Dorfgeschichte: Der Glaubenskrieg in Wennigloh
Dorfgeschichte Der Glaubenskrieg in Wennigloh
Bis 1945 war das kleine Dorf Wennigloh im Kreis Arnsberg praktisch ein rein katholisches Dorf. Vikar Schübeler ist allerdings seit vielen Jahren eine wenig geachtete Person im Dorf. Er hat viele Dorfbewohner aus der Kirche vergrault. Die Männer blieben allerdings in großer Zahl während des Gottesdienstes am Sonntag vor der Tür des Gotteshauses stehen. Gar nicht in Richtung Kirche zu gehen, das trauten sie sich auch nicht. Dann hätten sie mit Frau oder Mutter Krach bekommen.
Die Situation könnte man auch so formulieren: Die Frauen waren fromm, die Kinder mussten fromm sein und die Männer taten so, als seien sie fromm. Aber man war katholisch. Protestant zu sein, war an sich schon eine Sünde. Schübelers Dienstzeit dauerte vom 13. Mai 1923 bis 13. Mai 1967, viel zu lange für einen so wenig geliebten Gottesmann.
Jung, bildhübsch - evangelisch
Die im katholischen Pfarrbuch für 1910 genannte Anzahl von 13 Protestanten hatte sich trotzdem nicht wesentlich vergrößert. Erst der Flüchtlingsstrom nach dem verlorenen Krieg brachte mit dem allgemeinen Zuzug aus den verloren gegangenen Gebieten auch einen Zuwachs an Protestanten. Die zugezogenen Protestanten in Wennigloher stammten größtenteils aus Ost-Galizien, einem ehemaligen Landesteil Polens. Der verlassene Heimatort in Ost-Galizien hieß Reichenbach, eine Ansammlung von 24 Höfen. So wuchs die evangelische Gemeinde in Wennigloh auf knapp 40 Personen an.
Eine Familie Pohl kam im Hause meiner Großmutter unter. Behördliche Anordnungen verteilten die Flüchtlinge auf angeblich freien Wohnraum im Dorf. Frau Pohl kam mit ihren zwei Töchtern. Vom Schicksal des Vaters ist mir nichts bekannt. Eine der Töchter hieß Margot. Sie war jung, bildhübsch und evangelisch. Diese Kombination war unmöglich. Dazu kam noch, dass Margot viele Verehrer hatte, die alle aus der nahen Stadt Arnsberg kamen. Die jungen Frauen des Dorfes waren eher bieder und vor allem katholisch, das machte Sinn. Diese Formulierungen sind natürlich rein subjektiv.
Die neuen Protestanten des Dorfes zogen am Sonntag zu Fuß von Wennigloh nach Arnsberg, um das Wort Gottes zu hören. Die kleine katholische Dorfkapelle blieb ihnen vorerst verschlossen. Gleichzeitig begann ein Lehrer namens Schweitzer 1946 mit dem evangelischen Religionsunterricht in der kleinen Wennigloher Volksschule. Erstmalig gab es 1947 endlich einen evangelischen Gottesdienst in der katholischen Dorfkirche. Allerdings durfte bei den Gottesdiensten die Orgel nicht von evangelischen Händen gespielt werden aus Angst, dass sie hinterher quietschen würde. Das gleiche galt auch für das kleine Glöckchen. Auch dieses hätte ja seinen eher spärlichen Klang verlieren können.
Vorurteile sind ein Generationsproblem
Dieses Thema beschäftigte die Dörfler beider Konfessionen. Vorurteile sind oft nur ein Generationsproblem. Bis es aber zu einer Änderung der Gesinnung kam, verstand es ein evangelischer Lehrer auch ohne Orgel, die musikalischen Aufgaben der Gottesdienste zu meistern. Er probte und sang die Lieder mit der kleinen Gemeinde ein. Etwa 1953 erfolgte ein weiterer Zuwachs und damit ein neuer Aufschwung in der evangelischen Gemeinde. Aus Ostpreußen kommend, siedelten sich weitere Familien im Dorf an. Am Sonntag "teilte" man sich nun die kleine Kirche. Die Gottesdienste wurden zeitlich so gelegt, dass alle Gläubigen am Sonntag an ihrem Gottesdienst teilnehmen konnten.
Heute hat man die Querelen der alten Generation vergessen. Und die kleine Kapelle hat einen anderen Zweck bekommen, weil sie längst zu klein geworden ist. Welche Religion der jeweils andere hat, ist unbedeutend geworden und das ist gut so.