unglück waren tragisch genug. Das wussten wir aber noch nicht, als wir mit den Superstars eine halbe Stunde vor der vorübergehend geschlossenen Passkontrolle von einem Bein aufs andere traten und Paul McCartney Kaugummi verteilte.

Doch das zweite Leben der Concorde währte nicht lange, technische und wirtschaftliche Probleme häuften sich. 2003 verkündeten beide Betreiber das Aus für den Überschallverkehr. Air France stellte ihre Flüge bereits im Mai ein, British Airways im Oktober. Es setzte ein Wettlauf von Museen in aller Welt ein, eines der begehrten Flugzeuge als Ausstellungsstück zu ergattern.

In Deutschland machte das Auto & Technik Museum Sinsheim das Rennen. Für nur einen symbolischen Euro überließ Air France ihre Concorde "Fox Bravo" (nach dem Kennzeichen F-BVFB) der großen Privatsammlung nahe Heidelberg. "Die Übergabe an das Museum in Sinsheim ist auch eine Hommage an die deutschen Opfer des Concorde-Absturzes", erklärte der damalige Deutschland-Direktor Franc Thiébaut.

Der letzte Flug der "Fox Bravo"

Am Morgen des 24. Juni 2003 gab es zum ersten und letzten Mal in der Geschichte einen Concorde-Flug von Paris Charles de Gaulle nach Karlsruhe/Baden, mit der Flugnummer AF4406 hob er um 10.45 Uhr ab. An den Zäunen standen Concorde-Fans und jubelten, viele ließen das Flugzeug auf Transparenten hochleben. 96 von Air France geladene Gäste, unter ihnen ich auf Sitz 7A, sowie der Karlsruher OB und Museumsvertreter, flogen noch eine Schleife mit Überschallgeschwindigkeit bei Mach 2,02 über der Bucht von Biskaya, bevor es zur letzten Landung ging.

Vor dem Aufsetzen auf dem ehemaligen Militärflughafen um 12.30 Uhr drehten wir zwei Ehrenrunden über dem Platz. Unten war alles schwarz von Menschen, geschätzte 20.000 drängten sich, um unsere Ankunft zu verfolgen. Diesen Eindruck, als die gigantische Menschenmenge uns beim Aussteigen zujubelte, werde ich nie vergessen. So ähnlich müssen sich früher die Beatles gefühlt haben bei ihren umjubelten Ankünften. Diesmal galt die Begeisterung natürlich nur unserem Flugzeug - aber die teilten wir glücklichen Insassen natürlich voll und ganz.


Andreas Spaeth ist Luftfahrtjournalist in Hamburg, Buchautor (u. a. "Concorde - Der Überschall-Passagierjet", München 2003) und Verfasser der wöchentlichen "Spaethfolge"-Kolumne auf www.airliners.de .