Deutsch-deutsche Verständigung - DER SPIEGEL
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Deutsch-deutsche Verständigung: Literatur unterm Ladentisch

Foto: Rainer Schinzel

Deutsch-deutsche Verständigung Literatur unterm Ladentisch

Besuch bei den DDR-Kollegen: Als der Bibliothekar Rainer Schinzel 1986 an einer Exkursion ins mecklenburgische Schwerin teilnimmt, ist er von der guten Ausstattung ostdeutscher Bibliotheken überrascht. Ein Spaziergang durch die örtlichen Buchhandlungen allerdings relativiert den Eindruck vom Leseland DDR.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 6. Mai 1986 wurde das deutsch-deutsche Kulturabkommen zwischen der DDR und der Bundesrepublik unterzeichnet. Es sollte zu einer Vertiefung der Kenntnisse über das kulturelle und gesellschaftliche Leben des jeweils anderen Deutschlands beitragen. Als Folge dieses Kulturabkommens besuchte ich im März 1987 zusammen mit anderen westdeutschen Bibliothekaren im Rahmen einer Exkursion erstmals ostdeutsche Kollegen im mecklenburgischen Schwerin. Das Interesse am Fortbildungskurs "Bibliotheken in der DDR und ihre Benutzer" war groß. Bibliothekarinnen und Bibliothekare aus der ganzen Bundesrepublik hatten die weite Anreise in den Norden nicht gescheut.

Obwohl die DDR mehr oder weniger vor unserer Haustür lag, blieb sie in Vielem ein fernes, unbekanntes Land. Es war hilfreich, dass uns ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Lüneburger Akademie zunächst eine Einführung in die Landeskunde und Geschichte Mecklenburgs gab, wohin uns die Exkursion am nächsten Tag führen sollte. Frühmorgens war der Grenzübergang Lauenburg-Horst nicht von Tagesausflüglern frequentiert, sodass unsere Anreise zügig vonstatten ging. In der Bezirkshauptstadt Schwerin erwarteten uns die Kollegen der Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek, und der Leiter der Einrichtung stellte uns sein Reich vor.

Die Wissenschaftliche Allgemeinbibliothek des Bezirkes Schwerin war 1969 durch den Zusammenschluss der Mecklenburgischen Landesbibliothek und der Stadt- und Bezirksbibliothek entstanden. Während unseres Besuchs befand sich die Bibliothek im Umbau. In einer ehemaligen Klavierfabrik sollte das Schmuckstück der neuen Bibliothek entstehen, ein Lese- und Veranstaltungssaal mit angeschlossener Artothek, in der sich die zukünftigen Nutzer würden Kunstwerke ausleihen können. Damals sagten uns die ostdeutschen Kollegen allerdings, dass der Wohnungsbau in der DDR Vorrang habe, weswegen alles nicht so schnell voranginge, wie man es sich wünsche.

In einer Ausstellung des Hauses wurden die Schätze der Bibliothekssammlung gezeigt: Handschriften, Musikalien sowie sogenannte Inkunabeln, Druckerzeugnisse aus der Frühzeit der Gutenbergschen Buchdruckkunst. Das Mecklenburgische Literaturkabinett im Hause sammelte allerhand Niederdeutsches, die sogenannten Mecklenburgica, und gab eine mecklenburgische Bibliographie heraus. Die zahlreichen Fragen, die uns Teilnehmern angesichts der Sammlung in den Sinn kamen, wurden in einer freimütigen Fachdiskussion beantwortet. Insbesondere die Etatproblematik sowie einige andere Verwaltungseinzelheiten interessierten und beeindruckten uns - und das nicht etwa deshalb, weil wir den Eindruck bekamen, dass die Bibliotheken in erster Linie mit mangelnder Unterstützung zu kämpfen hatten. Eher im Gegenteil.

Schon vor unserer Exkursion nach Schwerin war die DDR in meiner Wahrnehmung ein Land gewesen, in dem der Literatur und dem Lesen ein größerer Stellenwert zukam als bei uns in der Bundesrepublik. Obwohl uns natürlich die komplizierte Verwicklung von restriktiver Kulturpolitik, der Normierung literarischer Ästhetiken und der aus ihr folgenden Zensurbestrebungen bewusst war, hatten wir den Eindruck, dass uns die DDR etwas voraus hatte in der Art und Weise, wie sie Bibliotheken unterstützte und deren Arbeit als wichtigen Bestandteil gesellschaftlichen Lebens begriff.

Beim nachmittäglichen Bummel durch die vier örtlichen Buchhandlungen relativierte sich unser positiver Eindruck von der DDR als Leserepublik wieder. Unseren gezielten Buchnachfragen konnte meistens nicht entsprochen werden. Den Ladenauslagen war der Mangel anzusehen. Die Auflagenzahlen entsprachen offenbar bei Weitem nicht immer der Nachfrage. Begehrte Titel wurden unter den Ladentischen gehandelt. So blieb uns nur zu hoffen, dass die Bibliotheken diesen Missstand ausgleichen konnten.

Natürlich hätten wir damals nicht im Traum daran gedacht, dass drei Jahre nach unserer deutsch-deutschen Begegnung die DDR nicht mehr existieren würde. Es dauerte nicht lange, und die Buchläden von Mecklenburg-Vorpommern bis Sachsen waren genauso vollgestopft und die Bibliotheken hatten mit den gleichen Kürzungsproblemen zu kämpfen wie in der Bundesrepublik. Die Zensur dagegen hatte ein Ende, und wer lesen wollte, konnte endlich lesen. Soviel und was er wollte.