DDR-Mangelwirtschaft - DER SPIEGEL
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DDR-Mangelwirtschaft: Falsch verbunden

Foto: Peter_Roggenthin/ dpa

DDR-Mangelwirtschaft Falsch verbunden

Mit Telefonanrufen hatte Jens Niehaus selbst oft Nachbarn auf Trab gehalten - als der DDR-Grenzer endlich selbst in den Genuss eines eigenen Anschlusses gelangte, stellte er den Apparat bereitwillig auch anderen zur Verfügung. Und landete in einem Dilemma.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer das nötige Geld hat, kann heute alles haben. Und zwar sofort. Zu DDR-Zeiten waren die selbstverständlichsten Dinge in der Regel Mangelware. Wer die begehrte Trabbi-Rennpappe wollte, musste sich viele Jahre lang gedulden. Acht bis neun Jahre waren der Durchschnitt, bis zu 13 nicht selten. Noch schwieriger zu bekommen waren Telefonanschlüsse. Vergeben wurden sie vornehmlich an Menschen, deren Beruf es erforderte oder deren Rang sie dazu privilegierte.

Noch bis zum Ende der DDR war für einen Anschluss ein umständliches Antragsverfahren vonnöten, das mit noch längeren Wartezeiten als für ein Auto einherging. Daher existierte im Wohnblock meiner Eltern Mitte der Sechziger und noch Jahre danach nur ein einziges Telefon - in einer Wohnung, die zwei Stockwerke über denen meiner Eltern lag.

Meine Eltern wohnten damals im Parterre, und nach einigen Anrufen war ich fest davon überzeugt, dass es der Familie mit dem Telefon keinesfalls Freude bereitete, immer wieder ein Elternteil von mir die vielen Stufen nach oben zu bitten. Peinlich war es mir besonders an den Feiertagen, zu Weihnachten oder zum Jahreswechsel. Da spürte ich, wie ungelegen ihnen meine Anrufe kamen. Diese Erfahrung blieb mir so gegenwärtig, dass ich selbst in Sachen fernmündlicher Kommunikation aushalf, wann immer es mir möglich war.

Benachrichtigung per Kradmelder

Als Technikverwalter der Grenztruppen der DDR sollte ich ab 1973 für meine Dienststelle jederzeit erreichbar sein. Anfangs wurde ich noch durch einen Kradmelder, das heißt, durch einen motorisierten Boten, über die Auslösung eines Regimentgefechtsalarms informiert. Später wurde mir seitens der Dienststelle nahegelegt, mir einen Telefonanschluss zuzulegen. Dem Antrag wurde eine dringende dienstliche Befürwortung beigelegt. Das half.

Unsere Nachbarn im Grenzgebiet besaßen kein Telefon. Daher erledigten sie ihre Telefonate stets bei mir in der Wohnung. Sie sagten mir, dass sie Verwandte anriefen. Ich fragte nicht näher nach. Privatsache.

Erst später erfuhr ich, dass die Gesprächspartner meiner Nachbarn deren Verwandte in West-Berlin waren. Für mich als Angehörigen der Grenztruppen war es allerdings strengstens untersagt, mit Bürgern aus dem westlichen Ausland telefonisch Kontakt aufzunehmen. Das traf auch auf meine Frau zu, die als Archivarin im Ministerium des Inneren arbeitete.

Alibi für die Abhörer

Ich richtete es von nun an so ein, dass ich mich außerhalb der Wohnung aufhielt, während die für meinen Apparat unzulässigen Telefonate in den Westen geführt wurden. Für mich war es ein Alibi. So konnte ich offiziell keine Kenntnis von den Telefonaten haben. Ich wusste zum damaligen Zeitpunkt von der Telefonabhörzentrale in Potsdam, in der Gespräche ins Ausland, vor allen Dingen ins westliche Ausland, abgehört und aufgezeichnet wurden, und ging das Risiko ein.

Die Telefonspezialisten der Stasi hatten ohnehin sicher längst herausgefunden, zu wem der Apparat gehörte, von dem aus die problematischen Gespräche geführt wurden. Trotzdem haben sie uns nie darauf angesprochen. Womöglich hatte es schlicht damit zu tun, dass im Zusammengang mit den Westtelefonaten weder die Stimme meiner Frau noch meine je auf den Bändern waren. Vielleicht haben die Damen und Herren aber auch einfach nur geschlafen.