Das erste Mal - "Wie eine Kuh, wenn's donnert" - DER SPIEGEL
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Das erste Mal: "Wie eine Kuh, wenn's donnert"

Foto: Jule Gölsdorf/Rico Rossival

Das erste Mal "Wie eine Kuh, wenn's donnert"

Augenringe, struppige Haare und ein Lipgloss namens "Pink Poodle" - heute ist Jule Gölsdorf Moderatorin bei der Kindersendung "logo!" und ein ausgebuffter Profi. Doch als sie vor acht Jahren das erste Mal vor der Kamera stand, dachte sie nur: "Mein Gott, wie sehe ich denn aus."
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Mein Gott, wie sehe ich denn aus?" Ein Satz, den man des Öfteren zu hören bekommt, wenn sich Leute auf Schnappschüssen betrachten.

Neulich habe ich gelesen, woran das liegt: Normalerweise sieht der Mensch sich nämlich immer nur von seiner besten Seite. Wenn man sich im Schaufenster anschaut, zieht man automatisch den Bauch ein. Wenn man sich im Spiegel begutachtet, guckt man meist ganz passabel. Oder haben Sie schon mal mit nur halb geöffneten Augen und verzogenem Mund vor dem Badezimmer-Spiegel posiert? Den Morgen nach einer durchzechten Nacht mal ausgenommen. Genau! Dieser, nennen wir ihn mal, "Selbstverschönerungs-Filter" kommt aber nicht zum tragen, wenn ein anderer unbemerkt einen Schnappschuss von uns macht. Was zur Folge hat, dass man auf solchen Bildern sehen kann, wie man tatsächlich im Alltag aussieht: beim Reden, beim Zuhören, beim Denken - die Realität ist hart!

Hauptsache die Fassade stimmt

Ähnlich ging es mir bei meinem ersten Mal vor der Kamera. Auch dort kam bei der ersten Probe die ungeschminkte Wahrheit ans Licht: Augenringe, glänzende Haut, jedes rote Äderchen erschien riesig, Hautporen überdimensional groß, die Haare schimmerten in einer anderen Farbe und wirkten struppig. Ich fragte mich entsetzt: "Bin das wirklich ich?"

Das klingt jetzt oberflächlich, aber Studien zufolge interessiert sich ein Zuschauer nur zu etwa 20 Prozent für das, was ein Moderator sagt. Sein restliches Interesse richtet sich auf den optischen Eindruck. Böse gesagt: Hauptsache die Fassade stimmt! Nur gut, dass ich für die Sendung nicht ungeschminkt vor der Kamera musste.

An diesem Tag habe ich die Maskenbildnerinnen lieben gelernt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wohlgemerkt. "Die Maske" ist ein Ort mit gnadenlosem Licht und voll mit hunderten kleinen Tiegelchen und Töpfchen. Ich dachte mir: Im Vergleich mit der ungeschminkten Wahrheit kann es nur besser werden. Weit gefehlt! Und das, obwohl die Maskenbildnerin selbst ausgesprochen hübsch aussah: ganz natürlich geschminkt, lange, blonde, gepflegte Haare, sportlich. Alles in allem wirklich nett anzusehen. Ich hatte ein gutes Gefühl. Für Jemanden der sich selbst so ansprechend zurecht machen kann, dürfte es doch eine Kleinigkeit sein, auch aus mir das Beste rauszuholen.

Vorsicht vor "Pink Poodle"

Ich wurde also gepinselt und gepudert. Währenddessen entspannte ich mit geschlossenen Augen auf dem Stuhl. Nach 20 Minuten öffnete ich die Augen und zum zweiten Mal an diesem Tag drängte sich die Frage auf: "Bin das wirklich ich?" Die Dame hatte fest entschlossen den Lipgloss "Pink Poodle" aufgetragen und schon war ich überhaupt nicht mehr ich selbst. Nach langen Diskussionen einigten wir uns dann auf die Variante "Pink Lemonade" - ein zartrosa Ton. Wie der "Pink Poodle" aussah? Nur soviel: mittlerweile gibt es eine entschärfte Version namens "Malibu Barbie".

