Egon Bahr - DER SPIEGEL
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Egon Bahr: Intellektueller, Diplomat und Kommunikator

Foto: JOCKEL FINCK/ AP

Egon Bahr Intellektueller, Diplomat und Kommunikator

Egon Bahr war der "konzeptionell fähigste meiner Mitarbeiter", schrieb Willy Brandt 1989 in seinen "Erinnerungen" über ihn. Tatsächlich würde Brandts politisches Renommee ohne den Strategen der Ost-Politik heute viel geringer ausfallen.
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Bahr, 1922 geboren, stammt aus Thüringen. Die deutsche Frage, die Einheit von West und Ost, war sein großes Lebensthema. Über dieses Thema dachte er seit den 1950er Jahren unentwegt nach. Darüber kam er zur SPD; hier bestand für den Sohn aus eher bürgerlichem Haus sein unüberbrückbarer Dissens zu Adenauer. Rastlos schmiedete Bahr Pläne, wie man aus der deutschlandpolitischen Sackgasse einer einseitigen Westpolitik herauskommen könnte. Und so war es für Bahr ein wahres Glück, als ihn Willy Brandt, der den früheren Rias-Journalisten schon 1960 zu seinem Presse- und Informationschef gemacht hatte, 1966 mit nach Bonn in das Auswärtige Amt nahm und ihn dort nach kurzer Zeit zum Leiter der Planungsabteilung ernannte.

Die folgenden sechs Jahre, zunächst im Außenministerium, dann im Kanzleramt, wurden zur wohl ergiebigsten Zeit im Leben des Egon Bahr. Während der ersten drei Jahre konnte er in unzähligen Diskussionen mit den klugen Beamten des Auswärtigen Amtes an seinen ostpolitischen Projekten basteln und feilen. Zunächst blieben das hochanspruchsvolle theoretische Diskurse, ohne große realpolitische Wirksamkeit. Aber Bahr hatte seine Freude daran. Doch blieben diese Debatten keineswegs luftige und versponnene Sandkastenspiele.

Am Ende, als die Große Koalition auseinander ging, stand das Plateau der sozialliberalen Ost- und Deutschlandpolitik schon. Als das Kabinett Brandt-Scheel zusammenkam, lagen alle Pläne für die Außenpolitik fertig und akkurat durchkomponiert bereits in den Schubladen. Dergleichen findet man selten in der wirklichen Politik, beim Wechsel von Regierungen, wo in der Regel die bewegliche Improvisation statt des langfristig choreographierten Konzepts herrscht.

Konzeptionelle Planung, systematischer Transfer

So hatte Bahr sich während der großkoalitionären Jahre in aller Ruhe vorbereiten können. Im Herbst 1969 zog Bahr mit seinem neuen Kanzler in das Palais Schaumburg, in das Büro von Hans Globke im Übrigen, wo er nun als Staatssekretär seine Arbeit im Auswärtigen Amt im Grunde lediglich weiter fortsetzte - mit dem entscheidenden Unterschied indes: Jetzt konnte er realisieren, was er zuvor an Gedanken, Konzepten, Plänen allein reflexiv zusammengestellt hatte. Es war eine ideale, ganz ungewöhnliche Situation für einen politischen Intellektuellen. Und niemals auch ist ein politischer Intellektueller in der Bundesrepublik so weit gekommen wie Bahr.

Im Grunde funktioniert es in der Politik nicht so, dass man politische Leitvorstellungen entwickelt, ein Programm entwirft und das dann Zug um Zug in politische Wirklichkeit übersetzt. So stellt man sich das eher laienhaft oft vor, so wäre es vielleicht auch wünschenswert, aber so ist es in den seltensten Fällen. Erfahrene politische Praktiker halten dergleichen für eine verblasene Illusion. Die Bahrsche Ostpolitik aber verlief nach diesem Muster: konzeptionelle Planung, dann systematischer Transfer - Zug um Zug.

