Der Kriegsunternehmer - DER SPIEGEL
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Der Kriegsunternehmer

Als Karrierist im Dienst der Habsburger stieg Albrecht von Wallenstein zum reichsten General Europas auf - doch dann brachte ihn das Misstrauen seiner Arbeitgeber zu Fall.
• aus SPIEGEL Geschichte 6/2009
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Hätte Wallenstein 1500 Jahre früher gelebt, wäre er wohl ein »homo novus« genannt worden, ein Neuling und Aufsteiger, der die Karriereleiter so weit hochgeklettert war wie vor ihm noch keiner seiner Adelsverwandten.

Wallenstein wird als Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein 1583 geboren. Als er zehn Jahre alt ist, stirbt sein Vater, mit elf verliert er seine Mutter. Doch allzu viel weiß man nicht aus seiner Jugend in Böhmen. Sicher ist, dass er als Protestant aufwächst, mit Anfang zwanzig aber zum Katholizismus konvertiert und damit nicht nur in religiöser, sondern auch in politischer Hinsicht die Seiten wechselt. Denn protestantisch ist der böhmische Adel; katholisch aber ist der Kaiser, ist Habsburg. Und die katholische Sache, so kalkuliert Wallenstein zu Recht, ermöglicht ihm einen Aufstieg, den er als Protestant nie erreichen würde.

Zunächst einmal verschafft ihm der Übertritt zum Katholizismus aber eine reiche Witwe, Lucretia von Vickov, die zu den größten Grundbesitzerinnen in Mähren gehört. Ihr Vermögen soll nicht in protestantische Hände fallen, deshalb fädelt ihr jesuitischer Beichtvater 1609 die Hochzeit mit Wallenstein ein. Als Lucretia fünf Jahre später stirbt, erbt Wallenstein ihre Ländereien.

Es gärt in diesen Jahren zwischen der katholischen und der protestantischen Seite im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Ein Bündnis vorwiegend süddeutscher protestantischer Fürsten gründet 1608 die »Union«, die katholische Seite schließt sich ein Jahr später in der »Liga« zusammen. Beide unterhalten Heere.

Viele Menschen leben in Angst. Die Bevölkerung ist im zurückliegenden Jahrhundert um ein Viertel angewachsen, wird man all die Menschen ernähren können? Es ist die Zeit des Hexenwahns und der apokalyptischen Erwartungen, es ist die Zeit kurz vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Im Jahr 1618 stürmen böhmische Adlige die Prager Burg und stürzen zwei kaiserliche Statthalter und deren Sekretär aus dem Fenster. Doch die Männer landen auf einem Abfallhaufen und überleben. Ein symbolischer Akt, ein Affront gegen Habsburg, das sich derlei unmöglich gefallen lassen konnte. Aus Böhmen vertrieben zu werden bedeutete, den Kaisertitel zu riskieren.

Der Kaiser wird von sieben Kurfürsten gewählt, von vier katholischen und drei protestantischen. Wer in Böhmen auf dem Königsthron sitzt, bestimmt also mit, wer Kaiser im Reich wird. Deshalb wollen die Katholiken Böhmen nicht preisgeben.

Doch welche Möglichkeiten hat der erzkatholische böhmische König und spätere Kaiser Ferdinand II.? Ferdinand verfügt kaum über Truppen, er kann allenfalls die Soldaten der Liga mobilisieren. In diesen Tagen hilft ihm Wallenstein ein erstes Mal spürbar: Er nimmt 20 000 Gulden aus dem eigenen Vermögen, leiht sich weitere 20 000 und stellt ein Tausend-Mann-Heer auf, für Ferdinand.

Zwei Jahre nach dem Prager Fenstersturz besiegen die kaiserlichen Truppen das böhmische Heer vernichtend. Wallenstein wird mit einem 9000 Quadratkilometer großen Territorium nördlich von Prag belohnt, 1625 werden seine Herrschaften Friedland und Reichenberg gar zum Herzogtum erhoben.

Im Unterschied zu Ferdinand II., der eine maßlose und vollständige Rekatholisierung Böhmens erzwingen will, geht Wallenstein gemäßigt vor. Den Feldherrn interessiert weniger die Religion seiner Untertanen als ihre Produktivität für die Kriegswirtschaft. Er macht Friedland zu einer Rüstungsschmiede der Habsburger. Es gibt Pulvermühlen für die Munitionsherstellung, es arbeiten Schmiede, Schlosser und Sattler. Wallenstein sorgt aber auch für einen hohen Ausstoß landwirtschaftlicher Erzeugnisse, weil Getreideanbau, Brauereien, Fleisch- und Fischzucht, Forstwirtschaft und Jagd für den Krieg mindestens ebenso nötig sind wie Waffen.