Für mich brachte dieses Erlebnis vor allem eine Erkenntnis: Eine hübsche Maskenbildnerin schminkt nicht automatisch hübsch. Das hätte ich allerdings auch vorher wissen können, beim Frisör machen ja auch die Mädels mit den schrägsten Frisuren den besten Look. Dennoch, hat man sich erstmal mit den Maskenbildnerinnen geeinigt, gilt: hier ein bisschen Glanzspray, da ein wenig Puder und schon wird aus einem hässlichen Entlein ein schöner Schwan. Und aus dem Normalo ein Moderator. Denn, wenn man ehrlich ist: Viele der Moderatoren im Fernsehen sehen ungeschminkt und ohne Kamera ganz anders aus. Ich wette, die eine oder andere Kollegin wurde an der Kasse im Supermarkt auch schon mit dem Satz konfrontiert: "Ach, sie haben den selben Namen wie die Soundso, das ist ja lustig ..."

Nach all dem, ging es im Studio weiter. "Für deinen ersten Take hast du fünf Minuten, nach drei Minuten gebe ich dir das erste Zeichen, nach vier das zweite, dann bei viereinhalb Minuten und dann bei zehn Sekunden. Dann solltest du am Ende deiner Moderation angekommen sein." Am Ende? Ja, mit den Nerven vielleicht. Auf die Sekunde genau mit dem reden aufzuhören, wie soll das gehen? Man muss dazu sagen, ich stand bei einem sehr kleinen Sender zum ersten Mal vor der Kamera. Moderiert wurde frei. Nicht etwa, weil wir alle so talentiert waren und keine Hilfe brauchten, sondern weil ein Teleprompter von dem der Moderator seinen Text nur abliest - wie bei fast allen anderen Sendungen und Sendern üblich - aus finanziellen Gründen nicht drin war.

Ups, das bin ja ich!

Im Nachhinein kann ich jedoch sagen: das war die perfekte Schule. Auch wenn ich den Aufnahmeleiter, der bei der Aufzeichnung unter anderem für die Einhaltung der Sendezeit verantwortlich ist, sicher das eine oder andere Mal in den Wahnsinn getrieben habe. Beispielsweise wenn mich etwa 15 Sekunden vor Schluss noch ein wahrer Geistesblitz traf, den ich eben noch loswerden musste. Das Ergebnis: Der gute Mann fuchtelte wie wild mit den Händen vor seinem Hals herum, in der Hoffnung, dass ich kapieren würde, dass ich keine Zeit mehr habe.

Bei meiner ersten Sendung habe ich übrigens schon nach vier Minuten und zehn Sekunden aufgehört zu moderieren, anstatt die fünf Minuten vollzumachen. Ich hatte die Moderation einfach zu kurz geplant. Sie glauben gar nicht, wie lang einem 50 Sekunden vorkommen können, wenn einem partout nichts mehr einfällt. 50 Sekunden - das bedeutet mindestens acht Sätze in normaler Länge - eine Menge Holz, wenn man nicht nur Schwachsinn von sich geben möchte.

Das Gute: Ansonsten gab es in der ersten Sendung keine Pannen. Pannen passieren nämlich nicht beim ersten Mal, da ist man viel zu aufmerksam. Sie schleichen sich ein, wenn man sich auf das eigene Können verlässt und nachlässig wird, wenn man entspannt ist und rumscherzt. Dafür überrollen Sie einen dann umso heftiger. Bei mir zum Beispiel an einem Samstag in einer Frühsendung: Ich witzelte so mit dem Aufnahmeleiter herum, und wir verpassten beide das Kommando des Regisseurs: "Noch zehn Sekunden bis zum Start". Ich schaute also so im Studio umher und mein Blick fiel auf den Fernseher an der Seite, der das Live-Bild anzeigte. Ich dachte noch: "Wer ist die Frau da im Fernsehen, die kommt mir so bekannt vor ..." Und dann: "Ups, das bin ja ich!" Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass ich schon auf Sendung war und sah aus, wie eine Kuh, wenn's donnert. Aber mal ehrlich, das wollen Sie doch auch mal sehen, oder?