DDR-Versandhandel: Planwirtschaft wie aus dem Bilderbuch
DDR-Versandhandel Planwirtschaft wie aus dem Bilderbuch
Eines war, bei allem, was Nostalgiker nachträglich als gut hinzustellen versuchen, der DDR nie gelungen: Die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, geschweige deren Bedarf zu decken. Es gab zwar die wichtigsten Grundnahrungsmittel, aber selbst Gemüse kam nur sehr sporadisch auf die Ladentische. Im Überfluss gab es allein Agitation und Propaganda - kostenlos.
Als in den Fünfziger Jahren die Schlangen vor den Geschäften zu immer neuen galligen Witzen herausforderten und die Landbevölkerung massenhaft in die Städte pilgerte, um sich wenigstens kleine Wünsche zu erfüllen, kam der SED-Führung die Idee, wie man solche unschönen Bilder und Sitten vermeiden könnte. Die Parteioberen griffen ausgerechnet auf eine Methode zurück, die im marktwirtschaftlichen Deutschland seit den Zwanziger Jahren Furore machte: den Versandhandel.
Die Überlegung war simpel: Keine Schlangen mehr vor den Geschäften, keine aufwendigen Einkaufstouren in die Städte, alles kam per Post zeitsparend ins Haus. Niemand dachte an die Unvereinbarkeit von Versandhandel und Planwirtschaft, von herausgeforderten Wünschen und bilanzierten Warenmengen. Der Versandhandel der DDR wurde einer der größten Handelsflops im real existierenden Sozialismus - und nur halb so alt wie der Arbeiter-und-Bauern-Staat selbst.
Hoffnungsvoller Test in Thüringen
Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen. Die volkseigene Handelsorganisation (HO) startete 1954 eine zweijährige Testphase in den Bezirken Erfurt und Suhl, die uns als Familie begeisterte. Die ersten Kataloge waren eine Offenbarung. Vorsichtig gingen wir damit um, als handele es sich um eine West-Illustrierte. Schließlich wollten viele etwas davon haben, die Erwachsenen ebenso wie wir Kinder und Jugendlichen. Stundenlang konnte man darin blättern, über das Angebot staunen und sich über relativ niedrige Preise freuen.
Sehr sorgfältig, um nicht an einem Fehler zu scheitern, wurden die Bestellformulare ausgefüllt und zur Post gebracht. Die Vorfreude war riesig. Ich erinnere mich auch an wiederholte Enttäuschungen, die uns oft postwendend erreichten: Die schönsten und preiswertesten Dinge waren vergriffen.
Da in der DDR jede Einweihung "zu Ehren von..." erfolgte, begann der offizielle Versandhandel am 1. Mai 1956. Bis zum Ende des Jahrzehnts waren fast eine Million Kunden angemeldet, die Bestellungen pro Jahr gingen auf die zwei Millionen zu. Großzügig wurde dieser Service erweitert, zum volkseigenen "Centrum-Versandhandel" mit Sitz in Leipzig kam 1961 der von den Konsumgenossenschaften organisierte "konsument-Versandhandel" in der damaligen Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz).
DDR-Versandhandel: Planwirtschaft wie aus dem Bilderbuch
Der hatte vorwiegend die Landbevölkerung im Blick und bot neben vielen Dingen für Haus, Hof und Garten mit der praktischen Kittelschürze für die LPG-Bäuerin und dem Arbeitsanzug für den Traktoristen modischen Chic für das flache Land an. Viele, die vorher zu faul zum Einkaufen waren, nutzten nun die einfache Möglichkeit der Bestellung auf dem Postweg. Doch trotz der wachsenden Kundschaft wurde das Warenangebot insgesamt nicht größer.
Lieferungen an die falschen Versandhäuser
Die Diskrepanz zwischen Bestellungen und Auslieferungen wurde größer und größer, bis etwa die Hälfte der bestellten Artikel nicht mehr geliefert werden konnte. Die Geister, die man gerufen hatte, wurde man nicht wieder los. Angesichts Hunderttausender Absagen schlug die anfängliche Freude um in Unmut und Ärger der Bürger. Besonders berufstätige Frauen hatten sich auf die Auslieferung ihrer Bestellungen verlassen.
