Eike Batista: Mein Klassenkamerad, der Multimilliardär - DER SPIEGEL
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Kindheitserinnerungen Mein milliardenschwerer Kumpel

Michael Kanofskys Klassenkamerad Eike Batista war schon als Teenager anders als die anderen: Er fuhr Mercedes ohne Führerschein und schleppte die schönsten Mädchen ab. Doch schon damals, auf einer Interrail-Tour, zeigte Batista die Charakterzüge, die ihn zum acht reichsten Mann der Welt machen sollten.
Interrail-Tour in den Ferien: Während einer Norwegen-Reise 1974 machte Michael Kanofsky dieses Foto von seinen Schulkameraden Ottar (rechts im Bild) und Eike.
Interrail-Tour in den Ferien: Während einer Norwegen-Reise 1974 machte Michael Kanofsky dieses Foto von seinen Schulkameraden Ottar (rechts im Bild) und Eike.

Interrail-Tour in den Ferien: Während einer Norwegen-Reise 1974 machte Michael Kanofsky dieses Foto von seinen Schulkameraden Ottar (rechts im Bild) und Eike.

Foto: Michael Kanofsky
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In Brüssel wurde Mitte der siebziger Jahre fleißig am neuen Europa gebaut, in vielen alten Stadtvierteln rückten die Abrissbirnen an. Ich war 17 und ging zur Deutschen Schule, wo auch der Deutsch-Brasilianer Eike Batista Schüler war. Nie hätte ich mir damals vorstellen können, dass er eines Tages der achtreichste Mann der Welt werden würde.

Eines war jedoch schon damals zu merken: Er war anders als wir. Selbstbewusster, frecher, stärker. Auf dem Schulhof und bei den Mädchen. Eike traute sich, Dinge zu tun, zu denen wir anderen nicht den Mut hatten. Er nahm sich eine Menge heraus und wusste sich durchzusetzen. Arrogant und eingebildet war er, dann wieder nett, freundlich und kameradschaftlich. Er war verwöhnt, oberflächlich und aufbrausend, manchmal störrisch und verstockt. In anderen Momenten gab er sich wieder lustig und umarmte jeden.

Eike sah ziemlich gut aus. Auch wenn er nicht besonders groß und eher untersetzt war, wirkte er einigermaßen sportlich. Es ist irgendwie komisch, wenn ich heute Fotos von ihm sehe, die immer wieder neben negativen Schlagzeilen in den globalen Wirtschaftsnachrichten auftauchen. Der Mann, der bis vor Kurzem noch 30 Milliarden Dollar besaß und einer der reichsten Männer der Erde war, ist jetzt nur noch simpler Millionär. Einige seiner Unternehmen sind offenbar hoch verschuldet.

Ist das wirklich dieselbe Person, die mit mir an der Deutschen Schule in Brüssel war? Der Typ, der mich oft auf dem Sozius seines roten Motorrads die Avenue de Tervuren hinunter in die nächtliche Altstadt mitnahm? Derselbe junge Mann, mit dem ich und ein anderer Schulkamerad, ein Norweger namens Ottar, gemeinsam auf großer Interrail-Tour waren?

Mit hübschen Mädchen am Swimmingpool

Oft lud Eike uns, seine Freunde und Klassenkameraden, in die Villa seiner Eltern ein, die in einem pittoresken Brüsseler Vorort in der Domaine de Fuji lag. Ich weiß noch, wie aufgeregt ich jedes Mal war. Denn bei Eike gingen die hübschesten Mädchen ein und aus, wurde die lauteste Musik gehört. Es gab auch einen großen Swimmingpool, an dessen Rand wir herumlungerten. Eikes Familie war schon damals ziemlich wohlhabend. Keiner von uns hätte aber geahnt, welches unglaubliche Vermögen unser Schulkamerad später machen würde.

Als Schüler hatte er noch keine Privatflugzeuge und Yachten. Ihm reichten sein Motorrad - und der Mercedes seines Vaters. Ich erinnere mich noch, wie wir eines späten Abends mit eben diesem imposanten Mercedes in die Brüsseler Innenstadt fuhren, nur um irgendwo ganz besonders gute Fritten zu essen. Eike hatte noch keinen Führerschein, schlich sich aber einfach heimlich in die Garage und nahm sich den Wagen. Ohne Wissen seines Vaters setzte er sich hinters Steuer und ließ mich als Beifahrer einsteigen. Ich hatte natürlich Bedenken, aber Eike dachte sich nichts dabei. Gut fahren konnte er sowieso. Und während ich nach den weiß behandschuhten Flics auf ihren schweren blauen Motorrädern Ausschau hielt, fuhr Eike ohne Furcht und ziemlich schnell die großzügigen Boulevards entlang, den Arm cool aus dem offenen Seitenfenster haltend, durch das die laue Nachtluft hereinkam.

