Daddeln in den Achtzigern - DER SPIEGEL
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Daddeln in den Achtzigern: D-Mark-Gräber und Quelle-Konsolen

Daddeln in den Achtzigern D-Mark-Gräber und Quelle-Konsolen

Die Objekte der Begierde standen im Hinterzimmer einer verrauchten Bar: grell blinkende, wild piepsende Arcade-Automaten. Mark Hahnefeldt versenkte soviel Geld in den Videospielkisten, dass seine Mutter ihm freiwillig eine Heimkonsole kaufte - leider nur ein Modell aus dem Quelle-Katalog.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Meine Sucht begann, als ich elf oder zwölf Jahre alt war. Damals, 1982, standen bereits überall die Arcade-Geräte herum. Spielhallen waren geradezu vollgestopft mit diversen blinkenden, piependen und rauschenden Maschinen. Mein bester Freund und ich durften leider noch nicht in die "Spielhölle", weil der Eintritt erst ab 18 erlaubt war. Daher mussten wir in unserer Heimatstadt Lüneburg die Orte aufsuchen, die wir zum einen noch per Fahrrad erreichen konnten und zum zweiten auch betreten durften.

Unsere Wahl fiel auf zwei "Lokalitäten": Eine Imbiss-Stube und eine verrauchte Kneipe. Im Hinterzimmer der Bar standen ein paar Arcade-Geräte. Beim ersten Mal war es wirklich ziemlich merkwürdig. Wir kamen uns vor wie bei einem Bordellbesuch, als wir dem schmuddeligen Gastwirt auf unsere Frage nach Arcade-Geräten in das winzige Hinterzimmer folgten. Aber dann waren wir plötzlich allein mit den Automaten und die Tür zum Hinterzimmer wurde auch nicht - wie ich schon insgeheim befürchtet hatte - verschlossen.

Allerdings glaube ich, dass mir das nach ein paar Minuten auch egal gewesen wäre. Denn jetzt stand ich vor "Joust". Mein "Joust"! Die Handlung ist, wie bei all diesen alten Arcade-Spielen, etwas merkwürdig: Man ist der Reiter auf einer Art fliegendem Vogel Strauß und versucht, mit einer Lanze die bösen Gegner von ihren Vögeln zu schubsen, während diese mit dir das Gleiche versuchen.

Wirkliche Unsummen an Geld versenkte ich allerdings in der Imbiss-Stube. Denn dort stand eine "Phoenix"-Automat! Bei diesem Spiel handelte es sich um ein Weltraum-Ballerspiel, oder wie man heute sagt: ein "Space-Shooter".

Konsole aus dem "Quelle"-Katalog

Meine Mutter war lange dagegen, dass ich eine Konsole bekäme, aber als sie realisierte, wie viel Geld ich in die D-Mark-Gräber "Phoenix" und "Joust" warf, änderte sie ihre Meinung schnell.

Mein Kumpel zog damals den Hauptgewinn und bekam tatsächlich einen Atari 2600 von seinen Eltern. Ich hatte weniger Glück, denn meine Mutter war ganz vernarrt in Katalog-Bestellungen und ich bekam, was man aus dem "Quelle"-Katalog halt so bekommen konnte. Seufz!

Na ja, als ich dann 1984 konfirmiert wurde, habe ich natürlich das einzig Vernünftige getan und mir einen C64 mit Datasette gekauft. Letztere war ein Kassettenrecorder, der von handelsüblichen Musikkassetten Daten lesen und diese sogar beschreiben konnte. Es verging noch ein weiteres Jahr, bis ich mir ein Diskettenlaufwerk für den C64 leisten konnte. Damals gab es noch 5,25"-Disketten. Diese waren in verschiedenen Qualitäten - HD und DD (High Density und Double Density) - erhältlich und sowohl einseitig als auch zweiseitig bespielbar.

Die Leitung unserer Träume

Schnell hatte man raus, dass man mit einer Schere oder einem Locher aus einer einseitigen Diskette schnell eine machen konnte, die beidseitig bespielbar war. Man musste nur eine zweite Kerbe in die weiche Diskettenhülle schneiden und entfernte somit den Schreibschutz für die angeblich nicht verwendbare zweite Seite der Diskette. Ha! Von wegen "nicht verwendbar"!

Mein Kumpel hat natürlich, weil er genauso vernünftig war wie ich, alles genauso gemacht. Und wie wir damals zu unseren Spielen gekommen sind und wozu wir so viele Disketten benötigten, kann ich hier nicht schreiben, weil ich keine Ahnung habe von den gesetzlichen Verjährungsfristen. Eines jedoch blieb für uns immer ein Traum: Wir wohnten etwa vier Kilometer voneinander entfernt und träumten davon, eine Leitung zwischen unseren Wohnungen zu legen, damit wir gemeinsam spielen konnten, ohne das Zimmer zu verlassen.

Doch das blieb ein Wunschtraum. Denn das Internet kam erst Mitte der neunziger Jahre - viel zu spät für uns und unsere Videospielleidenschaft.