Doch die Protestanten geben nach der verlorenen Schlacht um Böhmen nicht klein bei. Sie rufen den dänischen König Christian IV. zu Hilfe, der in Niedersachsen einmarschiert und für Ferdinand II. zunehmend bedrohlicher wird. Erneut bietet Wallenstein, der 1625 zum kaiserlichen Oberbefehlshaber ernannt wird, dem Habsburger Herrscher eine Privatarmee an, diesmal allerdings in völlig neuen Ausmaßen: erst 24 000 Mann, die er dann immer weiter aufstockt, bis er auf dem Höhepunkt selbst ein Heer von 150 000 Mann befehligt. Mit dieser beispiellosen Truppe eilt er von Sieg zu Sieg und bringt große Teile Norddeutschlands unter seine Kontrolle.

Bei der Finanzierung seiner Armee steht ihm, wie schon beim ersten Mal, der Bankier Hans de Witte zur Verfügung, ein niederländischer Calvinist. Der allein kann dieses Großunternehmen aber nicht mehr finanzieren und muss sich selbst Geld bei anderen Bankiers besorgen, die dann abgesichert werden durch die Ländereien und Einnahmen aus eroberten Gebieten. Keiner zuvor hat so umfassend seine Kriegskredite mit künftigen Kontributionen abgesichert wie der Kriegsunternehmer Wallenstein. 1628 erhält der General dazu vom Kaiser den Besitz der geächteten Herzöge von Mecklenburg. Das bereits zugesagte Fürstentum Sagan in Schlesien folgt ein Jahr später.

Doch Ferdinand II. begnügt sich mit dem Erreichten nicht; er will weitere Eroberungen und unterzeichnet 1629 das verhängnisvolle Restitutionsedikt, das mehrere hunderttausend Menschen zwangskatholisieren und den Protestantismus weitgehend vernichten will. Wallenstein sträubt sich dagegen, denn er weiß, dass diese Maßlosigkeit die Kämpfe erst richtig ausweiten wird zu einem europäischen Religionskrieg. Statt- dessen plädiert er für Toleranz.

Seine Appelle nützen nichts. Die maßgeblichen Fürsten der katholischen Liga und die Jesuiten am Wiener Hof zeigen sich unnachgiebig. Am 13. August 1630, auf dem Kurfürstentag von Regensburg, entlässt Ferdinand seinen überaus erfolgreichen, aber eigensinnigen Generalissimus. Wallenstein zieht sich, nicht unfroh über die Absetzung, zurück. Sein Bankier de Witte, der die Refinanzierung seiner Kredite verloren sieht, begeht Selbstmord.

Kaum aber ist Wallenstein abgesetzt, geraten die Habsburger militärisch erneut unter Druck: Der schwedische König Gustav II. Adolf landet im Juli 1630 auf Usedom, erobert Brandenburg und Mecklenburg und zieht 1632 gar in München ein, dem letzten Bollwerk auf dem Weg nach Wien. Ferdinand gerät in Panik. Er sendet Bittbriefe an Wallenstein, dieser möge doch wieder den Oberbefehl übernehmen.

Der Feldherr zögert lange, sagt dann doch zu - und diktiert nun demütigende Bedingungen: Der Kaiser soll sich künftig nicht mehr in militärische Fragen einmischen; nur er, Wallenstein, darf zum Beispiel Friedensverhandlungen in Sachsen führen, gar Frieden schließen. So macht sich Wallenstein zum Diktator auf Zeit, und angesichts der Bedrohung durch den Schwedenkönig akzeptieren es die Habsburger. Erst ihr Machtwahn, ihre katholische Kompromisslosigkeit haben sie so verletzlich gemacht, dass sie erneut auf den finanzstarken Heerführer angewiesen sind.

Der schlägt im November 1632 im bis dahin blutigsten Waffengang des Krieges Gustav Adolf. Zwar geht die Schlacht bei Lützen eigentlich unentschieden aus, aber Gustav Adolf stirbt in den Kämpfen, und das demoralisiert die Schweden. Fortan allerdings vermeidet Wallenstein Schlachten, er will lieber verhandeln - und wird so Opfer einer Intrige am Wiener Hof. Dort raunt man nämlich, der General wolle Ferdinand absetzen und sich zum König von Böhmen machen.

Ob es diese Hochverratspläne tatsächlich gab, ist bis heute umstritten. Ferdinand jedenfalls ächtet Wallenstein und lässt ihn im Februar 1634 ermorden. Seine Besitztümer und die seiner Vertrauten, immerhin ein Viertel des böhmischen Territoriums, werden sofort konfisziert. Die Beute saniert den Kaiser, und alle Schulden, die er bei seinem ehemaligen Generalissimus angehäuft hatte, ist er los. Ein politischer Raubmord also - aber aus Sicht der Habsburger eben ein überaus praktischer.

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