Designer Luigi Colani feiert seinen 85. Geburtstag - DER SPIEGEL
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Designer-Kauz Colani: Funktioniert nicht? Interessiert nicht!

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Designer-Kauz Colani Funktioniert nicht? Interessiert nicht!

Sinkende Superboote, Lastwagen im Raumschiff-Look und eine kugelrunde Küche: Luigi Colanis schräge Design-Visionen machten ihn weltberühmt. Dabei sind viele seiner Entwürfe kaum praxistauglich. Gebucht wird der Industriedesigner trotzdem - dank einer radikalen Marketing-Strategie.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wunderschön sah der Ruderachter aus: stromlinienförmig, futuristisch und schnell. Stardesigner Luigi Colani hatte in nur einer Woche ganze Arbeit geleistet. Stolz betrachtete die Vereinsspitze des Ulmer Ruderclubs im Sommer 1972 ihr neues Superboot. Doch kaum war das Gefährt im Wasser, sank es wie ein Stein und mit ihm ertrank die Hoffnung auf das ultimative Superboot, mit dem die Ruderer einen Sieg nach dem anderen einfahren würden.

Colani nahm es gelassen. Es war nicht sein erster Flop - und sollte auch nicht der letzte sein. Reihenweise hat er in den mehr als sechs Jahrzehnten, in denen er als Industriedesigner tätig ist, Gegenstände entworfen, die zwar futuristisch und irgendwie cool aussahen, sich aber als nicht praxistauglich erwiesen: ein Riesensegelflugzeug für die Nasa, aerodynamische Lkw-Zugmaschinen oder Superflugzeuge mit Sitzplätzen für 1000 Passagiere. Mehr als 70 Prozent seiner Entwürfe gingen, wie er selbst zugibt, nie in Serie.

Seinem Erfolg schadeten die vielen futuristischen Luftschlösser, die er bisher gebaut hat, nicht. Colani, der in diesen Tagen 85 Jahre alt wird, zählt zwar zu den umstrittensten, zugleich aber auch zu den bekanntesten und wirtschaftlich erfolgreichsten Industriedesignern Deutschlands. Von Biergläsern über Brillen bis hin zu Riesentankern hat er nahezu jeden Gebrauchsgegenstand neu designt und mit seinen verrückten Ideen ein ansehnliches Vermögen angehäuft. Selbst aus seinen realitätsfernen Entwürfen schlägt er noch Kapital: Ohne sie wäre er nicht Colani - der Meister der Selbstdarstellung.

Polyesterflundern und obszöne Wortsalven

"Ich eile dem Zeitgeist zehn bis fünfzehn Jahre voraus", behauptet er von sich. Die vielen Skizzen und Prototypen der letzten Jahrzehnte dienen ihm als Beweis dafür. Kritiker schmettert er mit wütenden, gerne auch mal obszönen Wortsalven ab. "Alles Pfeifen", lästert er. Oder: "Vom Design der letzten fünf Jahre müsste man die Hälfte erdrosseln und vom Rest drei Viertel erwürgen." Schamlos regt er sich öffentlich über alles und jeden auf. Auch das ist Teil seines Programms: Seine Schimpftiraden sichern ihm Medienpräsenz.

Zum ersten Mal geriet Luigi Colani, der 1928 in Berlin geboren wurde und mit bürgerlichem Namen eigentlich Lutz Colani heißt, Anfang der sechziger Jahre ins Rampenlicht. Jahrelang hatte er für VW, Fiat und Alfa Romeo Kunststoffkarosserien entworfen. Nun kam er mit einer neuen Idee heraus: ein Sportwagen aus Kunststoff, den man als Bausatz kaufte und selbst zusammenschrauben musste. Der Colani GT - im Volksmund bald Polyesterflunder genannt - basierte auf dem VW Käfer und kostete damals nur 5000 Mark. Auch wenn nur ein paar hundert Wagen davon verkauft wurden, war das mediale Echo gewaltig. Der Wagen wurde als Stilikone gefeiert und sein Designer mit ihm.

Parallel begann er Kunststoffmöbel zu gestalten und erarbeitete sich damit endgültig einen festen Platz in der Welt der Industriedesigner. 1968 entwarf er für den Möbelhersteller COR den Plastikstuhl Loop, ein Jahr später den Sessel Orbis. Im selben Jahr gestaltete er für den Konkurrenten Kusch & Co. die Liege TV Relax, die heute Teil der ständigen Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München ist.

Die perfekte Design-Show

Ungeniert schockte er schon damals die Öffentlichkeit mit seinen großkotzigen Äußerungen. "Ich mache mit dem Ausmessen entzückender Hintern Geschäfte", ließ er 1970 verlauten. Bei anderer Gelegenheit dröhnte er, der Porsche sei nur ein "Kohlenkasten mit Schlafaugen" und der Elektrohersteller Braun quäle seine Kunden mit "ermüdendem Gestaltungsgrau". Jeder amüsierte sich über das schamlose Enfant terrible - und buchte es.

So konnte Colani bald selbst die Regeln für seine Aufträge machen. DER SPIEGEL schrieb 1977: "Normalerweise verdienen Designer an ihren Lizenzgebühren. Colani dagegen wird nur gegen Vorkasse aktiv. Unter 100.000 Mark geht nichts mehr." Die "perfekte, mediengerechte Design-Show" sei allerdings inklusive. Und dafür nahmen seine Kunden auch unrealisierbare Entwürfe in Kauf.

Das beste Beispiel dafür ist vielleicht die futuristische Kugelküche, die Colani 1971 für Poggenpohl entwarf. Wie so viele von Colanis Entwürfen ging sie nie in Serie. Aber sie sorgte weltweit für Aufsehen. Poggenpohl war in aller Munde - und Colani wurde als futuristischer Visionär gefeiert.

Traumstadt in Menschenform

Die Poggenpohl-Küche war nicht zufällig rund. Colani hasst Ecken und Kanten, weil sie für "die Zerfetzung des Auges" sorgen würden. Seine Formen sind immer geschwungen. 1973 hatte er mit seinem kurvenreichen Stil so viel Geld verdient, dass er sich in Harkotten in Westfalen ein Schloss kaufte, wo er seine "Designfabrik" unterbrachte. Von hier aus gestaltete er auch viel Brauchbares: Waschbecken für Villeroy & Boch, Armaturen für Grohe, Porzellan für Rosenthal - alles rund.

Knapp zehn Jahre hielt Colani es in der westfälischen Provinz aus, dann zog es ihn nach Japan, wo er unter anderem für Sony und Canon arbeitete. Der bekannteste Entwurf aus dieser Zeit ist die Canon Spiegelreflexkamera T90. Berühmt wurden auch die Kopfhörer, die er Ende der Achtziger für Sony entwarf, und die inzwischen im Museum of Modern Art in New York zu sehen sind.

Seit Mitte der neunziger Jahre pendelt Colani zwischen Karlsruhe, wo er sein Designstudio hat, und China, wo er an seinem "Lebenswerk und Vermächtnis" arbeitet: der Eco-City. Auf der Insel Chong Mingh im Jangtse-Delta errichtet er seine eigene Stadt, die einem auf dem Rücken liegenden menschlichen Körper nachempfunden ist. Die Eco-City soll nahezu ohne fossile Energieträger auskommen und damit extrem umweltfreundlich sein. Das klingt so abgefahren und größenwahnsinnig, dass zu befürchten ist, Colanis Traumstadt wird sich in die endlose Reihe seiner futuristischen Design-Flops einreihen. Die mediale Aufmerksamkeit hat er natürlich trotzdem schon jetzt.