In ihrer planwirtschaftlichen Verzweifelung ließen sich die Versandhäusler Standardtexte einfallen wie: "Ihren Auftrag haben wir dankend erhalten. Unser Warenangebot hat im Kreis unserer Kunden so gut angesprochen, dass bei einigen Artikeln die Bestände nicht ausreichen. Das trifft leider auch für die in Ihrer Bestellung enthaltenen Waren zu:" Schamhaft wurde mit "freundlichen" und nicht mit den üblichen "sozialistischen" Grüßen unterschrieben. Mitunter lagen den neuen Katalogen schon Listen mit begehrten Erzeugnissen bei, die nicht lieferbar waren. Der Versandhauskatalog - ein schönes Bilderbuch.
Ihr besonderes Augenmerk richteten die Regierenden indes auf die politische Propaganda in den Katalogen. Sie kritisierten Modeartikel, die beispielsweise "Mexiko" oder "Rio" hießen und ließen die größtenteils "ehrenamtlichen" Models kreuz und quer durch das Land ziehen, um je nach der politisch-ideologischen Situation mal in der Industrie, mal in der Landwirtschaft, vor dem Staatsratsgebäude, einem Hochseedampfer oder vor dem sowjetischen Messe-Pavillon in Leipzig zu posieren. Alles sah ganz gut aus, doch die modischen Klamotten blieben vielfach Wunschträume. Ein Großteil der hergestellten Waren, von Bekleidung bis zu Möbeln, wurde zu Preisen, die kaum die Produktionskosten deckten, für harte Währung in den Westen exportiert. Im Versandhandel von Quelle bis Neckermann kauften viele westdeutsche Bürger DDR-Erzeugnisse, ohne diese als solche zu erkennen. Die Etiketten der westlichen Händler wurden in den DDR-Betrieben bereits in die Kleidung genäht.
"Lass die Finger davon!"
1974 hatte ich vor, in Hinblick auf den 25. Jahrestag der DDR eine Erfolgsbilanz des Versandhandels zu schreiben. Nachdem ich schon einige Fakten - getürkten, wie ich später merkte - zusammengetragen hatte, gab mir der Pressechef des Handelsministeriums den vertraulichen Tipp: "Lass die Finger davon, da tut sich was."
Tatsächlich, geraume Zeit später wurde der Versandhandel in der DDR heruntergefahren und schließlich ganz eingestellt. Offizielle Begründung war eine "flächendeckende bessere Versorgungslage", aber daran glaubten auch nur die Bonzen in der Waldsiedlung bei Wandlitz, denen jeder Wunsch von den Augen abgelesen wurde. Die tatsächliche Versorgungslage in der DDR verzeichnete eine absteigende Kurve. Die Berichterstattung zu diesem Thema gehörte zu den Tabus der Medien. Pressezensor Joachim Herrmann im SED-Politbüro hatte es einmal so begründet: "Wir wollen den Leuten nicht noch Appetit machen."
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Vielleicht war das Aus für den Versandhandel allein nicht komisch genug, so dass das Ende auch noch auf den 13. August 1976 gelegt wurde, auf jenen Tag, an dem die Berliner Mauer 15 Jahre alt wurde und die "Kampfgruppen der Arbeiterklasse" bei einer Militärparade drohend über die Karl-Marx-Allee marschierten. Man musste den Eindruck gewinnen, dass viele Entscheidungen der SED-Führung von einem eigenartigen schwarzen Humor geprägt waren. Man nahm einem eingesperrten Kind auch noch das Spielzeug weg.
Die permanente Wirtschafts- und Versorgungskrise, die schließlich zum Ende der DDR führte, war nicht mehr zu übersehen. Den Versandhandel gab es fortan nur noch in Kästners Familienunternehmen in Dresden, das jährlich bis zu zwei Millionen Kondome diskret per Post lieferte sowie für Sämereien aus Erfurt und Quedlinburg, die bis heute begehrt sind.