Natürlich und in erster Linie hatte Bahr das Glück einer historisch einzigartigen Konstellation. Es war gleichsam der Kairos, der ihn begünstigte. Einige Jahre zuvor oder wenige Jahre später hätte das alles nicht funktionieren können. Und der Politiker Bahr hatte auch nach 1972 nicht mehr viel Fortune, obwohl er weiterhin ein unermüdlicher Konzeptionalist blieb. Zunächst einmal sind in der Außenpolitik die Spielräume größer als in der Innenpolitik, zumal in Deutschland. Die Zahl der Vetomächte ist auf diesem Feld weit geringer. In den Jahren 1969 bis 1971 kam hinzu, dass die Weichen der internationalen Beziehungen neu gestellt wurden, dass die klassische Adenauersche Westpolitik ostpolitisch flankiert werden musste. Eben dorthin gingen auch die beiden Supermächte. Insofern bewegten sich die Ideen Bahrs im richtigen Moment in die richtige, auch machtgestützte Richtung der Weltpolitik.

Bahr besaß unter diesen Rahmenbedingungen den nötigen Handlungsraum. Dass er ihn auch besetzen und nutzen konnte, dafür wiederum sorgte Willy Brandt. Im Unterschied zu anderen Kanzlern war Brandt fähig, seinen engsten Mitarbeitern Eigenständigkeit zu gewähren, Bewegungsraum zu lassen, ihnen zu vertrauen. Brandts Eifersucht auf andere öffentliche Akteure in den eigenen Reihen hielt sich in bemerkenswerten Grenzen.

Virtuose politischer Kommunikation

Dabei ging es Bahr auch gar nicht um die öffentliche Schaustellung seiner politischen Operation. Bahr war vielmehr darauf aus, als der große Geheimdiplomat zu gelten, der geheimnisvolle und geheimnisumwitterte Strippenzieher, der trickreiche Diener seines Herrn. Aber um den Herrn ging es ihm tatsächlich. Er verehrte, ja liebte Brandt wirklich. Bahr wollte gar nicht die Lorbeeren, die öffentlichen Preise einer erfolgreichen Ostpolitik. Das gönnte er ganz selbstlos dem Kanzler, dem er, wie Herbert Wehner ein wenig neidisch urteilte, durch "bedingungslose Loyalität" ergeben war. Das man ihn in der deutschen Öffentlichkeit für einen großen Strategen im Hintergrund hielt, war Bahr nicht unrecht. Aber der Repräsentant und das Symbol für die neue Politik gegenüber dem Osten war Brandt, auch und gerade für Bahr.

So ließ ihn der Kanzler machen. Und in einer für Bahr typischen Mischung aus kühler, ja kalter Rationalität und heftiger Leidenschaft, aus taktischer Raffinesse und ungeduldigem Temperament war er der richtige Mann für die Verhandlungen mit den ihm darin wesensähnlichen Russen. Man kam jedenfalls gut miteinander zurecht. So, nochmals, setzte Bahr sein politisches Projekt Zug um Zug um. Er erwies sich dabei als Meister der Geheimdiplomatie, wie es sie in den auswärtigen staatlichen Geschäften seit ewigen Zeiten gab.

Aber er war auch ein Virtuose der politischen Kommunikation, wofür elementarer Bedarf erst seit den Zeiten der Massen- und Mediendemokratie existiert. Bahr war ein großer Schweiger, der "wichtige Nachrichten sogar vor sich selbst geheim hielt", doch lancierte er in den richtigen Momenten auch einprägsame Schlüsselbegriffe, Begründungen für Ziel und Richtung seiner Politik. Diese Doppelbegabung aus Diplomatie und Kommunikation nutzte der Ostpolitik, war keineswegs unentscheidend für ihren Erfolg, ihre Mehrheitsfähigkeit in den frühen 1970er Jahren und schließlich für den sozialdemokratischen Triumph bei den Bundestagswahlen 1972. Sie bedeuteten somit nicht nur einen Sieg für Willy Brandt, sondern auch ein ganz ungewöhnliches Plebiszit für die Leistungen eines politischen Intellektuellen.

Danach allerdings wandelten sich die Konstellationen, veränderten sich die nationalen und internationalen Rahmenbedingungen. Bahr verlor die Voraussetzungen für seine Wirksamkeit. Viel gelang ihm dann nicht mehr. Seine Konzepte gingen nicht mehr auf, wirkten später dann, im Laufe der achtziger Jahre, eigensinnig und undurchschaubar zugleich. Ein unermüdlicher, kreativer Konzeptionalist, Interpret und Impulsgeber blieb er gleichwohl.

Franz Walter

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 18.03.2007