Deutsch-deutscher Grenzverkehr - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Deutsch-deutscher Grenzverkehr: "Hau ab, du Spinner!"

Foto: Das Bundesarchiv/Heinz Junge

Deutsch-deutscher Grenzverkehr "Hau ab, du Spinner!"

Tumult im Interzonenzug: Als Transitreisender zwischen West und Ost lernte Walter Waiss in den achtziger Jahren viele Landsleute kennen. In Erinnerung blieben ihm vor allem grimmige Grenzsoldaten, ehrgeizige Kontrolleure, eine Wurstschmugglerin - und ein ostdeutscher Alt-Nazi.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei einer Reise mit dem Interzonenzug musste man sich auf Zwischenfälle gefasst machen. Abgesehen von den aufreibenden Formalitäten, die man mit den sozialistischen Brüdern und Schwester bereits vor der Einreise in die DDR zu klären hatte, war der Grenzübertritt das eigentliche Abenteuer. Da der Interzonenzug nicht einfach nur ein Transitzug war, sondern auch mehrere Stationen in der DDR bediente, begegnete man vielen ostdeutschen Passagieren - und erntete von so manchem, der nicht über eine Ausreiseerlaubnis verfügte und den Zug an der letzten Station in der DDR verlassen musste, unfreundliche Blicke.

Es war im Jahr 1985, als sich auf meiner Rückreise von einem Besuch bei Bekannten in der DDR - wie immer an der letzten Station vor der Grenze - der Zug leerte. Inmitten des hermetisch abgeriegelten Grenzgebiets begann die Kontrolle des Zugs und der verbliebenen Passagiere. Ich war mittlerweile allein in einem Sechserabteil. Draußen sah ich überall Sichtschutzzäune, Stacheldraht und Grenzsoldaten mit bellenden Schäferhunden an der Leine. Ein beklemmender Anblick. Die ersten Grenzsoldaten kamen zu mir in das Abteil. Was aussah wie eine grußlose Verbeugung war lediglich der wiederholte Kontrollblick unter die Sitzbänke. Doppelt und dreifach hielt eben besser. Schließlich hätte sich jemand mit etwas akrobatischem Geschick dort verstecken können.

Während auf beiden Seiten des Zuges Volkspolizisten und Grenzsoldaten standen, wurden Spürhunde unter die Waggons getrieben. Im Zug war es unterdessen totenstill. Im Waggon kam es zu einer Auseinandersetzung. Eine Rentnerin hatte Wurstwaren dabei. Sie musste den Zug verlassen. Das Fenster stand offen, und ich konnte hören, wie ein Soldat nicht ohne einen gewissen Entdeckerstolz seinem neben dem Zug lässig auf und ab gehenden Vorgesetzten den Fund meldete. Als kriminelle und sicherheitsgefährdende Wurstschmugglerin musste die Frau ihren Pass, ihre polizeiliche Meldebescheinigung und andere Reisedokumente vorzeigen. Dann durfte sie zurück in den Zug. Dafür kam es sofort zu einem neuen Eklat.

"Hau ab, du Spinner!"

Zuständig für die Passkontrolle war ein Soldat, der eine mobile Schreibunterlage bei sich führte, die aussah wie ein Bauchladen. Ihm stand die Feindseligkeit ins Gesicht geschrieben. Nur nichts Verkehrtes sagen, ermahnte ich mich. Schon meine aufmüpfige süddeutsche Grußformel "Grüß Gott" hatte dem rothaarigen Kommunistenkrieger die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Flapsigkeiten konnten einen in unangenehme Situationen bringen. Als der Rotschopf ohne jede Beanstandung zum nächsten besetzten Abteil weiterging, fiel mir ein Stein vom Herzen.

Ich konnte hören, wie der Grenzer einem Passagier die Frage nach seiner Nationalität stellte. "Deutscher", antwortete eine Männerstimme. Ein reichlich provokative und politische Antwort in Zeiten zweier Deutschlands. Dem lauten und aufgeregten Wortwechsel, der sich anschloss, konnte ich zwar nicht folgen. Aber ich verstand, wie der Passagier zu dem Grenzer sagte: "Hau ab, du Spinner!" Wer so mit einem Grenzsoldaten sprach, der hatte einiges zu befürchten. Wer sagte, er sei Deutscher, obwohl von im die Antwort "DDR-Bürger" erwartet wurde, der riskierte wahrscheinlich ebenso großen Ärger, dachte ich mir. Der wutentbrannte Rothaarige und seine Kameraden liefen auf dem Gang hin und her. Ich saß verschreckt in meinem Albteil und traute mich nicht, um die Ecke zu schauen. Die Stimmung war bedrohlich.

Neue Offiziere rückten an. Zusammen mit bewaffneten Soldaten liefen sie an meinem Abteil vorbei. Die Auseinandersetzung wurde immer lauter. Beschimpfungen waren zu hören, bis sich der Tumult irgendwann jäh auflöste und die Auseinandersetzung ein Ende gefunden zu haben schien. Es dauerte eine Weile, bis die Soldaten wieder an meinem Abteil vorbeigingen, diesmal gemessenen Schrittes. Mittlerweile hatten wir etwa zwei Stunden gehalten. Aber ein Ende schien noch immer nicht abzusehen. Als sich die westdeutsche Diesellok dann doch in Bewegung setzte, atmete ich auf.

"Sozialistische Einheitspartei Ostdeutschlands?"

Wachtürme und Grenzanlagen waren schnell aus dem Blickfeld verschwunden. Der Gang vor dem Abteil war jetzt leer. Vor dem Abteil, in dem sich die Auseinandersetzung abgespielt haben musste, stand ein beleibter, älterer Herr im Anzug. Ich fragte ihn, ob er wisse, was vorgefallen sei und ob auch er an der Grenze die Schreierei mitbekommen habe. Es stellte sich heraus, dass der unscheinbare Mann selbst Grund für die Aufregung gewesen war. Er erzählte, wie er sich mit dem DDR-Pass und seinen Besuchspapieren in der Hand als Deutscher bezeichnet hatte. Eine Aussage, die als Provokation aufgefasst wurde und den Grenzer dazu veranlasst hatte zurückzufragen: "West- oder Ostdeutscher?"

Der alte Herr wiederholte die bereits gemachte Angabe lediglich und sagte zu dem Soldaten, dass er in der Fabrik arbeiten solle, wenn er nicht richtig hören könne. Als die Vorgesetzten dazugekommen waren, fragte er sie, warum sie einen Idioten Dienst machen ließen. "Kennt er denn nicht unsere Partei? Sozialistische Einheitspartei Deutschlands heißt die doch! Oder etwa Sozialistische Einheitspartei Ostdeutschlands? Ist mir da etwas entgangen?" Nachdem Stille eingekehrt war, musste sich der rothaarige Grenzer bei dem Herren entschuldigen und das Abteil verlassen.

Der alte Mann erzählte mir, dass er Jahre zuvor nicht zu der Beerdigung seiner Eltern in Westdeutschland habe fahren dürfen, weil er ein ehemaliger SS-Soldat sei. "Damals habe ich keine Angst vor den Russen gehabt", sagte er, "warum also jetzt vor deren Nachfolgern?" Der Mann trug am Revers seines Anzugs ein Abzeichen. Er deutete darauf und sagte: "Ich fahre nach Münster zum Treffen der ehemaligen SS-Panzergrenadiere!" Wenn das die Kommunistenkrieger von den Grenztruppen gewusst hätten!