Die Republik mit dem Hammer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 4 / 31

Die Republik mit dem Hammer

Die Gründung der DDR im Oktober 1949 weckt anfangs Hoffnungen vor allem bei Sozialisten, Intellektuellen und manchen bürgerlichen Nazi-Gegnern. Doch die SED lässt der Demokratie keine Chance.
• aus SPIEGEL Geschichte 2/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der neue Staat zeigt junge Gesichter. Erst 22 Jahre alt ist die Volkskammerabgeordnete Margot Feist, eine dunkel gelockte Arbeitertochter aus Halle. »Im Namen des deutschen Volkes« gratuliert sie Wilhelm Pieck am 11. Oktober 1949 im ehemaligen Reichsluftfahrtministerium zu seiner Wahl zum Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Die jüngste Abgeordnete überreicht dem Staatsoberhaupt einen Strauß weißer und gelber Chrysanthemen.

Vier Tage zuvor ist die DDR gegründet worden, vier Jahrzehnte hat sie noch vor sich. Margot Feist wird später Volksbildungsministerin und Ehefrau Erich Honeckers, der 1971 aufsteigt zum führenden Mann der DDR. Im Oktober 1949 ist Honecker 37 Jahre alt und Chef der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Am Tag der Präsidentenwahl organisiert er eine Machtdemonstration. Er lässt per Bahn und Lkw 200 000 Jugendliche nach Berlin bringen, vor allem aus der sowjetischen Besatzungszone.

In Reihen zu 16 Mann marschieren die jungen Leute mit schwarz-rot-goldenen Flaggen und den blauen Fahnen der FDJ ins Zentrum Berlins. Die Fackeln der Staatsdemonstranten erleuchten die kriegszerstörten Prachtbauten Unter den Linden.

Mit dabei ist der 21-jährige Maschinenschlosser Hans Modrow, der wie viele andere noch viereinhalb Jahre zuvor als überzeugter Hitlerjunge im »Volkssturm« gegen die Rote Armee gekämpft hat. 40 Jahre später wird Modrow nach dem Sturz Honeckers die letzte sozialistische Regierung der DDR führen.

Die neue Staatsmacht scheut weder die Form des von den Nationalsozialisten bei der Machtübernahme 1933 erprobten Fackelzugs, noch NS-Worthülsen wie die »endlosen Kolonnen«, von denen ein Ost-Berliner Rundfunkreporter berichtet.

Honecker verspricht, der neue Staat bringe »Frieden und ein besseres Leben«. Auf Transparenten steht »Nieder mit der Bonner Spalter-Regierung«. Die Marschierer fordern ein »einheitliches, friedliebendes, demokratisches Deutschland«.

Wieder einmal vollzieht sich im Schein von Fackeln ein Systemwechsel, in sozialer Hinsicht radikaler als je zuvor in der deutschen Geschichte. Den Großgrundbesitz haben die Machthaber in der sowjetischen Zone seit 1945 durch eine Bodenreform zerschlagen, das Gros der Industrie in zentral verwaltetes »Volkseigentum« verwandelt, die von Nazis durchsetzte Beamten- und Lehrerschaft durch neues Personal ersetzt.

Die Staatsgründung soll breite Volksschichten ansprechen. Die »provisorische Regierung« des am 7. Oktober ausgerufenen Staates sieht aus wie eine Koalition aus Linken und Bürgerlichen.

Neben dem Kommunisten Pieck steht Ministerpräsident Otto Grotewohl, ein alter Sozialdemokrat, der wie Pieck nun der Sozialistischen Einheitspartei (SED) angehört. Außenminister ist ein CDU-Mann. Als Volkskammer-Präsident amtiert der Liberaldemokrat Johannes Dieckmann, einst enger Mitarbeiter Gustav Stresemanns, des bedeutendsten Außenministers der Weimarer Republik.

Von Sozialismus und Klassenkampf ist keine Rede in dem »Manifest der Nationalen Front«, das Pieck zur Staatsgründung verliest. Der Präsident warnt mit nationalem Tremolo vor einer drohenden »kolonialen Versklavung« Westdeutschlands durch die »imperialistischen Westmächte« und ruft zur »Rettung der Nation« auf.

