Eurovision Song Contest: Siegel, Sieger, Supersternchen
Eurovision Song Contest Siegel, Sieger, Supersternchen
Sie war die Lichtgestalt des ach so verkannten deutschen Schlagers: Die blonden Haare brav zum Mittelscheitel gekämmt, die weiße Gitarre riesenhaft auf ihren Knien ruhend als könne sie die Schwermut der ganzen Welt fassen. Mit der sanften Unsicherheit einer Gitarrenschülerin spielte die 17-Jährige ihr "kleines Lied", und ihre blassblauen Augen schienen durch die Fernsehkameras hindurch direkt in unsere Herzen zu blicken.
Am 24. April 1982 gelang Nicole Hohloch aus Nohfelden im Saarland, womit niemand mehr gerechnet hätte: Sie holte beim Eurovision-Wettbwerb für Deutschland den ersten Platz. Ihr Lied "Ein bisschen Frieden" ließ die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" in einem seltenen Emotionsausbruch fordern, ihr "einen Platz im Diplomatischen Korps der Bundesrepublik" anzubieten, während die "Bild"-Zeitung trocken ihre Einschätzung "1 Million reicher" neben ein Foto der zierlichen Tochter eines Kfz-Sachverständigen auf die Titelseite druckte.
Ob nun für ein bisschen Frieden oder einen Haufen Geld - Nicoles Riesenhit, der in einer übersetzten Version sogar für zwei Wochen die britischen Charts anführte, war und blieb der Ausreißer nach oben in einer Geschichte voller deutscher Misserfolge. Bis heute schafften unsere Künstler es bei 52 Ausgaben des Eurovision Song Contest erst lausige zehn Mal unter die ersten Drei (die Silber-Plazierungen 1956 nicht berücksichtigt, da sämtliche Nicht-Gewinner beim ersten Grand Prix auf den zweiten Platz gesetzt wurden).
Warten auf das Schlagerwunder
"Im Wartesaal zum großen Glück" von einem längst vergessenen Sänger namens Walter Andreas Schwarz war einer der deutschen Beiträge beim ersten Grand Prix 1956 - ein Titel, der über den Wettbewerben der folgenden Jahre wie ein böser Fluch lag. Obwohl sich große Stars der nationalen Szene wie Wencke Myhre, die Kessler-Zwillinge, Conny Froboess oder Lale Andersen redlich bemühten, landeten ihre Beiträge zuverlässig nicht höher als im Mittelfeld. Es hagelte Kritik gegen die angeblichen Musikexperten, Plattenfirmenbosse und Schlagerproduzenten, die alljährlich für die Auswahl der Songs zuständig waren - und nach der Zauberformel für den Eurovisions-Erfolg suchten. Vergeblich. Auf der europäischen Bühne war für die Deutschen zunächst wenig zu holen.
Erst 1970 konnte das Land von Brahms und Beethoven mit einem kleinen musikalischen Erfolg aufwarten. "Wunder gibt es immer wieder", sang Katja Ebstein 1970. Und tatsächlich: Bronze für Deutschland! Immerhin. Die Bigband-Hymne in Alles-wird-gut-Diktion ("Wunder gibt es immer wieder, wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen") war eine kleine Initialzündung. Im Folgejahr konnte selbst die sozialkritische Ernsthaftigkeit des melancholischen Öko-Mahnsongs "Diese Welt" nicht verhindern, dass Ebstein ihren dritten Platz wiederholte. Die gleiche Plazierung schaffte 1972 Mary Roos mit "Nur die Liebe lässt uns leben", einem wuchtig-fröhlichen Gassenhauer, der "Sonnenschein" auf "niemals einsam sein" reimte.
Die große deutsche Schlagerkrise schien überwunden, der Sieg nur noch eine Frage der Zeit. Doch dann kam Abba mit dem Mega-Hit "Waterloo" (1974). Der Song verhalf dem Schweden-Quartett zum internationalen Durchbruch und stellte alles in den Schatten, was sich vorher oder nachher auf Eurovisions-Bühnen tummelte, und auch die deutschen Hoffnungsträger sahen wieder einmal alt aus: Cindy & Bert hatten gegen Agnetha & Björn & Benni & Anni-Frid nicht den Hauch einer Chance, trotz ähnlicher Frisuren. Ihre weichliche Hippie-Schnulze "Die Sommermelodie" landete auf einem lahmen 14. Platz - und der deutsche Schlager war wieder im Mittelmaß angekommen.
Der Dschingis-Khan-Skandal
Im Fußball wird in solchen Fällen ein neuer Trainer angeheuert. Beim Grand Prix kam der Aufschwung in der Person des Songschreibers und Produzenten Ralph Siegel - und durch die Neuregelung, dass 1979 erstmals die TV-Zuschauer über den nationalen Kandidaten abstimmen durften. Siegel hatte sich schon 1972 mit dem Rex-Gildo-Song "Fiesta Mexicana" einen Platz im Deutsch-Pop-Olymp gesichert. Beim Grand Prix von '79 brachte ein handfester Skandal seiner Gruppe Dschinghis Khan zusätzliche Aufmerksamkeit.
