Joachim Gauck in Rostock: Seine erste Wahl
Designierter Bundespräsident Gaucks erste Wahl
"Wir gehen am Heiligen Abend zur Messe in die Sankt-Andreas-Kirche in Reutershagen. Dort spricht Joachim Gauck. Ich höre ihn so gern reden. Er getraut sich, Sätze zu sagen, die sich andere nicht getrauen." Das waren die Worte meiner zukünftigen Schwiegermutter Ende 1979, als ich das erste Weihnachtsfest in der Familie meiner späteren Ehefrau verbrachte. Joachim Gauck war Pastor in Rostock-Evershagen, einem Plattenbauviertel mit 22.000 Einwohnern. Eine Kirche hatte Evershagen nicht, zum Beten fuhr man ins benachbarte Reutershagen.
Die Menschen in Evershagen lebten noch nicht lange zusammen, das Neubauviertel war erst 1978 fertiggestellt worden. Auf den Reißbrettern der Städteplaner war an fast alles gedacht worden: Kaufhallen, Schulen, Kindergärten, medizinische Versorgung, Post, Sparkasse, Gaststätten, Kino. Eine Kirche war nicht vorgesehen - weil Religion in der ganzen DDR nicht vorgesehen war.
Undenkbar war, dass die Kirche Plakate aufhängte, um für das Christentum zu werben. Unmöglich war es auch, mit Handzetteln zu arbeiten: Es mangelte an Papier und an Kopierern. Für jede Vervielfältigung war außerdem eine "staatliche Druckgenehmigung" erforderlich. Undenkbar war Gemeindearbeit trotzdem nicht: Joachim Gauck warb einfach persönlich.
"Mit großer Begeisterung, mit Freude und Neugier und vor allem mit dem festen Willen, die Herausforderung zu meistern", so hat er seine Kärrnerarbeit in Rostock später mit eigenen Worten beschrieben. Er ging in die Wohnhäuser, die keine Fahrstühle hatten, klingelte an jeder Tür auf sechs Etagen und informierte die Menschen persönlich über den geplanten Aufbau einer evangelischen Gemeinde. Genossen oder Nicht-Kirchenmitglieder hätten ihn wegen Belästigung anzeigen können. Manchmal haben sie es auch getan. Doch es kam auch vor, dass Nichtchristen Interesse zeigten, die in einem atheistischen Staat den Faden des Lebens verloren hatten. So war es bei uns zu Hause.
Wir sind volljährig, aber nicht mündig
1988 erzählte mir ein Schüler der zwölften Klasse der 1. Erweiterten Oberschule in Rostock, der Mitglied unserer Arbeitsgemeinschaft für Fotografie war, dass jemand mit Farbe folgenden Spruch an die Wand seiner Schule gemalt hat: "Wir sind volljährig, aber nicht mündig." Es gab Aufregung, der "Tatort" wurde gesichert, und die Schüler wurden durch einen Seiteneingang zum Unterricht geleitet, was aber nicht die Verbreitung der Botschaft verhindern konnte. Mit einem gewaltigen Aufgebot wurde nach den Volljährigen gefahndet, und: Sie wurden ermittelt.
Die beiden erwachsenen, aber unmündigen Schüler der staatlichen Eliteschule als Verfasser des Spruchs gerieten in die Hände der Stasi. Wie mir der Schüler weiter erzählte, setzte sich Joachim Gauck für sie ein, konnte aber ihre Verurteilung zu einer etwa zweijährigen Gefängnisstrafe wegen "Herabwürdigung" nicht verhindern.