Bescheiden, etwas schüchtern und ein wenig bedrückt wirkt der gelernte Tischlergeselle bei seinem Auftritt. Als würde den früheren Bremer SPD-Bürgerschaftsabgeordneten eine Ahnung beschleichen, die Staatsgründer könnten scheitern, mahnt er zu »verantwortungsbewusster, loyaler und freundschaftlicher Zusammenarbeit«, damit »wir dereinst vor dem Urteil der Geschichte bestehen können«.

Mit dem Versprechen, ein neues Deutschland zu schaffen, lockt die Ost-Republik linksorientierte Intellektuelle und Künstler an. Aus Israel kommt der preußisch-jüdische Schriftsteller Arnold Zweig und wird Präsident der Akademie der Künste. Der sozialkritische Philosoph Ernst Bloch ("Das Prinzip Hoffnung") ist aus den USA einem Ruf an die Universität Leipzig gefolgt. Bürgerschreck Bertolt Brecht erhält, in der damaligen Bundesrepublik undenkbar, ein Theater, das »Berliner Ensemble«.

Die Schriftsteller Heinrich Mann und Lion Feuchtwanger senden vom kalifornischen Los Angeles »unsere herzlichsten Wünsche«. Die Romanciers bekunden der »jungen Republik« ihre »tiefe Teilnahme«.

Was den Dichtern im sonnigen Kalifornien als Geburtsstunde einer neuen Demokratie erscheint, ist ein kühl berechnetes Schauspiel. Der Regisseur heißt Josef Stalin. Bei einem Besuch in Moskau vom 16. bis 28. September hatte die SED-Spitze um Pieck, Grotewohl und den immer einflussreicher werdenden Walter Ulbricht die Staatsgründung detailliert mit der sowjetischen Führung abgestimmt.

Der neuen Republik fehlt die demokratische Legitimation. Freien Wahlen will sich die SED nicht stellen. Die »provisorische Volkskammer« ist nicht vom Volk gewählt, sondern hervorgegangen aus einer Sammlungsbewegung der SED und ihrer Verbündeten.

Auf einer Parteivorstandssitzung am 4. Oktober 1949 schärft der künftige DDR-Regierungssprecher Gerhart Eisler den Genossen ein: »Als Marxisten müssen wir wissen: Wenn wir eine Regierung gründen, geben wir sie niemals wieder auf, weder durch Wahlen noch durch andere Methoden.« Und Walter Ulbricht fügt hinzu: »Das haben einige noch nicht verstanden.«

Von dieser Debatte erfahren die Bürger des neuen Staates nichts. Doch schon ein Gang ins Kino zeigt ihnen den Geist der neuen Macht. »Unser täglich Brot« heißt ein Spielfilm der staatlichen Deutschen Film-AG (Defa) über eine kriegszerstörte Fabrik im Berliner Osten, die Beschäftigte mühsam wieder aufbauen.

»Wir wollen, dass die Güter dieser Welt gerecht verteilt werden«, verkündet in dem Film der Arbeiterdarsteller Harry Hindemith, auch im wirklichen Leben SED-Mitglied. Der Schauspieler, fünf Jahre zuvor noch NSDAP-Mann und im Nazi-Propagandafilm »Junge Adler« zu sehen, wettert gegen Zweifler und Kritiker: »Dass man uns nicht verstehen will! Ins Gehirn möchte man es ihnen trommeln.«

Dafür findet die Republik das geeignete Symbol: einen Hammer, umrahmt von einem Ährenkranz, entworfen von Hobbymaler Grotewohl. Der Zirkel als Symbol der Intelligenz-Schicht kommt 1953 hinzu.

Die Nationalhymne bestellt Pieck bei dem Lyriker Johannes R. Becher, der »Deutschland, einig Vaterland« beschwört. Die Melodie komponiert Hanns Eisler, Bruder des Regierungssprechers. Uraufgeführt wird »Auferstanden aus Ruinen«, im Westen als »Becher-Hymne« geschmäht, am 7. November 1949 zum Jahrestag der russischen Oktoberrevolution.

