Gestrichene Szenen: Die größten Filmmomente, die keiner sah
Gestrichene Szenen Die größten Filmmomente, die niemand sah
Erinnern Sie sich noch an den lustigsten Augenblick im schaurigsten Film des Jahres 1975 - die Szene aus "Der weiße Hai" im Musikladen? Dort kauft nämlich der hartgesottene Seemann Quint die Klaviersaiten, die er als Angelschnüre auf der Jagd nach menschenfressenden Haien verwendet. Doch diesmal muss er warten, während ein Schuljunge vor ihm eine Klarinette anspielt. Quint macht sich einen Jux daraus: Während der Kleine vorsichtig die ersten Töne der "Ode an die Freude" anstimmt, beginnt er, schief mitzusummen, immer lauter, bis er schließlich aus vollem Hals mitgrölt - und aus der Klarinette des Jungen nur noch verschüchtertes Quietschen kommt.
Kommt Ihnen völlig unbekannt vor? Kein Wunder: Schließlich ließ Regisseur Stephen Spielberg selbst den ungewöhnlich heiteren Moment wieder aus seinem blutigen Thriller entfernen. Offenbar passte ihm der Tonfall der Szene nicht so recht zum furchteinflößenden Rest des Films.
Ob auf Wunsch des Regisseurs, durch ein Veto der Produzenten oder nach dem Einspruch eines Testpublikums: Viele wunderbare Momente der Filmgeschichte fielen der Schere zum Opfer. Und in einigen Fällen entgingen den Zuschauern so wahre Schätze, die man erst Jahre später wiederentdeckte.
Striptease bei King Kong
Darunter sind hochkomische Sequenzen wie die wundervolle Musikladenszene aus "Der weiße Hai". Aber auch viele Höhenflüge von Schauspielern, die bei ihren Improvisationen am Set einfach kein Ende mehr finden wollten, kann man sich mittlerweile im Netz zusammensuchen.
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Diese Szene wurde dem Publikum von "Der weiße Hai" 1975 vorenthalten - vermutlich war sie Spielberg zu lustig. Immerhin können Fans sie heute - wie viele andere Deleted Scenes - im Internet finden.
Es gibt viele Gründe, warum derart gloriose Momente aus Filmen rausfliegen. Der banalste: Der Regisseur erinnert sich erst gegen Ende der Produktion, dass ein Kinofilm eineinhalb bis zwei, jedenfalls nicht länger als zweieinhalb Stunden sein sollte - und fängt fieberhaft an zu kürzen. Selbst teure Effektsequenzen müssen so hin und wieder dran glauben.
Sicher: Um das meiste, was die Schnittphase nicht übersteht, ist es nicht schade. Anders sieht es aus, wenn etwa die Zensur dafür sorgt, dass Filme gekürzt werden. Dann gibt es keine Gnade, und manchmal entsteht irreparabler Schaden. Der Klassiker "King Kong" etwa wurde nach seinem Erscheinen 1933 massiv gekürzt. So sahen die Zuschauer auf der Leinwand nicht mehr, wie der Riesenaffe sich eine Handvoll Angreifer ins Maul stopft und genüsslich auf ihnen herumkaut. Auch dass King Kong mehr als nur eine platonische Freundschaft mit seiner großen Liebe Ann (Fay Wray) im Sinn hat, erschloss sich in der verstümmelten Fassung nicht mehr ohne Weiteres. In der Urversion hingegen durfte der Koloss der Blondine noch interessiert die Kleider vom Körper zupfen.
"King Kong" ist ein trauriges Beispiel dafür, was passiert, wenn Moralhüter sich besinnungslos an Filmkunst vergreifen. Die so legendäre wie ungesehene "spider pit sequence", in der prähistorische Riesenmonster auf die Schiffsmannschaft losgehen, fehlt auch in der ansonsten weitgehend restaurierten Fassung des Films und ist verschollen, wahrscheinlich für immer.
Zurechtgestutzt, bis jeder es versteht
Auch James Whales "Frankenstein" war zwei Jahre zuvor böse zurechtgestutzt worden - und hatte dadurch eine Schlüsselszene verloren. In der Premierenfassung war sie zunächst noch zu sehen gewesen: Darin warf Frankensteins Monster im Überschwang ein kleines Mädchen in einen See, ohne zu ahnen, dass es sterben würde. Doch die Szene wurde nachträglich gekürzt. Nun wirkte das, was ursprünglich ein spielerisch-naiver Unfall gewesen war, wie kaltblütiger Mord. Der von der Zensur geforderte Schnitt änderte die gesamte Charakterisierung des Monsters. Glücklicherweise konnte "Frankenstein" Jahre später wieder vervollständigt werden.
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Das übermütige Spiel in James Whales "Frankenstein", in dem das naive Monster das Mädchen ins Wasser wirft, fiel 1931 der Zensur zum Opfer. Anschließend wirkte die Szene wie kaltblütiger Mord.
Die wahrscheinlich verheerendsten Schnitte jedoch verdanken wir nicht der Zensur, sondern dem unseligen Brauch der Testvorführungen: Vor der Premiere sieht ein meist willkürlich zusammengestelltes Publikum die erste Fassung eines Films und darf über sein Schicksal mitentscheiden - auch wenn das Urteil der Testzuschauer unübersehbar idiotisch ist.
Da hilft dann nur Renitenz. Dass beispielsweise Francis Ford Coppolas manisches Vietnam-Epos nach einer Testvorführung 1979 laut der "Montreal Gazette" schlicht als "langweilig" abgetan wurde (um kurz darauf die Goldene Palme in Cannes zu gewinnen), blieb zum Glück folgenlos; Coppola hatte den Film selbst finanziert und gab wenig auf die Einschätzung.
Wenn die Produzenten aber den kommerziellen Erfolg ihres Investitionsobjekts in Gefahr sehen und die Schere zur Hand nehmen, kann das schlimme Folgen haben. Die Zuschauer etwa, die Ridley Scotts "Blade Runner" (1982) zuerst zu Gesicht bekamen, beschwerten sich, sie könnten nicht so recht verstehen, was da auf der Leinwand passiert. Scott hatte ein Einsehen, und es wurden 13 erklärende Voice-overs eingefügt, mit denen die Hauptfigur Rick Deckard (Harrison Ford) auch Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit sicher durch den Film leitet.
Es geht das Gerücht, Harrison Ford habe die Texte absichtlich lustlos eingesprochen, in der Hoffnung, sie würden nicht verwendet. Zugleich verlangte das Studio ein Happy End und ließ eine Traumsequenz kürzen, die "zu künstlerisch" sei; und Kunst wollte man den Kinogängern nicht zumuten. Dass in dieser kurzen Szene die Schlusspointe des Films vorbereitet wird, übersahen die Geldgeber entweder, oder es war ihnen schlicht wurscht. Das Ende war nun ja eh ein anderes.