Brüssel 1974, das war ein schönes Jahr. Wir Schüler turnten bei Ausflügen in den dicken schummrigen Röhren im noch nicht renovierten Atomium herum, stöberten in den Läden rund um die Kirche Notre-Dame du Sablon, gingen ins Kino und spielten Billard in einem kleinen Café in Stockel. An der Deutschen Schule im Stadtteil Wezembeek-Oppem hatte ich mich von Anfang an wohlgefühlt, weil ich dort Schüler aus aller Welt traf. Mir gefiel es sehr, in den engeren Kreis um Eike aufgenommen zu werden. Es handelte sich um eine vermeintlich besondere Clique, die nicht von allen geliebt wurde. Vermutlich lag das an unserem jugendlich-unreifen, elitären Gehabe, an einer gewissen Aura des Höheren, die wir um uns herum erzeugten. Und Eike war dabei natürlich unser Anführer.

"Wie kannst du nur mit diesem oberflächlichen Typen rumhängen?"

Damals war ich mit einem Mädchen aus meiner Klasse befreundet, einer "Intellektuellen", gesellschaftlich engagiert und kritisch. "Wie kannst du nur mit diesem reichen Typen herumhängen, du bist doch gar nicht so oberflächlich, du passt überhaupt nicht zu denen", hielt sie mir vor. Meinem jugendlichen Selbstbewusstsein tat es aber gut, zu Eikes Clique zu gehören, denn ich war eher ruhig und zurückhaltend.

Die einzige Person, vor der Eike wirklich Respekt hatte, war seine Mutter. Frau Fuhrken Batista, eine große, dunkelhaarige Frau, ruhig und zugleich bestimmend, ließ Eike einiges durchgehen. Doch sie fasste ihn hin und wieder auch mit harter Hand an. Nie werde ich vergessen, wie Eike einmal von seiner Mutter ermahnt wurde, doch bitte seine Kondome nicht für jeden sichtbar in der Villa herumliegen zu lassen. Offenbar hatte Eike mal wieder Besuch von einer seiner Freundinnen gehabt, und seiner Mutter gefiel es nicht, dass die Nachwirkungen des erotischen Treibens allen sichtbar waren. Wir staunten, denn die Welt der Mädchen war für uns noch ziemlich mysteriös. Eike hingegen konnte auf dem Gebiet schon viele Erfolge vorweisen.

Auch an seinen Vater kann ich mich noch gut erinnern. Womit er sein Geld verdiente, war uns nicht wirklich klar. Wir wussten nur, dass er irgendwann einmal Politiker in Brasilien gewesen war. Herr Batista war eine beeindruckende Gestalt, umgeben von einem geheimnisvollen Nimbus. Im Sommer schlurfte er wie ein alternder brasilianischer Macho mit braungebranntem nacktem Oberkörper in Badelatschen und Shorts herum, präsentierte einen stolzen Bauch und trug seine ziemlich langen grauen Haare nach hinten gekämmt. Man sprach Deutsch, Portugiesisch und noch ein paar andere Sprachen. Die Familie war weltläufig und freundlich, sie führte ein offenes Haus.

Ein größeres Ziel vor Augen

Eike und ich waren keine engen Freunde, aber gute Klassenkameraden. Einer der Höhepunkte unserer Bekanntschaft war eine Interrail-Reise, die uns zuerst nach München und Italien führte, dann nach Südfrankreich. Da es uns dort nicht gefiel, fuhren wir schließlich nach Dänemark und weiter nach Norwegen, wo die Eltern unseres Kumpels Ottar zu Hause waren. Es gibt ein Foto von Eike, irgendwo in der norwegischen Tundra, in weißen Turnschuhen, die mittellangen braunen Haare mit einem Stirnband gebändigt. Selbstbewusst, die Hände in den Hosentaschen, blickt er in die Ferne, als hätte er ein größeres Ziel vor Augen.

Ich weiß noch, wie er mich in Norwegen aus einer misslichen Lage befreite. Meine Geldbörse war am Meer in eine sehr enge und tiefe Felsspalte gefallen. Ich hatte es nicht geschafft, weit genug in die dunkle, vom Wasser umspülte Spalte hineinzukriechen, um sie herauszuholen. Für Eike war das kein Problem, und kurze Zeit später hatte ich meine Börse wieder. So hat er dann wohl seinen Weg gemacht: Während andere zögerten, steuerte er auf sein Ziel zu, entschlossen, das Beste für sich herauszuholen.

Als ich später die Deutsche Schule verlassen musste, weil wir zurück nach Deutschland zogen, haben Eike und ich uns aus den Augen verloren. Er hat dann wohl in Aachen studiert und ist irgendwann nach Rio de Janeiro zurückgekehrt. Jahrzehnte später konnte ich seine Erfolgsgeschichte und schließlich auch das Zusammenschmelzen seines Milliardenvermögens in den Medien verfolgen. Vor einiger Zeit habe ich Eike einen Brief geschrieben, fast vierzig Jahre nach unserer letzten Begegnung in Brüssel: Eike Batista, c/o Grupo EBX, Praia do Flamengo 154, Rio de Janeiro. Geantwortet hat er nie.