Deren kommunistische Idee soll die SED in Ostdeutschland durchsetzen. In einem »Bildungsheft« zur Parteischulung preist die SED schon im September 1948 ihren 1,7 Millionen Mitgliedern die sowjetische Staatspartei KPdSU als »Musterbeispiel«. Stalin dankt 1949 mit einem Telegramm nach Ost-Berlin, in dem er die DDR-Gründung als »Wendepunkt in der Geschichte Europas« rühmt.

Christdemokraten und Liberalen bleibt kaum mehr als eine Statistenrolle. Lebensmittelpakete ("Pajok") mit Schnaps, Butter, Fleisch und Erbsen von der sowjetischen Besatzungsmacht und Schmeicheleien machen aus bürgerlichen Politikern »kopfnickende Blockbrüder«, wie der SPIEGEL im Februar 1950 spottet. Wer sich nicht fügt, dem droht Verhaftung.

CDU und Liberaldemokraten treten im Oktober 1950 mit der SED auf einer Einheitsliste der »Nationalen Front« zur Volkskammerwahl an. Die DDR-Bürger haben keine Wahl. 197 788 von ihnen stimmen im gleichen Jahr mit den Füßen ab und flüchten in den Westen.

Am Wahltag drängen SED-Genossen Zögernde massiv zum Urnengang. Am Ende steht ein sowjetisches Ergebnis mit 99,72 Prozent für die SEDgeführte Liste. Diese trügerische Einmütigkeit will die SED mit aller Macht festigen. Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), gegründet am 8. Februar 1950, wird zum zentralen Machtinstrument der Partei.

Zum Staatssekretär beruft sie einen Mann, der sich nach dem Mord an zwei Polizisten 1931 aus Berlin nach Moskau abgesetzt hatte, Erich Mielke. Bald schon überzieht die Staatssicherheit das Land mit einem dichten Spitzelnetz und sorgt dafür, dass 1950 etwa 20 000 politische Gefangene in der DDR einsitzen, darunter zahlreiche Sozialdemokraten.

Die Masse der Bevölkerung richtet sich im neuen System ein und hofft auf ein besseres Leben. Vielen Zukurzgekommenen eröffnet die DDR Aufstiegschancen. Arbeiter- und Bauernfakultäten bereiten junge Leute aufs Studium vor und verbreiten Aufbruchstimmung.

In manchem zeigt sich der Osten moderner als der Westen. 1950 streicht die Volkskammer das Recht des Mannes, der Ehefrau eine Berufstätigkeit zu verbieten. Im Westen fällt die anachronistische Regelung erst sieben Jahre später. Ebenfalls 1950 setzt die DDR das Volljährigkeitsalter von 21 auf 18 Jahre herab. Die Bundesrepublik zieht erst ein Vierteljahrhundert später nach. Während westdeutsche Lehrer ihre Schüler in den fünfziger Jahren noch mit Ohrfeigen traktieren, sind Schläge in DDR-Schulen tabu.

Solche Wandlungen werden im Westen kaum wahrgenommen. Bundeskanzler Konrad Adenauer lehnt im Januar 1951 ein Gesprächsangebot Ministerpräsident Grotewohls ab. Der West-Kanzler verdammt seinen Ost-Berliner Kollegen auch dann, wenn der weitsichtig handelt wie bei der Anerkennung der polnischen Westgrenze im Juni 1950. Wer »auf das deutsche Gebiet östlich der Oder und Neiße Verzicht geleistet« habe, tönt Adenauer, könne mit der Bundesregierung nicht über eine Wiedervereinigung sprechen.

Zwar beugt sich die Ost-Berliner Führung im Abkommen mit Polen dem sowjetischen Willen. Dennoch ist die Grenzanerkennung ein Schritt zu friedlicher Nachbarschaft, zu der sich ab 1968 auch Willy Brandt bekennt.

Der ostdeutsche Staat, von der Bundesregierung im Februar 1950 auf Druck der USA mit einem Stahlembargo belegt, ist zudem durch Fabrikdemontagen der sowjetischen Besatzungsmacht geschwächt. In dieser Lage umwirbt die SED die Jugend und setzt auf Enthusiasmus.

Zu Pfingsten 1950 organisiert die FDJ, die, nach eigenen Angaben, bereits rund 40 Prozent der ostdeutschen Jugend in ihren Reihen hat, ein »Deutschlandtreffen« in Berlin. Da gibt es Aufmärsche, Sport und Sinnenfreude.

