Europäische Union: Europaträume unterm Schweizer Kreuz
Europäische Union Europaträume unterm Schweizer Kreuz
In der turbulenten Zeit zwischen den Kriegen war ein Zusammenschluss der europäischen Staaten niemals in greifbarer Nähe. Dennoch sah eine Gruppe Schweizer 1930 in der Idee einer Föderation europäischer Völkerbundsmitglieder die Antwort auf die politischen und wirtschaftlichen Krisen im Umland, welche auch die Schweiz bedrohten. Während im kränkelnden Völkerbund die "Studienkommission für eine Europäische Union" gebildet wurde und internationale Regierungsbemühungen zur europäischen Einigung im Sand verliefen, scharte der Genfer Industrielle Simon Gauthier eine Gruppe Gleichgesinnter um sich und gründete eine der ersten Euopabewegungen: die "Union Jeune Europe" (UJE).
Die UJE sah sich auf einem Kreuzzug für die europäische Einheit. Ihre Gegner waren die Kommunisten, die Rüstungs- und Schutzzollindustrie, aber vor allem die Gleichgültigkeit der schweizerischen Bürger. Diesem ersten Europa-Verein war ein kurzes Leben beschieden, obwohl er bald Sektionen in vielen Schweizer Kantonen, Belgien und Frankreich aufbaute. Nach massivem Mitgliederschwund im Jahre 1933 stellte UJE in der Schweiz ihre Aktivitäten weitgehend ein.
Aus ihrer Basler Sektion aber bildete sich am 24. Juni 1934 die Europa-Union Schweiz - der Verein, der sich unter dem Namen "Neue Europäische Schweiz" bis zum heutigen Tag für ein vereinigtes Europa einsetzt. In ihrem ersten offiziellen Programm forderte die überparteiliche Europa-Union (EU) eine demokratische europäische Bundesverfassung mit einem Bundesparlament, einem Bundesgericht und gewählten Bundesräten. Zentrale Kompetenzbereiche des europäischen Bundes sollten die Außenpolitik, das Wehrwesen sowie die Zoll- und Währungspolitik sein. Charakteristisch für den Europagedanken der Schweizer Bewegung in den dreißiger Jahren war ein schweizerisches Sendungsbewusstsein. Führende Verbandsvertreter sahen in einer "Idee der Schweiz" mit ihrer Viersprachigkeit und föderalen Verfassung die geistige Grundlage für ein vereinigtes Europa.
"Geistige Landesverteidigung"
Mit herannahendem Kriegsbeginn verkam dieser Europaentwurf zur idealisierten Selbstbeschreibung. Angesichts der faschistischen Bedrohung verschrieben sich die Europäer erster Stunde der "Geistigen Landesverteidigung" der Schweiz, die eine scharfe Abgrenzung vom europäischen Umland mit sich brachte. Ideologischer Stichwortgeber war der Basler Historiker Adolf Gasser, welcher am Rhein eine geistige Grenze zwischen Europa und Asien ausmachte. Jeder verantwortlich fühlende Europäer müsse sich den Werten der abendländischen Kultur verpflichten und die Idee der Individualfreiheit und Menschenliebe verinnerlichen. Als Klammer dieser Programmatik diente das Bild der alten Schweizer Eid-Genossenschaft, die sich nicht nur in der Vergangenheit durch ihr genossenschaftliches, freies Zusammenleben hervorgetan hatte, sondern nun auch wehrhaft und vorbildlich den europäischen Stürmen der dreißiger Jahre standhalten sollte.
So schweizerisch das Programm auch anmuten mag - die EU war bereits in ihren Anfangsjahren um grenzübergreifende Zusammenarbeit bemüht. Getragen wurde der Verband im Land vorwiegend von wirtschaftsliberalen, sozialdemokratischen und pazifistischen Kräften. Bis zu Kriegsausbruch traten dem Verband rund 3000 Mitglieder bei. Die öffentliche Präsenz wurde durch die monatlich erscheinende Zeitung "Der Europäer" unter Federführung der beiden Journalisten Hans Bauer und Hermann Aeppli erreicht. Neben den politischen Flüchtlingen Thomas Mann und Heinrich Georg Ritzel fanden auch andere namhafte Exilanten in den Umkreis der Bewegung, wie etwa Friedrich Wilhelm Förster, Adolf Grabowsky oder Ernst von Schenk. Diese Männer traten zu Veranstaltungen als Redner auf oder bekleideten Vereinsfunktionen und unterstrichen durch ihren Einsatz das transnationale Element der Bewegung. Kontakte bestanden zudem zur englischen "New Commonwealth Society".
Das Kreuz mit dem Schweizerkreuz
In der Nachkriegszeit schöpfte die Schweizer Bewegung Kraft aus ihrer frühen Suche nach ausländischen Gesinnungsgenossen und ihrer eigenen Unversehrtheit. Sie war programmatisch wie organisatorisch maßgeblich an Kongressen beteiligt, aus denen die heute noch existierende "Union européenne des fédéralistes" (UEF) hervorging.
Eingeschränkter dagegen war ihr Aktionsradius im eigenen Lande: Der Schweizerische Bundesrat ignorierte die Bewegung bis tief in die vierziger Jahre, weil er eine Torpedierung der Neutralitätspolitik fürchtete. In ihrem Verhältnis zur Regierung wie auch in ihrer Akzeptanz in der Bevölkerung gelang der Schweizer Europabewegung damit in den Anfangsjahren kein durchschlagender Erfolg. Ausschlaggebend dafür dürfte neben finanziellen Engpässen auch der Anspruch der Überparteilichkeit gewesen sein, ihre innenpolitischen Positionen blieben unklar.
Der Verband ist bis heute aktiv. Neben einer EU-Mitgliedschaft der Schweiz strebt er eine Stärkung der demokratischen Rechte in der EU an. Es mag tragisch erscheinen, dass einer der ältesten Europaverbände noch immer nicht Zeuge seines vornehmlichen Zieles - der Schweiz als Mitglied der Europäischen Union - geworden ist. Ausgehend von der Programmatik der dreißiger Jahre bietet sich eine einfache Erklärung an: Nicht das helvetische Vorbild wurde Grundlage für das europäische Zusammenfinden in der Nachkriegszeit, sondern die schrittweise und sektorielle Integration. Die EU wartet noch immer auf ihre erste Verfassung, und ihre politischen Institutionen haben wenig gemein mit dem Demokratieideal der ersten Schweizer Europaaktivisten.