Filme wie Schlafmittel: Zu lang, zu verkopft, zu blau
Die langweiligsten Filme der Welt Kino mit Gähn-Defekt
Ein Raum. Eine Wand mit vier Fenstern. Dahinter, undeutlich, eine Straße. Zwei Männer tragen in Begleitung einer Frau einen Schrank in das Zimmer. Verkehrslärm.
Quietschende Bremsen, Lastermotoren. Dann flackert kurz das Bild. Eine Minute später betreten zwei Unbekannte den Raum. Sie stellen kurz das Radio an. Es läuft "Strawberry Fields Forever" von den Beatles. Das Bild färbt sich für ein paar Sekunden rot.
Das sind die ersten fünf Minuten des Films "Wavelength".
Dann beginnen die Farben des Bildes plötzlich zu wechseln. Blasses Rosa, düsteres Grün, grau, gelb, bläulich, orange Ein Sinuston setzt ein. Wir warten. Wir betrachten die Farben, lauschen dem Ton, schauen in das leere Zimmer. Wir sind jetzt bei Minute 13. In einer Liebeskomödie hätten sich die beiden Hauptakteure bereits das erste Mal getroffen, bei einem Jean-Claude-van-Damme-Film wären schon ein halbes Dutzend Schurken zu Boden gegangen.
Spätestens jetzt merken wir, dass die Kameraeinstellung eigentlich ein endlos langsamer Zoom ist. Der Ton bleibt. Ein langgezogenes Brummen, das sich tief ins Ohr bohrt. 15 Minuten, und dieser durchdringende Ton hört einfach nicht auf. Aber die bunte Colorierung, das Flackern, ist weg. Der Raum ist wieder normalfarben.
16. Minute. Merkwürdige Klänge außerhalb des Bildes. Schüsse? Oder Schläge? Zerspringendes Glas? Ein Kampf? Wieder die Farben.
Filme wie Schlafmittel: Zu lang, zu verkopft, zu blau
17. Minute. Eine Person kommt ins Bild, fällt, bleibt reglos liegen. Der Ton, der Zoom, die Farben, das Flackern, die Leiche. Dieser Ton. Er treibt einem Schwindel und Übelkeit in den Leib. "Wavelength" wird jetzt zu einer körperlichen Erfahrung. Bis zum Ende des Films wird dieser Klang sich zu einem alle Sinne betäubenden Fiepen hochgeschraubt haben. Noch 25 Minuten. 25 Minuten Zoom, 25 Minuten Flackern, Farben, Ton. 25 Minuten, in denen praktisch nichts passiert.
Wettlauf um den längsten Film
"Wavelength" ist eine dreiste Geduldsprobe. Erst ist der Film des britischen Experimentalfilmers Michael Snow langweilig, dann nervig und ab einer bestimmten Tonfrequenz grenzt er an Körperverletzung - bis man bereit ist, alle seine Erwartungen an das Medium Film für die Länge des Experiments über den Haufen zu werfen. Dann wird Snows Versuch in Langsamkeit von 1967 zum Meisterwerk, das in einem Atemzug mit Louis Bunuels Dadaismus-Klassiker "Ein andalusischer Hund" und Kenneth Angers Underground-Blaupause "Scorpio Rising" genannt werden kann.
Die Kritiker der New Yorker Zeitschrift "Village Voice" waren sogar so begeistert von "Wavelength", dass sie ihn in die Liste der 100 besten Filme des 20. Jahrhunderts aufgenommen haben. Das renommierte Kunstmagazin "Artforum" schrieb: Snows Schöpfung sei "wahrscheinlich der am strengsten komponierte Film, den es gibt". Und mit eben dieser gnadenlosen Einfachheit der Mittel erkundet "Wavelength" die Grenzen seines Mediums - die Dehnbarkeit von Zeit und Raum, die Wirkung von Klang und Handlung.
Immer wieder tauchen Filme auf, die ihre Zuschauer mit seltsamen Konzepten konfrontieren. So gibt es einen, dessen Hauptdarsteller statt richtiger Dialoge nur Grunzlaute von sich geben, ein anderer wurde gar komplett ohne Bild gedreht. Dann sind da natürlich noch jene Werke, die sich so sehr in irren, kaum nachvollziehbaren Bilderwelten oder vollkommen abstrakten Konzepten suhlen, dass keiner mehr folgen kann - vielleicht nicht einmal die Regisseure selbst. Und seit den späten sechziger Jahren gibt es einen Wettstreit um die zweifelhafte Ehre, Regisseur des längsten Leinwanderlebnisses überhaupt zu sein. Und so viel steht fest: Verglichen mit dem derzeit Führenden wirken die dreieinhalb Stunden von "Vom Winde verweht" wie ein Blinzeln.
Viele dieser Filme sind auf den ersten Blick einfach nur ermüdend, manche praktisch nicht anschaubar und doch entpuppen sich erstaunlich viele von ihnen als Meisterwerke. einestages hat eine Galerie der langweiligsten Filme zusammengetragen, vom kürzesten Werk bis zum bis dato längsten Film - und sagt, warum sie doch nicht lahm sind.