Denn unter Honecker, der sich beim Anblick hübscher Mädchen gern die Lippen leckt, geht es lockerer zu als zuvor in den sittenstrengen, nach Geschlechtern getrennten Jugendverbänden des NS-Regimes.

Großveranstaltungen sind eine willkommene Abwechslung in einem rauen Alltag. Die Ostdeutschen stehen an nach Schuhen, deren Sohle sich meist nach wenigen Tagen löst. Frauen tragen Perlonstrümpfe, die schon vor dem Rendezvous reißen.

DDR-Bewohner essen nur halb so viel Fleisch und Fett wie die Deutschen Mitte der dreißiger Jahre. Sie löffeln abends dünne Suppen in oft dunklen Zimmern, weil immer wieder der Strom ausfällt. Sie fahren in Zügen, die erst ab minus neun Grad geheizt werden.

Dennoch findet die SED-Parole, man schaffe den »Aufbau aus eigener Kraft«, in einem Staatsvolk der kleinen Leute Widerhall. Brechts Refrain »Fort mit den Trümmern und was Neues hingebaut« trifft das Lebensgefühl vieler.

Die SED versucht zudem, die nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes noch lebendige Volksgemeinschaftsidee auf ihren Staat zu übertragen. Die DDR ruft zum »Nationalen Aufbauwerk«, verteilt »Nationalpreise«, 1950 auch für den Film »Unser täglich Brot«, und plaziert einen »Nationalrat der Nationalen Front« im früheren Gebäude des Reichspropandaministeriums.

SED und FDJ benutzen NS-Propagandaklischees gegen den Westen. So stellt der Defa-Film »Immer bereit« über die FDJ 1950 dem »verbrecherischen Treiben der angloamerikanischen Kriegstreiber« plakativ ein »Bekenntnis zu Deutschland« entgegen.

Ungeniert bedient sich die FDJ aus dem Fundus der Hitlerjugend, die 1933 mit der Parole angetreten war: »Durch Sozialismus zur Nation«. Deren »Goethefeiern«, »Berufswettkämpfe« und »Wochen des Buches« erleben ein Revival in Rot, begleitet von Fanfarenzügen.

Vizepremier Walter Ulbricht, führender SED-Kopf, findet im November 1949 in der Volkskammer freundliche Worte über »zahlreiche ehemalige Nazi-Mitglieder, die als Aktivisten ihrer Betriebe in der vordersten Front des Aufbaus stehen«. Sie könnten, so Ulbricht zuvor in einem Interview, »bestimmte Leistungen aufweisen«, anders als bürgerliche Politiker, »die nach Washington und London schielen«.

Früheren Nazis, die schon vor 1933 mit Hitler gebrochen haben, stehen sogar führende Posten offen. Der ehemalige NS-Propagandist Bodo Uhse, von Joseph Goebbels einst als »konsequenter Sozialist« gelobt, avanciert 1950 zum Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes und Abgeordneten der Volkskammer.

Noch gehören dem Parlament der DDR markante Persönlichkeiten an wie der Romanistik-Professor Victor Klemperer, Autor der »Sprache des Dritten Reiches« (er wurde posthum berühmt durch seine Tagebücher über die NS-Judenverfolgung). Volkskammer-Mandate haben auch Widerstandskämpfer wie der russophile Nationalrevolutionär Ernst Niekisch, der von einem roten Preußen träumte, und Robert Havemann, später prononcierter Kritiker des Stalinismus. Sie eint die Hoffnung auf eine »geistige Erneuerung der deutschen Nation«. Die verspricht Ministerpräsident Grotewohl in seiner ersten Regierungserklärung.

Doch je mehr die DDR ihr Provisorium zum Idealzustand verklärt, desto weniger gelingt es ihr, Menschen für sich zu gewinnen. 40 Jahre nach ihrer Gründung geht die Republik an den Spätfolgen ihrer Geburtsfehler als sowjetisches Protektorat zu Grunde. Da vollzieht sich unter Michail Gorbatschow in Moskau die endgültige Abkehr vom DDR-Gründervater Stalin.

Zur Ausgabe
Artikel 4 / 31