Dorfleben: Schlachtfest für Kiweken
Dorfleben Schlachtfest für Kiweken
Es ist Herbst geworden und zu den Bewohnern des Hauses Wennigloh, Kreisstraße 23 (heute Müssenbergstraße), gehören neben den Schwalben im Sommer, eine Ziege, Hühner und ein Schwein. Hühner und Schwalben benutzen bei geschlossener Hoftür die Hühnerklappe am Boden. Rasant nehmen die Schwalben, Nahrung für ihre Jungen im Schnabel, diese Öffnung auf dem Wege zum Nest.
Während dieser Zeit nannten wir unser kleines Schwein ganz einfach Kiweken. Einmal in der Woche wurde der Stall ausgemistet und der "Schweinetopf" gekocht. In den alten Wäschekocher kamen neben den ganz kleinen Kartoffeln auch Runkeln und Kleie.
Streicheleinheiten für Kiweken
Die gegarten Kartoffeln hatten es mir angetan. Wenn irgendwie möglich, schlich ich mich in die Waschküche und nahm den riesigen Deckel vom Kochtopf. Dann sah ich sie, gelb und einladend, die Schweinekartoffeln. Meist dauerte der Schmaus nicht lange - ich hatte mit dem Deckel, der für mich nicht nur sehr groß, sondern auch sehr schwer war, wohl zu laut gescheppert.
Meine Oma kam und schimpfte in Sauerländer Platt. Die Kartoffeln waren halt für das Schwein bestimmt und nicht für mich, den Lausebengel. Wenn das Kiweken während der Stallsäuberung auf dem Hof war, spielte ich mit ihm. Ich lief hinter ihm her und rief dabei "Lieb, lieb Kiweken!". Dann blieb es stehen, legte sich auf den Rücken und streckte alle Viere von sich. Es wartete auf seine Streicheleinheiten von mir. Bald wurde daraus eine richtige Freundschaft zwischen uns. Für die Erwachsenen völlig unverständlich, sahen sie in Kiweken doch nur das Nutztier.
Die Wurst schmeckt trotzdem
Es kam dann, wie es kommen musste: Schlachttag. Das Ende des mittlerweile gut gemästeten Tieres war gekommen. Ich habe nur noch den Schlachter gesehen, und wie das Kiweken aus dem Stall auf die Tenne geholt wurde. Dann bin ich aus dem Haus gegangen, ich weiß heute nicht mehr wohin. Mit dem Schlachten wollte ich nichts zu tun haben. Das letzte was ich sah, war ein rundes Rohr in der Hand des fremden Mannes. Heute weiß ich, dass es das Bolzenschussgerät war, mit dem geschossen wurde.
Als ich nach Hause kam, hing das geteilte Schwein auf einer Leiter vor der Haustüre. Der Veterinär war auch schon da gewesen und hatte dem Tier einige blaue Stempel aufgebracht. Alle Bewohner des Dorfes konnten sehen, was für ein fettes Schwein hier geschlachtet worden war. Das war zu dieser Zeit ein wahrer Schatz.
In der Küche waren Frauen schon damit beschäftigt, die Innereien zu kochen. Am Abend wurde ein richtiges Schlachtfest gefeiert. Alle Nachbarn waren eingeladen, auch ich habe fleißig mitgegessen. So ist das im Leben. Am nächsten Tage wurde mit dem Wursten begonnen. Unsere Leber- und Blutwürste waren die besten der ganzen Umgebung. Wenn sie geräuchert waren, bekamen sie eine ganz runzelige Haut und schmeckten mir hervorragend. Schade, dass wir jeden Tag nur einige Scheiben davon essen durften; mit diesem Vorrat mussten wir bis zum nächsten Schlachtfest auskommen.