Die Anfäge des Films: Als der Kaiser den Kintop entdeckte
Die Anfänge des Films Als der Kaiser den Kintopp entdeckte
Als ab 1896 einige wenige Wagen mit seltsamen Apparaten durch die deutschen Lande zogen, die vereinzelt auf Jahrmärkten auftauchten und erstmals bewegte Bilder auf Leinwände projizierten, stellten Filme ein exotisches und seltenes Vergnügen dar - wie nicht allzulange Zeit zuvor die Zuschaustellung von Löwen und Affen.
Die Menschen reagierten neugierig, verwirrt und nicht selten begeistert. Das lag nicht an der Qualität des Gezeigten, schließlich waren die Filme der "Wanderkinos" kurz und bestanden meist nur aus wenigen Szenen. Dass man nun aber "lebende Photographie" auf Leinwänden bestaunen konnte, obwohl Otto-Normal-Kaiserreich-Bewohner selbst Fotos nur selten zu Gesicht bekam, glich einem medialen Quantensprung sondergleichen. Kein Wunder also, dass sich die Menschen leicht in den Bann ziehen ließen.
Nur wenige Jahre später, die wenigsten Menschen waren in den Genuss von Filmvorführungen gekommen, machten sich findige Lobbyisten daran, den Film zu instrumentalisieren. Der Flottenverein, der sich den Ausbau der Flotte des Deutschen Reiches auf die Fahnen geschrieben hatte und dem man auch sonst nicht vorwerfen kann, arm an Ideenreichtum gewesen zu sein, machte sich die Anziehungskraft des jungen Mediums zu nutze.
Propagandafeuerwerk für die Flotte
Man drehte Manöver der großen Schiffe und stilisierte die Aufführungen zu bombastischen Events, die man durch allerlei Beiprogramm, bis hin zum Austeilen von Merchandise-Produkten garnierte. So wurden Schokoladen- und Zigarettensammelbilder mit Marinemotiven verteilt, außerdem Texte mit patriotischen Liedern, die im Anschluss an die Vorführungen angestimmt wurden.
Wer konnte diesem modernen Propagandafeuerwerk widerstehen? Und natürlich fehlten die obligatorischen Formulare nicht, die man nur zu unterschreiben brauchte, um Mitglied des Flottenvereins zu werden - kaum hatte man sich versehen, steckte man in einem Matrosenanzug und war stolz darauf.
Die listigen Strategen der Flottenlobby traten so der Skepsis gegenüber einem Wettrüsten entgegen, die in Teilen der Bevölkerung verbreitet war. Filme boten die Chance, die Menschen von den Plätzen zu reißen, allein, weil dieses Medium in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts etwas Neues und damit etwas ganz Besonderes war.
Strategie der visuellen Überwältigung
Und die Propagandastrategie der visuellen Überwältigung ging auf - die Menschen waren begeistert von den Inszenierungen, auch wenn es sich doch eigentlich nur um ebenso langwierige wie langweilige Manöver von Kriegsschiffen handelte. Kein Wunder also, dass das Interesse des Publikums schnell erlosch, als flächendeckend richtige Kinos entstanden. Die Nachfrage wurde nun von kommerziellen Filmen befriedigt, deren Handlung - mit Verlaub - auch wesentlich spannender war.
Ein neues Kapitel wurde ab 1906 aufgeschlagen, als eine Welle von Kinogründungen über das Land zu schwappen begann. Von der kurzzeitigen Attraktion, die bald wieder von dannen zog, avancierte der Film zum allzeit verfügbaren Massenereignis. Und wie das so ist mit den Dingen, die die Öffentlichkeit verändern: von überall stürmten Mahner und Kritiker, Lehrer und Pastoren, passionierte Zeigefingerheber und Berufsskeptiker hervor, um den Untergang des Abendlandes zu beschwören und sich in apokalyptischen Untergangsszenarien zu überbieten.
Der Film verderbe, so war von allen Seiten zu hören, alt und vor allem jung, sporne zum Nachahmen an, führe, au weia, zu "weiblicher Verselbständigung" und schüre in der "rohen und triebgesteuerten Unterschicht" eine Antihaltung gegenüber der Staatsordnung.
Dunkle Räume voll Mädchen und Jungen
Auch die Lichtspielhäuser selbst kamen nicht gut weg. Der Ort des "Kintops", wie man das Kino zu Beginn oft nannte, wurde zum Gefahrenherd stilisiert. Die negativen Assoziationen, die der Obrigkeit offensichtlich im Kopf herumspukten, wenn sie an Kinder und Jugendliche dachte, die miteinander (von den Erwachsenen unbeobachtet!) zu tun hatten, wurden durch das Kino potenziert.
War dies nicht ein dunkler Raum, in dem sich Mädchen und Jungen gleichzeitig aufhielten? Traf man dort nicht auf Arbeiterjugend? Auf den Punkt brachte es die Jugendfürsorge, die knackig konstatierte: "Der Gang ins Kinotheater ist oft der erste Schritt auf der Straße des Verbrechens." Ein Schelm, wer böses dabei denkt und sich an aktuelle Diskussionen um Computer-, um die berühmt-berüchtigten "Killerspiele" erinnert fühlt.
Das Aufzeigen von Kausalitäten zwischen Filmen und Straftaten griffen dankbar manch Strafverteidiger auf, der seinem Mandanten riet, sich auf Filmvorbilder zu berufen - in einigen Fällen führte das erstaunlicherweise tatsächlich zu Strafnachlässen. So geriet die Filmbranche mehr und mehr unter Rechtfertigungsdruck, und vor allem Bildungsbürger gingen nun nur verlegen und mit schlechtem Gewissen ins Kino. Aber: Sie gingen.
Der Kaiser lässt drehen
Kino war "in", die Filmbranche boomte und fast schien es so, als verhallten die immer lauter werdenden Warnungen der Kritiker ungehört. Schlimmer noch: Umso stärker gegen den Film agitiert wurde, desto schneller rollte die Mark an Deutschlands Kinokassen. Dennoch: Die Branche hatte es nicht leicht. Sie musste fortwährend Rechenschaft ablegen, und ab 1910 schwangen die Parlamente deutlich entschlossener die Gesetzeskeule und reglementierten und zensierten immer mehr.
So kam den Filmschaffenden der Erste Weltkrieg gerade recht, weil sie in der Kriegsberichterstattung und in patriotischen Spielfilmen ihre Chance witterten, dem Kino ein gutes Image zu verschaffen. Dieses Kalkül ging auf - erst im Krieg konnte sich das Kino in Deutschland endgültig etablieren, wozu auch Kaiser Wilhelm II. seinen Beitrag leistete, stillte er seine Geltungssucht doch unter anderem dadurch, sich filmen zu lassen. Auf diese Weise adelte der Kaiser die ganze Branche.