17. Juni 1953 in Berlin: "Gehst du von den Russen weg!"
17. Juni 1953 in Berlin "Gehst du von den Russen weg!"
Ich war im Juni des Jahres 1953 ein fünfjähriger Lausbub, auf Berlinerisch ein Steppke, noch nicht in der Schule, aber abenteuerlustig und immer unterwegs. Diese Tage im Frühsommer waren von einer auch für mich spürbaren Unruhe erfüllt.
Die Machthaber in Pankow, angeführt vom "Spitzbart", wie mein Vater den damaligen Parteichef der SED, Walter Ulbricht, spöttisch nannte, hatten die Normen erhöht, die Arbeiter der Republik sollten zu gleichem Lohn länger arbeiten. Hinzu kamen Versorgungsengpässe bei Lebensmitteln und Konsumgütern. Und täglich konnte man im R.I.A.S., dem Rundfunk im amerikanischen Sektor, den wir heimlich und verbotenerweise und immer ganz leise empfingen, hören, wie viele DDR-Flüchtlinge wieder einmal im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde eingetroffen waren, "mit den Füßen abgestimmt hatten", also einfach davongelaufen waren. Dies alles schaffte eine latent miese Stimmung in der Bevölkerung, konnte man sich doch persönlich überzeugen, dass entgegen der offiziellen Propaganda nur wenige hundert Meter entfernt der goldene Westen real existierte und nachts hell erleuchtet war, während der Osten am Abend in tiefer Dunkelheit versank.
Im Laufe des 17. Juni begannen die Leute sich auf der Straße vor unserer Wohnung zu versammeln und wild zu diskutieren. Gruppen von wütenden Arbeitern zogen durch die Schönhauser Allee, machten Halt etwa dort, wo heute Konopke seine Curry-Wurst verkauft. An der Ecke Eberswalder Straße/Kastanienallee war eine Sparkassenfiliale untergebracht, deren Portal eine schwarz-rot-goldene Fahne mit Hammer-Zirkel-und-Ährenkranz-Symbol zierte. Vom Fenster aus konnte ich beobachten, wie die Männer die Fahne aus luftiger Höhe herunterholten, mitten auf der Fahrbahn anzündeten und unter Freudenkundgebungen verbrannten. Rauch lag in der Luft.
Sturm auf die Grenzwache
Mein Vater war an diesem und den folgenden Tagen dem Dienst im Krankenhaus ferngeblieben und lag im Bett. Eine Nierenkolik quälte ihn, ein Relikt aus dem Krieg. Meine Mutter kümmerte sich um ihn. Ich wiederum konnte mich so leicht der elterlichen Fürsorge entziehen und lief heimlich auf die Straße.
Die Arbeiter zogen durch die Eberswalder Straße, an der wir wohnten, in Richtung Westen, am großen Postamt N 58 vorbei in die Oderberger. Dort, an der Sektorengrenze, befand sich eine Station der Grenzpolizei, die all jene gut kannten, die sich nach dem Einkauf von Westwaren bereits einmal den unangenehmen Verhören der Ordnungshüter hatten unterziehen müssen. Von den Uniformierten, die sonst auf der Straßenmitte herumstanden, war dieses Mal nichts zu sehen. Ich war der schimpfenden Menge gefolgt und sah, wie sie sich gewaltsam Einlass verschaffte. Glas und Holz splitterten. Aktenordner flogen aus dem Fenster, Schreibmaschinen wurden auf das Pflaster geworfen. In wenigen Minuten war der Bürgersteig übersät mit Papier, Scherben und Büromaterial.
Im Gewühl der gestikulierenden und aufgebrachten Menschen entdeckte ich einen gleichaltrigen Spielkameraden aus dem Nachbarhaus. Er hatte sich flink zwei funkelnde, lackschwarze Füllfederhalter der Grenzwächter stibitzt und ging damit stiften. Derselbe Berliner Bengel teilte wenig später mit mir Klasse und Schulbank und wurde danach einer der eifrigsten und glühendsten Thälmann-Pioniere des Viertels.
"Die Russen kommen!"
In der folgenden Nacht wurde ich mehrere Male durch ein rätselhaftes Brummen, Rasseln und Quietschen wach. Ich konnte mir das nicht erklären und dachte zunächst, ich hätte wegen der aufregenden Erlebnisse des Vortages einfach nur schlecht geträumt.
