Die Geburt der Breisgau-Brasilianer - DER SPIEGEL
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Fußball-Aufsteiger: Geburt der "Breisgau-Brasilianer"

Foto: Bongarts/ Getty Images

Fußball-Aufsteiger Geburt der "Breisgau-Brasilianer"

Plötzlich Überflieger: Als der bis dahin nur auf Amateurniveau kickende SC Freiburg 1993 erstmals in der Bundesliga auftauchte, überraschte er die Zuschauer als erstaunlich progressiv - in Spielsystem und Gesinnung. Doch der Siegestaumel sollte nicht lange dauern.
Von Andreas Joos
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Thermometer im Innern des Dreisamstadions zeigte an diesem Nachmittag sengende 41 Grad an. Wochenlang war die Spielstätte im Freiburger Osten für die Bundesliga-Premiere vorbereitet worden. Eine neue Flutlichtanlage und zusätzliche Sitzplätze wurden in letzter Minute fertig. Nun warteten 15.000 Zuschauer auf den Anpfiff von Schiedsrichter Dr. Markus Merk. Gegen Wattenscheid 09 sollte am 14. August 1993 erstmals ein Bundesligaspiel in der südbadischen Universitätsstadt stattfinden.

Spätestens an diesem Tag wusste SC-Präsident Achim Stocker, warum er Coach Volker Finke bei dessen Verpflichtung im Juli 1991 eindringlich gebeten hatte: "Aufsteigen dürfen Sie nicht!" Die Bundesliga schien mindestens eine Nummer zu groß für den Verein, den Stocker dann trotzdem am Stadtrivalen FFC vorbei von der Amateurliga bis ganz nach oben führte.

Talente sichten, Spieler verpflichten, Buchhaltung führen, Brötchen für die Pressekonferenz schmieren all das hatte der Regierungsdirektor der Oberfinanzdirektion Freiburg von 1972 an in Eigenregie erledigt. Irgendwann waren seine Energiereserven verbraucht. Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit konnte er die Spiele seines Klubs nur noch am Teletext verfolgen. Und jetzt dieser Trubel!

In den Wochen vor dem Bundesligastart brachte der starke Publikumsandrang die spärlich besetzte Geschäftsstelle bis an ihre Grenzen. Ehrenamtliche Helfer wie Präsidentengattin Hanne Stocker schoben Nachtschichten, der Aschenplatz hinter der Haupttribüne wurde eilig zum "VIP-Parkplatz"“ erklärt.

Ein VW-Bus für den Sieg

Sonnabend um halb vier war das südbadische Bundesliga-Provisorium dann aber bereit für die Heimpremiere. Das Stadion an der Schwarzwaldstraße war bis auf den letzten Platz gefüllt. In den Wipfeln umliegender Bäumen kiebitzten ein paar Wagemutige über die Tribünen hinweg auf das holprige Grün.

Eine Woche zuvor hatten die Freiburger bei ihrer Ligapremiere im Münchener Olympiastadion bereits ein erstes Ausrufezeichen gesetzt. Mehr als 20.000 Anhänger waren mit wehenden Fahnen und Schals in die bayerische Landeshauptstadt gereist, um den extravaganten Neuling gegen den Rekordmeister FC Bayern zu unterstützen. "Im Schwarzwald sind heute nur die Bäume zu Hause geblieben", verkündete ein Reporter angesichts der südbadischen Völkerwanderung. Am Ende stand ein 1:3, das der Gegner mit einem Kompliment quittierte. "Die Freiburger haben mich tief beeindruckt", sagte Bayern-Kapitän Lothar Matthäus über das mühsam gewonnene Spiel, in dem Oliver Freund das erste Bundesligator in der Geschichte des SC gelang.

Gradmesser sollte aber nicht der FC Bayern werden, sondern Gegner wie Wattenscheid 09. Für die Mannschaft würde es in dieser Saison um den Abstieg gehen. Der Sport-Club ging diese Aufgabe selbstbewusst an. Publikumsliebling Altin Rraklli, für dessen Dienste der Verein einen VW-Bus voller Sportkleidung an den albanischen Klub KS Besa Kavaja lieferte, brachte die Breisgauer nach einer knappen halben Stunde in Führung und besiegelte in der 70. Minute mit einem Fernschuss den umjubelten ersten Bundesligasieg. Neben dem späteren albanischen Nationalspieler durften sich auch Christian Simon und Damir Buric in die bis dahin übersichtliche Torschützenliste der Freiburger Bundesligageschichte eintragen.

Am Ende hieß es 4:1 für den Sport-Club, und die Liga wunderte sich über ein unerwartet ansehnliches Spiel zweier grauer Mäuse. Bei der La-Ola-Welle und der schlichten Ehrenrunde schienen die Niederungen der kämpferisch geprägten Unterklassigkeit für einen Moment in so weiter Ferne wie das "Humba Täterä", das die Liga erst Jahre später quälen sollte.

