Das Ende der DDR - DER SPIEGEL
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Das Ende der DDR: Wie ich zum Wende-Orakel wurde

Das Ende der DDR Wie ich zum Wende-Orakel wurde

Wenn Wunschträume wahr werden: Als eine mysteriöse Reiseführerin Christian Felchow 1988 in Potsdam dazu befragte, wie ein mögliches Ende der DDR aussehen könnte, ahnte er nicht, dass seine Phantasien sich wenig später bewahrheiten würden - bis ins kleinste Detail.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Um den Geburtstag eines Freundes zu feiern, machten wir uns im Frühjahr 1988 mit einigen Freunden von West-Berlin aus auf den Weg nach Potsdam. Unsere Autos passierten in Kolonne den Grenzkontrollpunkt Dreilinden, dann fuhren wir zum Schlosshotel Cecilienhof. Das Haus hatten wir ausgesucht, weil es als letztes Schloss der Hohenzollern im Originalstil erhalten geblieben war. Uns gefiel der englische Landhausstil - hier wollten wir gemütlich beieinander sein an diesem 4. April 1988.

Nach Kaffee und Kuchen war ein Rundgang in Potsdam geplant. Der DDR-Reiseveranstalter Intourist stellte uns eine Stadtführerin zur Seite. Die Dame nahm neben mir an der Kaffeetafel Platz, und so kamen wir ins Gespräch. Es dauerte nicht lange und sie fragte, ob sie meine Meinung über die DDR erfahren dürfe. Wir sprachen über die DDR-Wirtschaft und ich erklärte, dass die DDR nach Aussage des Deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts und auch meiner Ansicht nach pleite sei.

Während der Unterhaltung hatte ich ein ungutes Gefühl, aber die Dame bestärkte mich darin, ehrlich zu sein und nichts zu beschönigen. Mehrfach verließ sie den Raum, um zu telefonieren. Irgendwann fiel mir ein kleines Notizblöckchen ins Auge, auf das die Frau gelegentlich zu schauen schien, während sie mit mir redete.

Ein Blick in die Zukunft

Auf unserem Stadtspaziergang fragte sie mich, ob ich eine Vorstellung davon hätte, wie ein Ende der DDR konkret aussehen könnte. Trotz meiner Bedenken und der seltsamen Umstände antwortete ich auf ihre provokative Frage. Ich gab der DDR noch etwa ein Jahr und phantasierte, wie ich das Ende der DDR einläuten würde - und zwar mithilfe eines Politikers, der im Fernsehen ankündigen würde, dass ab sofort die Grenzen offen seien und die Bürger der DDR das Land zu Besuchszwecken verlassen dürften. NVA, Grenztruppen und Volkspolizei würden an diesem Tag ohne ihre Waffen auskommen müssen, Tausende Menschen würden sich an den Grenzübergängen sammeln. Alles würde friedlich verlaufen.

In meiner Vorstellung pilgerten die Ost-Berliner zum Kurfürstendamm, drückten sich an den Schaufensterscheiben des Kaufhaus des Westens die Nase platt und kehrten wieder nach Hause zurück. Alles andere würde im Verlauf der Zeit seinen politischen Gang gehen, und der wirtschaftlich stärkere Westteil des geeinten Deutschlands würde den schwächeren stützen. Bald würde es sogar zu den ersten gesamtdeutschen Wahlen kommen, vermutete ich.

Als ich etwa anderthalb Jahre später, am 9. November 1989, mit meiner Frau vor dem Fernseher saß und wir auf die berühmt gewordene Pressekonferenz mit Günter Schabowski stießen, sahen wir uns sprachlos an und konnten es kaum glauben. Schabowski gab bekannt, dass Bürger ab sofort die DDR zu Besuchszwecken gen Westen verlassen durften. War es möglich?

Ideengeber für die Wiedervereinigung

Das Telefon klingelte, Freunde und Bekannte riefen an. Erst nach ein paar Stunden konnten wir uns wieder ungestört unterhalten. Entweder, es handelte sich um einen unfassbar unwahrscheinlichen Zufall. Oder meine Gesprächspartnerin im Cecilienhof hatte einen heißen Draht zur Führungsriege gehabt, die sich durch unser Gespräch hatte inspirieren lassen. Als ich später alleine in den Osten fuhr, fühlte sich das an wie ein skurriler Spaziergang durch die Landschaft einer wirklich gewordenen Phantasie.

Jahre später begann ich schließlich Nachforschungen anzustellen. Aber es gab weder eine Stasi-Akte über meine Person noch war es mir möglich, die Intourist-Mitarbeiterin ausfindig zu machen. Weil das sozialistische Reiseunternehmen in der UdSSR gegründet worden war und dort auch seinen Hauptsitz hatte, kam ich auf die Idee, dass die telefonischen Gesprächspartner der Frau vielleicht doch in Moskau gesessen hatten. Sollte ich zum Ideengeber für die vom Kreml gesteuerte Wiedervereinigung geworden sein? Ich kam mir vor wie in einem abstrusen Hollywood-Film, in dem sich alle Wahrscheinlichkeiten zugunsten einer großartigen Geschichte aufzulösen begannen.

1993 gründete ich ein Bau- und Baustoffunternehmen. Der erste große Auftrag, den wir erhielten, kam ausgerechnet aus Moskau. Bei unserer Ankunft erwartete uns am Flughafen ein gut gekleideter Herr. Er begrüßte mich und meine Mitarbeiter und geleitete uns durch den Diplomatenausgang, so dass wir ohne jegliche Kontrolle mitsamt Gepäck einreisen konnten. Der Auftraggeber hatte für eine mehr als gute Unterkunft gesorgt: Wir schliefen im luxuriösen Hotel Savoy. Reichlich überkandidelt für ein paar Bauunternehmer aus West-Berlin.

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