Ein Blick aus dem Erkerfenster unseres Wohnzimmers am nächsten Morgen aber brachte es ans Licht: Panzer, in der ganzen Straße, direkt vor unserem Haus. Russische Panzer. In langer Kolonne fuhren sie von der Schönhauser Allee bis zur Einmündung in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. In den Türmen der Ungetüme braungebrannte Gesichter mit unförmigen ledernen Panzerhauben. In der Nachbarschaft herrschte, im Gegensatz zum Tag davor, Stille und lähmendes Entsetzen.
Gegen Nachmittag lief ein Gerücht von Haus zu Haus: In der Dimitroffstraße sei eine Frau, beim Versuch die Chaussee zu überqueren, von einem fahrenden Panzer überrollt worden. Von Aufruhr oder Aufstand war in unserer Straße keine Rede mehr. Denn vor allem die Älteren unter den Nachbarn hatten - acht Jahre nach Kriegsende - noch lebhaft in Erinnerung, was es bedeutete, wenn "die Russen" vor der Tür standen.
Mordsohrfeige
Für die Frauen des Viertels gab es danach offensichtlich nur noch eine Devise: Notvorräte anlegen! Brot, Wurst und Milch mussten beschafft werden. Meine Mutter drückte mir ein Einkaufsnetz in die Hand und wir rannten hinunter in den nächsten HO-Laden, vor dem bereits eine lange Warteschlange stand. In einem unbewachten Augenblick stahl ich mich davon, um mit anderen Kindern näher an die nur wenige Schritte entfernten Kolosse zu gelangen.
Die Rotarmisten in ihren olivgrünen Uniformen hingen aus den Luken, waren durchaus freundlich und zu Späßen aufgelegt und schäkerten mit uns in einer geheimnisvollen, gutturalen Sprache, die wir nicht verstanden. Während wir Kinder, und hier besonders die Buben, an diesem heiteren Frühlingstag fasziniert den Duft von Dieselqualm, Tabakrauch, Schmieröl und verschwitzten Uniformen einsogen und gebannt auf die turmhohen Stahlungetüme blickten.
In diesem Augenblick traf mich eine Mordsohrfeige am Kopf. Wutentbrannt stand meine Mutter hinter mir, zerrte mich am Arm vom Gehsteig fort ins Geschäft zurück und knurrte halblaut: "Gehst du von den Russen weg", und wie zur Bekräftigung kriegte ich noch mal, diesmal hinten, eine drauf.
Ende der Revolution
Die sowjetischen Freunde rollten aus dem Osten der Stadt kommend über die Dimitroffstraße nach Westen bis unmittelbar vor die Sektorenzone und schlugen im Sportstadion ihr Lager auf. Allein ihre Anwesenheit und die Untätigkeit des Westens schienen zu genügen, um den Volkszorn in Berlin und dem Rest der Republik im Keim zu ersticken. Erst später erfuhr ich, dass es an einigen Plätzen zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen war, bei denen mehrere Demonstranten und Unbeteiligte erschossen worden waren.
Die Revolution ebbte sehr schnell ab, und wenige Tage später zogen sich die Panzer wieder in ihre Garnisonen zurück. Die Verhältnisse in der DDR änderten sich in der Folgezeit nicht wesentlich. Und eine neue Fluchtwelle nach der anderen fand statt. Das nächste politische Beben ereignete sich schon drei Jahre später, 1956 in Ungarn. Dann kam der Mauerbau 1961, im Jahre 1968 das Ende des Prager Frühlings. In den Jahren 1980-1982 folgten die Ereignisse um Solidarnosc in Polen, 1989 schließlich die Wende in Ostberlin.
Mein Vater freilich hatte schon damals, in der Mitte der fünfziger Jahre, den richtigen Riecher, denn er sagte immer: "Wir müssen weg! Der Spitzbart macht zu! Und dann sitzen wir in der Mausefalle!" Im August 1959, zwei Jahre vor dem Mauerbau, verließen meine Eltern und ich mit ein paar Habseligkeiten die DDR auf dem Fluchtweg, wie so viele vor und noch nach uns. Wir haben diesen Schritt, auch später, nie bereut.