"Formschöne Wärmekörper"

Pressing, Raumdeckung, Kurzpassspiel und schnelles Umschalten: Vieles, was heute als moderner Fußball gilt, brachte dem Neuling im weiteren Verlauf der Hinrunde bundesweit Sympathien und den Beinamen "Breisgau-Brasilianer"“ ein. Zu Beginn der Winterpause lag der Verein dank seines attraktiven Kombinationsfußballs auf einem beachtenswerten elften Rang. Auf den Bolzplätzen zwischen Offenburg und Lörrach lösten Jörg Schmadtke, Jens Todt und Rodolfo Cardoso allmählich die Weltmeister von 1990 ab. Ihr rot-weiß-rotes Trikot, das für "formschöne Wärmekörper"“ warb, wurde zum Kassenschlager.

Der Sport-Club, zu dessen Zweitliga-Spielen sich einst kaum mehr als 2000 Zuschauer verirrt hatten, elektrisierte plötzlich eine ganze Region. Das Publikum war vielschichtig und bunt, auch die Studentenszene gehörte dazu. In einer Zeit, in der zahlreiche ehemalige Fußball-Größen auf den Trainerbänken Platz nahmen, bot der Sport-Club eine große Projektionsfläche. Der Amateurfußballer und Studienrat Volker Finke unterschied sich durch den Brilli im Ohr und die Selbstgedrehten in der Hand erheblich vom "Establishment" zwischen Elbe und Isar.

Aus seiner politischen Gesinnung machte Finke ohnehin keinen Hehl. Geprägt von den 68ern, lehnte er die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballs ab. In Jens Todt, Martin Braun oder Uwe Spies fand er bodenständige Typen, die seine Idee vom Spiel nicht nur auf dem Platz verkörperten. Das Fahrrad war sein Fahrzeug der Wahl. Und Spieler wie Stefan Müller saßen montags pünktlich wieder im Hörsaal.

Momente für die Ewigkeit

Dem Profidasein mochte in Freiburg zu dieser Zeit noch niemand so recht trauen. Die Skepsis erschien berechtigt, denn die Rückrunde verlief weitaus weniger positiv. Der Sport-Club spielte zwar attraktiv, gewann aber zu selten Punkte. Überraschenderweise gelang es der Mannschaft nur bei Spielen gegen die Top-Klubs aus München und Dortmund, ihr Potenzial zu vergolden: Der Argentinier Cardoso wirbelte in beiden Partien unaufhaltsam durchs Mittelfeld. Uwe Waßmer schoss den FC Bayern quasi im Alleingang aus dem Dreisamstadion. "David besiegt Goliath", hieß es nach dem 3:1 gegen die großen Bayern. Die Anhänger hatten nun ihren kollektiven Moment für die Ewigkeit.

Bis zum 32. Spieltag sollten sie noch davon zehren müssen. Dem Team gelang vorerst kein weiterer Sieg mehr. Drei Spieltage vor Schluss stand der Verein dort, wo man ihn vor der Saison erwartet hatte: auf Rang 16, mit vier Punkten Rückstand zum rettenden Ufer. Was folgte, war eine spektakuläre Aufholjagd. Ein 4:0-Erfolg im Derby gegen den VfB Stuttgart, 1:0 gegen den VfB Leipzig und ein 2:0-Sieg gegen den MSV Duisburg bescherten dem Sport-Club letztlich das bessere Torverhältnis gegenüber dem 1. FC Nürnberg und damit den Klassenerhalt.

"Über Freiburg lacht die Sonne, über Nürnberg die ganze Welt!", konnte man wenig später auf einem Plakat lesen, als ein paar Hundert Fans die Nichtabstiegshelden auf dem Rathausbalkon der Stadt feierten. Kurz darauf setzte aber auch im sonnenverwöhnten Freiburg kurz der Regen ein und die rot-weiße Menschenmasse strömte rasch wieder in die Gassen.

Die magische Drei

Zwei Jahrzehnte später geht der Sport-Club von 2013 bis 2014 in seine 14. Bundesliga-Saison. Dreimal stieg er ab und genauso oft wieder auf. Und ebenfalls dreimal erreichte der Verein den internationalen Wettbewerb. Nur dreimal wechselte in dieser Zeit der Trainer.

SC-Präsident Stocker verstarb überraschend im November 2009, nur wenige Monate nachdem sein Klub erneut den Aufstieg ins Oberhaus schaffte. Sein Lebenswerk bleibt indes: Was als Ein-Mann-Betrieb begann, ist inzwischen eine feste Größe im Profi-Fußball geworden. Freiburg etablierte sich unter den ersten 25 Teams in Deutschland und versuchte stets, sich selbst treu zu bleiben und gleichzeitig mitzuhalten. Trainer Christian Streich verkörpert dieses Prinzip wie kein anderer.

Der Erfolg gibt den Sonderlingen aus der Peripherie abermals Recht. In dieser Saison spielt der Sport-Club international - doch nunmehr scheint Europa mindestens eine Nummer zu groß. Die Tage der ehrwürdigen Spielstätte, die wie viele andere Stadien heute einen Sponsor im Namen trägt, scheinen gezählt zu sein. Eine neue, moderne Arena muss her. Die Gesetzmäßigkeiten der Branche lassen eben auch in Freiburg nichts anderes zu. Mögen die Uhren im Schwarzwald auch langsamer gehen, stehen bleiben sie nicht. Achim Stocker hatte es immer geahnt.