Deutsche Soldaten in Georgien: Der Geist der Gefangenen
Deutsche Soldaten in Georgien Der Geist der Gefangenen
Die Straße windet sich den Berg hinauf. Rechts neben mir gähnt ein Abgrund, unten schimmert silbern ein Bach durch die grünen Bäume. Langsam schraubt sich das Auto aus dem Tal hoch. Das Fenster auf meiner Seite ist halb herunter gelassen, warme Luft des ausgehenden Sommers streicht mir um den Arm und durch die Haare. Das Ziel der Reise kenne ich bereits. Vor sieben Jahren war ich schon einmal hier. Es ist Sairme, ein Kurort mit guter Luft und gutem Heilwasser, idyllisch in den Bergen des südlichen Georgien gelegen. Zu Sowjetzeiten brachten KPdSU-Funktionäre hier ihre Gesundheit in Ordnung.
Doch weder die Luft noch das Heilwasser treiben mich nach Sairme. Was mich erneut in den kleinen Kurort lockt, ist ein Friedhof, den ich 2002 entdeckte. Rund 50 deutsche Kriegsgefangene aus dem Zweiten Weltkrieg liegen hier begraben. Irgendwann in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren bauten sie die Straße, die wir nun langsam entlang tuckern. Seine Geschichte will ich recherchieren und in Teilen in meinen neuen Roman verarbeiten, in dem es um eine deutsch-georgische Familiengeschichte geht, die bis in den Zweiten Weltkrieg zurückreicht.
Neugierig gemacht hatte mich 2006 ein Artikel in der "Kaukasischen Post". Darin hieß es, dass die gestorbenen Kriegsgefangenen von Sairme einfach neben der Straße verscharrt worden waren. Jahre später sei dann genau an dieser Stelle ein Sanatorium errichtet worden. Die Gäste im Erdgeschoss hätten aber so oft über schlaflose Nächte geklagt, dass man 1994 beschloss, das vermeintliche Spukgebäude abzureißen. In den Fundamenten habe man dann tatsächlich Schädel und Knochen gefunden und sie 1995 auf eben jenem Friedhof beerdigt. Stimmt diese Geschichte? Das will ich nun herausfinden. Und ich will mehr über die Kriegsgefangenen erfahren. Wie viele Deutsche waren tatsächlich hier? Wie lebten und wie arbeiteten sie? Wann kehrten sie heim?
813 Friedhöfe für mehr als eine Million Tote
Von den rund drei Millionen deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion waren rund 40.000 in der Republik Georgien inhaftiert - aufgeteilt auf 61 Lager. Bekannt sind einige Schicksale derer, die nördlich des Polarkreises, nahe der Stadt Workuta Kohle abbauen mussten. Doch auch in diesem Teil der Sowjetunion wurden Menschen zum Arbeiten gezwungen: In Tiflis etwa, der Hauptstadt Georgiens, bauten sie Brücken - unter anderem die über den Fluss Enguri an der Grenze zu Abchasien. In der Nähe des für sein Mineralwasser berühmten Kurorts Bordschomi errichteten sie ein Wasserkraftwerk.
In Sairme schufen sie aus dem Nichts die Straße. Mehr als Hundert Kriegsgefangene waren in dem kleinen Kurort zum Arbeitseinsatz eingeteilt - wie viel genau, ist nicht herauszufinden. Etwa 50 von ihnen kamen vor Erschöpfung, Hunger und Kälte ums Leben - in der ganzen Sowjetunion starben mehr als eine Millionen deutsche Kriegsgefangene.
Seit dem Ende der Sowjetunion haben Organisationen wie der Volksbund für Kriegsgräberfürsorge oder die Organisation Memorial dafür gesorgt, dass die Opfer des Zweiten Weltkriegs Gräber bekamen - auch die Kriegsgefangenen. Insgesamt gibt es in ganz Russland mittlerweile 813 Kriegsgefangenen-Friedhöfe. In Georgien sind es 41, der größte unter ihnen ist jener in Tiflis, wo knapp 4000 Deutsche begraben liegen.
Suche nach Zeugen
Der Friedhof von Sairme ist mit seinen 50 Gräbern einer der kleineren. Er liegt am Eingang des Ortes und ist als Treppe angelegt. Für jeden Toten wurde eine kleine Steinsäule aufgestellt. In der Mitte des Friedhofs steht ein gespaltenes Kreuz. Die Zeit hat unübersehbar ihre Spuren hinterlassen. 2002 war die Anlage in passablem Zustand. Nun sind die Stufen der Treppe hoch zu den Gräbern teilweise zerbrochen. Aus dem gespaltenen Kreuz ist ein Stück heraus geborsten. Mehrere Steinsäulen sind zerstört, die Gräber mit Gras überwuchert.
