Der Kräuterplan der Nazis - DER SPIEGEL
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Der Kräuterplan der Nazis: "Tee für Heer und Heimat"

Der Kräuterplan der Nazis "Tee für Heer und Heimat"

Schafgarbe, Gundermann und Brennnessel: Zur Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg organisierten die Nazis umfangreiche Kräutersammelaktionen. Schulkinder und Lehrer trugen bis zuletzt tonnenweise Wildpflanzen zusammen.
Von Uwe Stock
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon die frühen Jäger- und Sammler kannten die wohltuende Wirkung mancher Kräuter, Beeren oder Wurzeln. In Jahrtausenden wurden diese Erfahrungen weiterentwickelt. Heilpflanzen gehörten zu den wichtigsten Naturprodukten und lieferten oft die einzigen Mittel zur Heilung - die Nazis machten sich das zunutze.

Intensiv förderten sie ab 1933 den Anbau und das Sammeln von Heilpflanzen. Aus mehreren Gründen. Ihre "Blut und Boden"-Ideologie sah in der heilenden Kraft der Pflanzen des "germanischen Bodens" die wahre und ganzheitliche Medizin für das deutsche Volk. Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs hatten zudem gezeigt, wie schnell Deutschland durch eine erfolgreiche Seeblockade von Importen abgeschnitten werden konnte. Eine solche Situation sollte sich nicht wiederholen.

Durch die Eigenversorgung mit Heilpflanzen sparte das Deutsche Reich außerdem wichtige Devisen ein. Anfangs sollten durch das Sammeln der Pflanzen auch Arbeitsplätze entstehen. Landwirte und besonders Siedler konnten sich durch den Anbau ein zusätzliches Einkommen verschaffen, was allerdings nur ansatzweise gelang.

Zwei Kilo pro Schulkind

Der Vierjahresplan vom 18. Oktober 1936 sollte die Wirtschaft in Deutschland in vier Jahren "kriegsfähig" und die Wehrmacht "einsatzfähig" machen. Kernziel: die weitgehende Unabhängigkeit der deutschen Wirtschaft vom Ausland - durch den Abbau heimischer Rohstoffe und die Erzeugung von Ersatzrohstoffen. Der Plan sah vor, die Beschaffung von Heilkräutern ab 1938 durch die "Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde und Heilpflanzenbeschaffung" (RfH) zentral zu organisieren.

Die RfH baute eine umfassende Organisation auf, kartierte das Aufkommen an Heilpflanzen und sorgte für ihre intensive medizinische Erforschung. Gesammelt wurden die Pflanzen von Schulkindern, da sich die Arbeit für normale Arbeitskräfte nicht lohnte. Schulen lieferten bald 90 Prozent des Gesamtaufkommens an getrockneten Heilpflanzen.

Die RfH veröffentlichte Broschüren über das Sammeln und Trocknen der Heilpflanzen ("Allgemeine Richtlinien für Sammler von wild wachsenden Heilpflanzen", "Die Trocknung der Heilpflanzen") und schulte die Lehrerinnen und Lehrer. Jedes Schulkind musste durchschnittlich zwei Kilogramm getrocknete Heilpflanzen abliefern. Die Kinder brauchten dazu nur 10 bis 15 regionale Heilpflanzen zu kennen, eine größere Anzahl hätte sie überfordert. Die Sammelaktionen waren sehr erfolgreich. 1941 wurden insgesamt zwei Millionen Kilogramm getrocknete Heilpflanzen zusammengetragen, 1943 waren es sogar 6,5 Millionen Kilogramm. Die Reichsarbeitsgemeinschaft förderte den Wettbewerb unter den Schulen durch die Veröffentlichung der Sammelergebnisse.

"Tee für Heer und Heimat"

Besonders erfolgreiche Schulen erhielten Geld als Belohnung. Die Kinder, die ihre Freizeit und teilweise ihre Ferien geopfert hatten, allerdings nicht. Marga Sager aus Schwienkuhl, geboren 1934, erinnert sich: "In den Ferien mussten wir Heilkräuter sammeln, wobei die Mädchen dabei viel fleißiger waren als die Jungen. Nach den Ferien haben wir dann die Heilkräuter abgeliefert. Die Kräuter waren für die Soldaten im Lazarett bestimmt."

In einem Schreiben vom März 1943 rief der Gausachbearbeiter der NSDAP zur Ausweitung der Sammelanstrengungen auf: "Der totale Krieg fordert den Einsatz aller Mittel. Dazu gehört auch die Arzneimittel- und Teebeschaffung für Heer und Heimat. Jede Schule hat die Pflicht, mit allen ihren Kräften die unersetzlichen Schätze aus Wald und Flur zu bergen." Der Bedarf für Wehrmacht und Volk, so der Gausachbearbeiter, sei gestiegen, so dass für das Jahr 1943 ein Vielfaches der Vorjahresmengen abgeliefert werden müsse.

Auch die Volksschule Schwienkuhl in Ostholstein beteiligte sich an den Sammelaktionen. In der Schulchronik verzeichnete Lehrer Richard Vollmer in jedem Jahr detailliert die Sammelergebnisse für alle Heilkräuter, die auf dem Schulboden getrocknet wurden. Im Jahr 1943 schreibt er: "Das Ergebnis der Heilkräutersammlung in diesem Jahr ist ein äußerst befriedigendes: Der Durchschnitt für jedes Kind beträgt 4,614 kg, das ,Soll' betrug für jedes Kind 1,000 kg. Mit großer Befriedigung können sich alle der inneren Beglückung hingeben, sich auch mit ihrer Kraft in dem großen Ringen eingesetzt zu haben."

Schluss mit Sammeln

1944 gab es in der Schule Schwienkuhl keine Sammlungen mehr. Lehrer Vollmer wurde eingezogen und die Kinder besuchten Volksschulen in anderen Orten.

Nach dem Krieg wurde das Sammeln von Heilpflanzen bis zum Ende der vierziger Jahre fortgeführt. Egon Tretow aus Schwienkuhl, geboren 1936, erinnert sich: "Ende 1945 gingen wir wieder in Schwienkuhl zur Schule. Am Nachmittag mussten wir für die Schule Heilkräuter sammeln: Schafgarbe, Huflattich, Lindenblüten, Waldmeister, Brennnesseln und Holunderblüten."

Noch 1951 veranlasste die Kreislandwirtschaftsbehörde eine "Erhebung über Heil-, Gewürz- und Duftpflanzen". Basis war ein Erlass zur Durchführung von statistischen Erhebungen aus dem Jahre 1949. Die Gemeinde Lensahn meldete am 11. Januar 1951 Fehlanzeige.