Demo in Dresden - DER SPIEGEL
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Demo in Dresden: Lautstarkes Gedenken

Demo in Dresden Lautstarkes Gedenken

Wem gehört die Straße? Anlässlich der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg demonstrierten im Februar 2008 Tausende in Dresden. Burkhard Grafenstein war dabei - und erfuhr, worum es den Teilnehmern eigentlich ging.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Morgen des 16. Februar 2008 mache ich mich mit dem Zug auf den Weg nach Dresden. Ich will als Beobachter an der Demonstration des Bündnisses "Dresden für Demokratie", zu dem sich die Stadt, Bürger, Parteien zusammengetan haben, um für Demokratie und Weltoffenheit einzutreten, teilnehmen. Unter dem Motto "Geh Denken" will man an die Bombardierung im Zweiten Weltkrieg erinnern und zugleich ein Zeichen gegen die Vereinnahmung dieses Ereignisses durch Neonazis setzen.

Jedes Jahr nutzen die NPD und die Junge Landsmannschaft Ostdeutschland, die sich selbst als Nachwuchsorganisation der Vertriebenen bezeichnet, in Teilen aber als rechtsradikal gilt, das Datum für einen "Trauermarsch". Mehrere tausend Teilnehmer haben die Veranstalter in diesem Jahr angemeldet. Eine weitere Gegendemonstration gegen den Aufmarsch der Rechten, organisiert von Antifa und Antideutschen, zwei linksradikalen Bewegungen, ist ebenfalls angekündigt.

In Chemnitz steigt eine Gruppe junger Leute in den Zug.

An ihrem Outfit erkenne ich sie sofort als Rechtsnationale. Die schwarze Kleidung tragen sie nicht aus Trauer. Es ist ihre Uniform, die sie sich von den Linken abgeschaut haben. Zu der schwarzen Kleidung bestimmter Marken tragen sie schwarze Baseball-Caps und Palästinensertücher. Sie blödeln herum. "Aaaangst!", brüllt einer der Schwarzkappen. Er merkt, wie einschüchternd seine Truppe auf die Zuggäste wirkt. Einer spielt "Ausweiskontrolle" und zieht durch die Gänge. Ein anderer hört Brüllmusik: "Kamerad, Kamerad", so viel kann ich verstehen. Ansonsten verhalten sie sich aber normal. Es sind nicht die bulligen Skinheads, die dem Publikum in Fernsehsendungen oft als NPD-Anhängerschaft vorgeführt werden, sondern eher die sprichwörtlichen netten Jungs von nebenan.

Aus der Ferne erklingt martialische Musik

Der Zug hält in Dresden. Ich lasse die Rechten ziehen. Es ist ein schöner sonniger Wintertag. Der Bahnhof ist von Polizisten gesichert. Überall Polizeiwagen. Hubschrauber kreisen über der Stadt.

Auf dem Weg in die Stadt komme ich am von Polizeikräften eingekesselten Schwarzen Block vorbei. Die schwarzgekleideten Vermummten der linksradikalen Szene skandieren "Nazis, heult doch!" und "Selber schuld!" Es sind nicht viele, dafür sind sie radikal und gewaltbereit. Man sieht die schwarz-rote Fahne der Anarchisten und die USA- und Israel-Fahnen der Antideutschen. Die Dresdner müssen sich am Rand der Straße mit ihren Einkaufstüten am Kessel vorbeizwängen.

Ich komme an der wieder aufgebauten Frauenkirche vorbei. Der Sandstein leuchtet in der Wintersonne, auf der Kirchturmspitze erkenne ich Ausflügler. Abseits der Demonstrationsmeilen geht alles seinen gewohnten Gang.

Als wir auf der Augustusbrücke sind, höre ich martialische Musik von der Semperoper herüberschallen. Dort versammeln sich die Demonstranten der Jungen Landsmannschaft und der NPD.

"Sind das die Rechten?"

Dann komme ich zum "Goldenen Reiter", dem Reiterstandbild August des Starken auf dem Neustädter Markt, wo die Kundgebung des "Bündnisses für Demokratie" stattfinden soll. Auch die Statue erstrahlt im Glanz der Sonne.

