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Deutsch-deutsche Freundschaften: "Wer bezahlt dich eigentlich?"

Deutsch-deutsche Freundschaften "Wer bezahlt dich eigentlich?"

Auf Tuchfühlung mit den deutschen Nachbarn: Eberhard Tiefenstädter war in den achtziger Jahren aus beruflichen Gründen oft in der DDR und fand dort über die Zeit viele Freunde. Sie zeigten ihm eine andere Seite des Ostens. In seiner Heimat kam das gar nicht gut an. Seine Stammtischkollegen hielt ihn sogar für einen Stasi-Spion.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaum jemand hüben wie drüben wusste, dass die DDR in den achtziger Jahren einer der wichtigsten Handelspartner der Bundesrepublik Deutschland war. Kühlschränke, Möbel, Glühbirnen, Armaturen und viele andere Produkte des täglichen Bedarfs "made in GDR" wurden vom Westen importiert und unter eigenen Handelsmarken verkauft. Gleichzeitig exportierte die Bundesrepublik Waren in die DDR - meist ihm Rahmen sogenannter Kompensationsgeschäfte. 1978 beispielsweise rollten insgesamt 10.000 VW-Golf über die deutsch-deutsche Grenze Richtung Osten.

Ich war damals einer derjenigen Marketingberater, die ostdeutschen Firmen bei ihren Exportgeschäften zur Seite stand. Im Auftrag einer westdeutschen Importfirma beriet ich das Kombinat Carl Zeiss Jena, dessen Volkseigene Betriebe Laborglas, Planetariumsprojektoren und andere optisch-feinmechanische Produkte in den Westen exportierten. Meine Aufgabe bestand hauptsächlich darin, den ostdeutschen Exporteuren zu vermitteln, dass in Westdeutschland "Preis, Leistung, Liefertreue" zähle, man dort mit dem Verweis auf "sozialistische Errungenschaften" hingegen wenig anfangen könne. Das erforderte Einfühlungsvermögen und Beharrlichkeit.

Anfangs erntete ich noch viel Misstrauen. Die ostdeutschen Kollegen sahen in mir in erster Linie den typischen "Besserwessi". Irgendwann wich dieser Argwohn aber der Einsicht, dass der Außenhandel der DDR mit dem kapitalistischen Ausland frei konvertierbares Geld in die Staatskasse spülte. Meine Ratschläge zur Steigerung des Absatzes im Westen wurden schließlich mit Verständnis aufgenommen. Wir schlossen Frieden.

Freundschaften fürs Leben

Ich empfand diese Zeit damals als besonders großes Glück, weil sie es mir ermöglichte, mit DDR-Bürgern zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, die sonst nie zustande gekommen wären. Viele von ihnen waren Mitarbeiter oder einheimische Gäste des Hotels Elefant in Weimar, wo ich regelmäßig unterkam. Meist lernte ich sie nur mit ihrem Vornamen kennen. Einer von ihnen wurde direkt nach der Wende Oberbürgermeister von Weimar. Einige der Freundschaften haben noch heute Bestand.

Wir trafen uns nach Dienstschluss unter manchmal fast konspirativen Bedingungen im privaten Umfeld. Interhotels und Restaurants mieden wir genauso wie politische Themen. Schließlich war klar, dass ich als berufstätiger Westbürger in der DDR auf Schritt und Tritt von der Stasi beobachtet wurde. Meist drehten sich unsere Gespräche daher um den Alltag in Ost und West. Immer wieder machte ich interessante Beobachtungen: Einer meiner damaligen Gefährten beispielsweise wohnte in einer äußerlich heruntergekommenen Villa, die innen aber West-Standard hatte. Alles, was er dafür brauchte, hatte er sich Schritt für Schritt über die üblichen Tauschgeschäfte besorgt.

Ich nahm immer wieder Kontakt zu DDR-Bürgern auf, weil ich das andere Deutschland und die Menschen, die dort lebten, näher kennenlernen wollte. Welche Themen bewegten sie? Wie lebten sie? Worüber stritten sie? So pathetisch das auch klingen mag: Die beiden Teile Deutschlands waren sich ziemlich fremd geworden. Man hatte sich in 40 Jahren Teilung vollkommen auseinandergelebt. Die Rentnerreisen - seit 1964 durften Ost-Rentner in den Westen reisen - und die wenigen Besucher der Leipzier Messe trugen damals wenig zu einer aufrichtigen und vor allem tiefer gehenden Verständigung bei. Die einen waren stolz auf das angeblich Erreichte, die anderen froh über Geschäftskontakte und Aufträge.

Illusion einer sorgenfreien Welt

Meine Freunde sprachen eigentlich nie offen aus, wie sehr sie sich mehr Freiheit und Luxus wünschten. Nur wenn wir uns abends hinter den Fensterläden verschanzten, um gemeinsam West-Fernsehen zu schauen, konnte ich ahnen, wie groß diese Sehnsucht war. Vor allem die Werbung hatte es ihnen angetan. Mallorca-Urlaub, Computer, West-Autos, Mode - die Illusion der glücklichen West-Familie mit gesichertem Einkommen war perfekt. Da konnte Karl-Eduard von Schnitzler, Chefkommentator des DDR-Fernsehens, in seiner Sendung "Der Schwarzen Kanal" noch so sehr die hohe Arbeitslosigkeit und soziale Kälte in der BRD anprangern: Man glaubte ihm nicht.

Ich versuchte, dieses Wunschbild einer sorgenfreien, harmonischen West-Gesellschaft ganz behutsam zu korrigieren. Vergeblich. Man wollte mir nicht glauben, dass eine vergleichbare Wohnung in der Bundesrepublik das Zehnfache an Miete kostete - 700 D-Mark statt 70 Ostmark - und dass beruflicher Erfolg nicht besonders viel mit Solidarität, dafür aber sehr viel mit Ellenbogen zu tun hatte. Auch dass es bei uns Planziele gab, die zwar nicht der Staat den Unternehmen, sondern die Unternehmen ihren Mitarbeitern vorgaben, nahm man mir nicht ab.

Einmal wurde ich als Nestbeschmutzer beschimpft. Ob das eine bewusste Provokation war, um sich hinter einer Fassade der Unschuld zu verstecken? Ich weiß es nicht.

"Da kommt ja unser Kommunist"

Die Gespräche wühlten uns eigentlich immer auf. Ratlos, verwirrt und nachdenklich fuhren mich meine Bekannten dann am späten Abend mit dem Wartburg oder Trabbi - je nach gesellschaftlicher Stellung - in die Nähe des Hotels Elefant. Man wollte ja nicht unbedingt mit einem Westbürger gesehen werden.

In meinem Heimatort erntete ich wegen meiner Kontakte in die DDR regelmäßig Kritik. Wenn ich - zurückgekehrt von einem meiner DDR-Aufenthalte - in mein Stammlokal ging, schallte es mir entgegen: "Da kommt ja unser Kommunist. Wer bezahlt Dich eigentlich - die Stasi oder der KGB?" Ich erwähne das, weil es mir in den Jahren vor und nach der Wende nur selten gelungen ist, Vorurteile dieser Art abzubauen. "Was soll ich da drüben", höre ich zuweilen heute noch Leute sagen.

Es wird noch Jahre dauern, bis das Verständnis füreinander wächst und zu einem aufrichtigen Miteinander führt. Ich hatte das Glück, noch zu DDR-Zeiten mehr als nur die Staatswillkür des Regimes erlebt zu haben - und zwar die Menschen kennenzulernen, denen ich dort begegnet bin.

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