Der Tag der Kapitulation: Das Wunschkonzert bringt die Gewissheit
Der Tag der Kapitulation Das Wunschkonzert bringt die Gewissheit
Der 8. Mai 1945 war ein herrlicher Frühlingstag. Alles blühte wunderschön und die Sonne strahlte. Uns hatte die Flucht aus Ostpreußen nach Kirchberg verschlagen, eine kleine Textilstadt in Sachsen. Der ganze Ort war überfüllt von Flüchtlingen.
Und über die Wiesenstraße - eher ein "Sträßchen", buckelig und krumm - kamen immer mehr Menschen aus östlicher Richtung. Heimkehrende Soldaten, halb verhungert, zerlumpt, verschreckt, zermürbt. Dass die noch nicht zusammengebrochen waren! Alle hatten nur ein Ziel: Nach Hause.
Der eine war Rheinländer und hatte noch einen langen Weg vor sich. Einen anderen sah ich auf einer Treppe sitzen, er trug eine schwarze Uniform, Kragenspiegel und Achselklappen waren abgerissen. Es war einer von der SS. Furchtbar hustend, verdreckt, erbärmlich sein Zustand. Mich ergriff Mitleid. Ich nahm ihn mit in das Haus, in dem wir untergebracht waren. Jeder Familie waren zwei Flüchtlinge zugewiesen worden. Nach einigen Überredungskünsten durfte er mit in die Wohnküche, sich säubern, verbinden, herrichten, auch bekam er eine Art Schlafplatz.
Ist der Krieg wirklich zuende?
Am Abend zog ich mit dem Schwarzgewandeten noch einmal los. Der Krieg soll aus sein?! Wir wollten sehen, wie sich der Frieden auswirkt. Die Bahnhofskneipe war fast leer. Es herrschte eine eigenartige Stimmung. Wir tranken eine Art Ersatzbier, es hatte kaum Alkohol und kostete nur wenige Pfennige. Auf einmal betraten amerikanische Soldaten den Schankraum. Ich erschrak furchtbar. Würden sie meinen Begleiter verhaften und mitnehmen?
Nichts passierte. Die Soldaten salutierten, grüßten uns und gingen weiter. Ich war erleichtert. Aber das mulmige Gefühl blieb und die bohrende Frage: Ist der Krieg zu Ende oder nicht? Im Wald, so hieß es, seien noch kämpfende Soldaten. Jeeps fuhren immer wieder Patrouille. Die Amerikaner waren da, aber man hörte, die Russen seien schon über die Elbe. Die Anwesenheit der Amerikaner beruhigte uns zuerst. Später, als sie in die Häuser kamen und immer wieder riefen: "You have to move!", kippte die Stimmung allerdings.
Wirklich klar wurde mir die Bedeutung des Kriegsendes erst, als wir das Wunschkonzert im Radio hörten. Vertraute Melodien wie "Im schönsten Wiesengrunde steht meiner Heimat Haus..." Ich dachte an unser Haus, unsere Heimat. Da brach alles in mir zusammen. Wir weinten hemmungslos. Uns wurde bewusst: Es ist aus! Der Krieg verloren. Und damit die Heimat, die geliebten Menschen - von unserem Vater hatten wir seit Monaten nichts mehr gehört.
Christel Raufeisen lebt heute in Bad Fallingbostel. Am 26.12.2007 wurde sie 85 Jahre alt. Da sie stark sehbehindert ist, hat Reinhard Fitzner ihre Geschichte aufgeschrieben.