Eine bunte Menge hat sich vor dem Lautsprecherwagen versammelt. Junge und alte Menschen, viele tragen eine weiße Rose am Revers. Man sieht die Transparente des DGB, der Grünen, der Jusos, aber auch von SED-Nachfolgern, Marxisten und Antideutschen.

Nach der Rede des damaligen amtierenden Bürgermeisters Lutz Vogel setzt sich der Demonstrationszug langsam - eskortiert von einem großen Polizeiaufgebot - in Bewegung. Auf der Albertbrücke sieht man in der Ferne auf der Augustusbrücke andere Demonstranten. "Sind das die Rechten?", frage ich. Schulterzucken. Es heißt, die Routen der Demonstrationszüge würden sich an einer Stelle kreuzen.

Schwarzer Block im Laufschritt

Mehrmals macht der Zug Halt, Reden werden gehalten. Ein Kirchenvertreter, eine Gewerkschafterin, Nora Goldenbogen von der jüdischen Gemeinde und der Intendant des Staatsschauspiels, Holk Freytag, kommen zu Wort. Die Frauen am Mikrofon wirken kämpferischer als die Männer. Die Reden der Männer sind teilweise von Selbstzerknirschung geprägt. Der Intendant vom Staatsschauspiel greift die neuesten Skandale um Vorstände und Managergehälter auf und äußert sich verzweifelt darüber, dass die "Nazi-Aufmärsche" in den letzten Jahren immer größere Ausmaße erreicht hätten. Die Vertreterin der Jüdischen Gemeinde freut sich, dass die Behörden den Rechten doch nicht erlaubt hat, direkt an der Synagoge vorbeizuziehen.

Zuerst treffen wir auf die Demonstration der Antifa. Eine Rednerin mit schriller Stimme und schwarzer Sonnenbrille schwört die Menge gerade auf ihre Rolle als "wandelndes Bombergeschwader" und "Trauerstörer" gegen die Demonstration der Jungen Landsmannschaft ein, ehe sie das Ende der Kundgebung verkündet und die Polizei um Auflösung des Kessels bittet. Ein spannender Augenblick: Wird sich die Antifa-Truppe friedlich zerstreuen? Nach und nach lockert die Polizei den Kessel - und nichts passiert. Die Vermummten reihen sich zum Teil in unseren Zug ein.

Kurz vor der Augustusbrücke treffen wir dann tatsächlich auf den Demonstrationszug der Rechten. Bewegung kommt in die Menge. Wie auf Kommando läuft der Schwarze Block geschlossen los, andere Demonstranten eilen hinterher. "Ihr wollt wohl auch mal Nazis gucken!", wird gewitzelt. Doch die Polizei hat die Situation unter Kontrolle. Sie bildet einen mehrere Reihen starken Puffer zwischen den beiden Menschenmengen, die sich gegenseitig beschimpfen.

Kampf um den öffentlichen Raum

Ich kann die Gesichter der Rechten nur aus der Ferne ausmachen. Sie halten schwarze Fahnen und Banner der verlorenen Ostgebiete des Deutschen Reichs, man sieht aber auch bayerische Rauten und sächsisches Grün-Weiß, dann das Schwarz-Weiß-Rot des Kaiserreichs. Die Transparente der Rechten machen deutlich, dass es ihnen nicht um die lokalen Probleme der Dresdner Bürger geht. Dresden ist für sie im Kontext größerer Bezüge von Bedeutung. Vom ungesühnten Völkermord an den Deutschen zwischen 1918 und 1948 ist da die Rede. "Völkermord verjährt nicht" steht auf einem der Transparente.

Wir ziehen weiter zum Endpunkt der Demonstration. Ein gewaltsamer Zusammenstoß zwischen Rechten und Linksradikalen bleibt aus.

Auf der Rückfahrt kommt mir die Rede von Oberbürgermeister Vogel in den Sinn. Am "Goldenen Reiter" hatte er vom Lautsprecherwagen aus verkündet, dass es an diesem Tag um die "Verteidigung des öffentlichen Raums" gehe. Jeder Mensch, ob aus Ruanda oder Radebeul, müsse sich in einer Demokratie auf öffentlichen Plätzen frei bewegen können. Mir wird klar, dass es an diesem Tag ganz konkret darum ging, welche Gruppe wann, wo und wie marschieren und demonstrieren darf.