Ich traf Joachim Gauck wieder, als sich am 19. Oktober 1989 in und an der Rostocker Marienkirche Tausende Menschen versammelten. An diesem Tag entzündete sich der Zorn der unmündig gehaltenen Menschen. In einer Fürbittandacht, von jungen Aktiven vorbereitet, beteten die Menschen für die Freilassung der in Leipzig Inhaftierten, bis Joachim Gauck als Redner auf das Podest trat, die richtigen Worte fand und zum Schluss verkündete:
"Wir bilden jetzt einen Demonstrationszug. Wir gehen in Richtung Kröpeliner Tor, biegen nach links in die Schröderstraße ein - Keine Gewalt! Achtet auf eure Nachbarn! Keine Gewalt! - und dann wieder nach links in die August-Bebel-Straße!" Der Rest ging im Jubel der 20.000 Versammelten unter. In der August-Bebel-Straße stand dunkel, verhangen und mächtig die Stasi-Zentrale des Kreises und des Bezirkes Rostock. Fortan wurde sie an jedem Donnerstagabend mit Kerzenschein beleuchtet.
"Die erste Gauck-Behörde ohne Jochen"
Während ich mich für die fotografische Dokumentation des Geschehens entschied und unser einjähriges Kind betreute, wurde meine Frau gemeinsam mit anderen Bürgerbewegten im Neuen Forum aktiv, wo sie später als Sprecherin unseres Stadtteils an den Verhandlungen des Runden Tisches teilnahm und mit Joachim Gauck Kontakt hatte. Nach dem Fall der Mauer und den dramatischen Enthüllungen der DDR-Waffengeschäfte heizte sich im Volk die Stimmung auf, das berüchtigte und bewaffnete Stasi-Gebäude zu besetzen. Joachim Gauck mahnte zur Vorsicht, dieses gefährliche Unterfangen nicht voreilig zu beginnen. Er bremste die Ungeduldigen, bis sich am 4. Dezember 1989 in einer Nacht die Machtverhältnisse erfolgreich umkehrten, der Staatsanwalt (SED) den MfS-General (SED) festnahm und die Volkspolizei (SED) fortan die Kontrolle über die Stasi (SED) ausübte.
Die neuen "Mächtigen" aus den Reihen der Bürger richteten einen unabhängigen Untersuchungsausschuss ein, um die vor der Vernichtung gerettete Sammelwut der Stasi nicht in die falschen Hände geraten zu lassen. Somit entstand in Rostock "die erste Gauck-Behörde, wenn auch anfangs ohne Jochen", wie es Axel Peters, einer der Bürgerbewegten, später in einem Gedächtnisprotokoll festhielt. Im Februar 1990 endeten die Demonstrationen auf den Straßen und der Kampf zur ersten freien Wahl der Volkskammer der DDR am 18. März 1990 begann. Die Wahl gewann die CDU deutlich. Die Wahl Joachim Gaucks über einen Listenplatz des Neuen Forums fiel dagegen knapp aus.
Die nächste Begegnung mit Joachim Gauck erlebte ich im Sommer 1990 kurz nach der Währungsunion. Beim Sonntagsspaziergang Am Alten Strom in Warnemünde trafen meine Frau und ich den "Jochen". Er erzählte uns von seinem Vorhaben, die Akten der Stasi den betroffenen Bürgern geordnet zugänglich zu machen, und bat uns um Unterstützung in der Form, "schon mal formlose Anträge zu stellen, damit die sehen, dass Interesse besteht". Ich stellte einen Antrag. Neun Jahre später las ich meine Akte wie einen Krimi. Bisherige Geheimnisse meines Lebens entschlüsselten sich. Es blieben aber auch Rätsel, deren Möglichkeiten zur Auflösung den Flammen im Verbrennungsofen zum Opfer gefallen waren.
Joachim Gauck war aus meiner Sicht 1989 und 1990 einer von vielen Bürgern der Hansestadt Rostock, die sich gemeinsam die Mündigkeit erworben haben. Er war und ist ein Mann des Wortes, ein Mensch, wie ihn Ernst Barlach in seiner Plastik als "Geistkämpfer" dargestellt hat. Und das ist eine ganze Menge.
Zum Weiterlesen:
Siegfried Wittenburg (Hrsg.): "Revolution Rostock '89". Erlebnisberichte der Akteure, 2009, 80 Seiten.
Siegfried Wittenburg: "Leben in der Utopie". Mitteldeutscher Verlag, Düsseldorf 2012, 148 Seiten.
Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.