Ausgerechnet beim Wettbewerb in Jerusalem mit einem Song über den antisemitischen Mongolen-Brutalo aufzuwarten, der sich ein riesiges Weltreich zusammenmetzelte und die Köpfe toter Feinde zu Pyramiden türmte - das hielten viele für geschmacklos. Dem Publikum jedoch gefiel das martialisch-alberne Kasatschok-Gehopse zu einer Melodie, die im Refrain auffallende Ähnlichkeiten zu Boney M.s "Ra- Ra- Rasputin" hatte: Vierter Platz - und der Startschuss für die goldene Ära deutscher Grand-Prix-Geschichte. Siegel feierte in den folgenden Jahren zweite Plätze mit Katja Ebsteins Schunkel-Nummer "Theater" und Lena Valaitis' Blindendrama "Johnny Blue", bevor 1982 endlich der ganz große Wurf gelang: Platz eins für Nicole mit "Ein bisschen Frieden".
Doch was war das Geheimnis des Erfolgs? Verbarg sich in diesem zerbrechlichen Teeny, diesem unbedarften Liedchen, dieser gigantischen, weißen Gitarre vielleicht das Rezept für den perfekten Eurovisionschlager? Man nehme: ein paar Pfund hemmungslose Bescheidenheit ("Ich bin nur ein Mädchen das sagt, was es fühlt"), eine Prise nörgelige Melancholie ("Wie eine Puppe, die keiner mehr mag, fühl ich mich an manchem Tag") und mehrere Kilo wolkige Hoffnung, dick aufgetragen ("Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen, und dass die Menschen nicht so oft weinen") - fertig ist die Mischung aus naivem Nachtgebet und Kindergottesdienst-Hymne. Passend dazu trat Nicole in keuschem Konfirmationsdress auf und schrummelte auf der Gitarre, wie es sonst nur Jugendleiter können und dürfen.
Mit Nonsens in die Neunziger
War das vielleicht das ganze Geheimnis? Der, nennen wir es mal, Kindergottesdienstfaktor? Die Popgruppe Wind schien es zu bestätigen. Mit "Für alle" ("Für alles hier, für die Sehnsucht, die in Kinderaugen steht ...") und "Lass die Sonne in dein Herz", Lebenshilfe im Reggae-Rhythmus, holten die Regensburger 1985 und 1987 jeweils den zweiten Platz. Doch der einmalige Erfolg von Nicole ließ sich nicht kopieren. Schlimmer noch: die schmachtenden Balladen der Folgejahre wurden allesamt mit Plazierungen im hinteren Drittel abgestraft. Erst MeKaDo konnten 1994 zumindest wieder einen dritten Platz belegen - und führten das Nicole-Rezept ad absurdum.
Die drei feschen Girls mit dem Nonsens-Bandnamen lieferten einen Nonsens-Song mit dem Titel "Wir geben 'ne Party" ab. Die Mischung aus Dorfdisco-Schlager und HipHop-Klischee schlug ein wie eine Bombe - und war danach ebenso schnell vergessen, wie der Song vorgetragen war. Ein ähnlich sternschnuppenhaftes Dasein ereilte vier Jahre später "Reise nach Jerusalem" von einer Band mit dem Namen Sürpriz. In diesem Jahr durften die Interpreten erstmals in einer anderen als der Nationalsprache singen. Die deutsch-türkische Popgruppe nutzte dies für einen wilden Text-Mix aus Deutsch, Türkisch und Englisch. Auch das reichte für einen dritten Platz. Danach war wieder Schluss. Ob stampfende Disco-Songs (Corinna May oder Lou), energetischer Rock (Gracia) oder Country mit Olli Dietrich am Schlagzeug (Texas Lightning) - keiner der Interpreten hatte international eine Chance.
Was also ist das Rezept? Vermutlich liegt es irgendwo zwischen Nicoles Unschuld-vom-Lande-Evergreen und den exaltiert-internationalen Wegwerfsongs einer Gruppe wie Sürpriz. Aus diesem Grund haben die No Angels, trotz großer nationaler Erfolge, wohl keine Chance auf eine Plazierung in den oberen Rängen. Zu sehr ist ihr Song "Disappear" ein Versuch, R'n'B mit Dancefloor-Beat zu machen, wie ihn die amerikanische Pop-Elite schon lange auf höchstem Niveau fabriziert. Zu wenig Botschaft und zu wenig Folklore stecken in dem Song, und dem im Text behandelten Einsamkeits-Elend fehlt das Nicole'sche Hoffnungswölkchen: "Der Typ ist weg. Mist", singen die No Angels, und eben nicht "Der Typ ist weg, aber wenn wir alle gemeinsam fest daran glauben, kommt er bestimmt wieder".
Aus diesem Grund werden wohl noch immer Menschen selbstvergessen "Ein bisschen Frieden" summen, wenn "Disappear" mitsamt den No Angels schon lange von der Bühne verschwunden ist.