Ich mache mich auf die Suchen nach Zeitzeugen. Eine ältere Frau aus dem nahe Sairme gelegenen Bagdati hat die deutschen Kriegsgefangenen in Georgien zwar nicht selbst erlebt, aber von Älteren immer wieder ihre Geschichten gehört. Das Gefangenenlager in Sairme sei dort gewesen, wo die alten Hütten standen, berichtet die Frau und zeigt auf die Stelle. In Sairme hätten seinerzeit nur sehr wenige Familien gewohnt. Sie durften keinen Kontakt zu den Gefangenen haben. Doch viele hätten sich darüber hinweg gesetzt - aus Barmherzigkeit.
Da sei zum Beispiel dieser Nachbarjunge gewesen, erzählt die Frau. Für einen Gefangenen habe er zu Hause Essen gestohlen und es immer wieder an denselben Platz gelegt. So habe er diesem Deutschen das Leben gerettet. Sie erzählt auch, dass die Gefangenen manchmal die Buchen schüttelten, um mit dem Buchweizen ihren Hunger zu stillen.
Zu Essen hätten die Gefangenen nie genug gehabt - und dies, obwohl sie harte körperliche Arbeit leisteten. Die Tagesration habe aus zwei Litern Suppe und einen Laib Brot bestanden, dazu etwas Fisch.
Heute ist das kaum denkbar. Wer Georgien besucht, der wird sicherlich zu einer georgischen Tafel eingeladen. Auf dem Tisch stehen dann Hähnchen in Nusssauce, gekochtes Rindfleisch, über Holzfeuer geröstetes Schweinefleisch mit frischen Zwiebeln, Bohnen, das traditionelle georgische Chatschapuri, ein mit Käse gebackenes Brot, frische Gurken und Tomaten.
Ein Gläschen Schnaps und er beginnt zu erzählen
Ich fahre die Straße wieder herunter. Auf der Bergseite taucht plötzlich eine Quelle auf, aus der kühles Wasser fließt. Daneben hat jemand ein Gesicht in Stein gehauen. Gegenüber auf der Talseite hat ein älterer Mann einen Stand aufgebaut, auf dem er Honig und daraus selbst gebrannten Schnaps anbietet. Ich trinke ein Gläschen. Der Mann ist 1934 geboren, im gleichen Jahr wie mein Vater. Das Gesicht in Stein gehört zu mehreren Kunstwerken, die er hier geschaffen hat. Er fragt, woher ich komme. Ich sage ihm, was ich hier suche. Und dann fängt er an zu erzählen.
Als Kind habe er die deutschen Kriegsgefangenen gesehen, wie sie zum Arbeitseinsatz gelaufen sind. Arme Gestalten, mit denen man Mitleid gehabt habe, trotz der Schrecken des Krieges zuvor. Sie waren ja auch Opfer. Und viele von ihnen seien gestorben. Auch der alte Mann hatte von der Geschichte mit dem Sanatorium gehört.
Sie habe sich aber ganz anders abgespielt, erzählt er dann. Man habe dort, wo die Kriegsgefangenen verscharrt lagen, tatsächlich ein Sanatorium errichten wollen. Doch schon bei der Grundsteinlegung hätten die Bauarbeiter die Knochen entdeckt und sie kurzerhand etwas weiter unten am Berg verscharrt. Diese Version der Geschichte bestätigt auch die Frau aus Badgati.
Der Bericht in der "Kaukasischen Post" also stimmt nicht. Ich würde sie in meinem Roman nicht verwenden können. Stattdessen weiß ich nun, was die Protagonisten meiner Geschichte tun werden: Jan wird auf dem Friedhof in Sairme stehen. Sein Großvater, den er gerade ausfindig gemacht hat, wird ihm seine ganze Geschichte erzählen. Wie er sich als Offizier der Roten Armee unsterblich in Jans Großmutter verliebt hatte. Wie Stalin ihn nach Russland zurückbeorderte und wie er nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf die Kriegsgefangenenlisten von Sairme stieß und darauf den Namen des Bruders seiner großen Liebe entdeckte. Jan wird die Hände vor den Mund schlagen, als sein Großvater ihm erzählt, dass dieser Bruder beim Bau der Straße ums Leben kam und dass er immer auf den Friedhof kommt, wenn ihn die Erinnerung an seine große Liebe übermannt, um wenigstens diesem Menschen nahe sein zu können.