Erster Weltkrieg: Die Globalisierung des Krieges
Erster Weltkrieg Die Globalisierung des Krieges
Als Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg am 9. Januar 1917 im Hauptquartier der Obersten Heeresleitung (OHL) im schlesischen Schloss Pleß eintraf, war die Entscheidung bereits gefallen. Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff hatten bei Kaiser Wilhelm II. den uneingeschränkten U-Bootkrieg durchgesetzt. Diese Ausweitung des Kriegs sollte der Befreiungsschlag gegen die englische Seeblockade sein - und sie galt als ebenso völkerrechtswidrig wie diese.
Allen Schiffen in britischen Hoheitsgewässern drohte damit die Versenkung, egal unter welcher Flagge sie fuhren. Der Verlust von 600.000 Bruttoregistertonnen im Monat würde die Seemacht an den Rand des Zusammenbruchs bringen, hofften die deutschen Militärs. Allerdings standen nur etwa zwei Dutzend U-Boote mit ausreichendem Aktionsradius zur Verfügung, von denen wegen des langen Weges zum Atlantik und der Werftliegezeiten nur jeweils ein Drittel gleichzeitig einsetzbar war. Außerdem stand zu befürchten, dass dieser Schritt neutrale Staaten, in erster Linie die USA, zum Kriegseintritt bewegen könnte - ein schwer einschätzbares Risiko. Ein weiteres Argument der Gegner dieses risikoreichen Schachzugs war der erwartete Zusammenbruch Russlands.
USA kein ernstzunehmender Gegner?
Es hätte sich also angeboten, den Beschluss zumindest hinauszuzögern. Stattdessen übten die beiden OHL-Chefs starken Druck aus - sie hatten sogar ihren Rücktritt angedroht, falls der uneingeschränkte U-Bootkrieg nicht beschlossen würde. Die Auswirkungen eines Kriegseintritts der USA in diesen europäischen Krieg wurden von ihnen ganz offensichtlich falsch eingeschätzt. Ludendorff erklärte gegenüber dem Diplomaten Richard von Kühlmann, er "würde einen Krieg mit Amerika nicht tragisch nehmen, aber wenn Holland und Dänemark losgehen sollten, wäre es natürlich etwas anderes".
Der Kaiser übernahm das Argument der Militärs, die Vereinigten Staaten seien militärisch nur von untergeordneter Bedeutung. Als er den Befehl für den rücksichtslosen U-Bootkrieg unterschrieb, bemerkte der Monarch, er rechne "durchaus mit der Kriegserklärung Amerikas".
Dubios war die Rolle des Kanzlers, der monatelang gegen die Ausweitung des Krieges gekämpft hatte. In Pleß unterwarf er sich dem Willen der Militärs und erklärte, den Beschluss zu decken. Dies war gegenüber dem Reichstag wichtig, besonders wegen der SPD, die dieser Maßnahme nur dann zustimmen wollte, wenn der Kanzler im Amt bliebe. Von Bethmann Hollweg waren die Auswirkungen dieses Schrittes bewusst. Den Vizekanzler und Staatssekretär des Innern, Karl Helfferich, ließ er davon mit den Worten in Kenntnis setzen: "Der Rubikon ist überschritten."
Ausnutzen der Kriegsmüdigkeit
In der deutschen Öffentlichkeit entfachte die nationale und deutsche Presse eine Kampagne zugunsten der Ausweitung des Seekrieges. Dem kriegsmüden Volk wurde eingeredet, durch den nun sicheren Sieg über England sei der Krieg schnell beendet. Der Wunsch nach Frieden wurde also benutzt, um den Krieg zu intensivieren - was schließlich die eigene Niederlage herbeiführen würde.
Die Berechnungen der Militärs erwiesen sich schnell als fehlerhaft, ja verhängnisvoll. Zwar konnten die U-Boote zunächst sogar mehr als die errechnete Tonnage versenken. Doch durch den Kriegseintritt der USA, der die Moral des schwer bedrängten Frankreich und seines Alliierten England stärkte, konnten die Verluste kompensiert werden. Gut ein Jahr nach jenem Kronrat begann sich das Gewicht des neuen Kriegsteilnehmers auch militärisch bemerkbar zu machen. Den U-Booten gelang es nicht, auch nur einen einzigen der Truppentransporter zu stoppen, die unaufhörlich neue Divisionen über den Atlantik brachten.
Als im Sommer 1918 der millionste US-Soldat in Frankreich landete, begann sich bereits Deutschlands Niederlage abzuzeichnen.