Faltengift: Wer schön sein will muss... erstarren
Faltenkiller Botox Gesichtslähmung für die ewige Jugend
Es ist wohl die bekannteste Idee, die je in einem Bett entstand: Vor dem Einschlafen erzählte die kanadische Augenärztin Jean Carruthers 1987 ihrem Mann Alistair, einem Hautarzt, von einer seltsamen Patientin. Sie käme immer wieder, obwohl die Behandlung längst abgeschlossen sei. Eigentlich sei die Frau wegen eines wiederkehrenden Muskelkrampfes am Auge in die Praxis gekommen, aber damit hätte sie längst kein Problem mehr. Sie fühle sich durch die Behandlung besser und gelöster, habe die Patientin ihr erklärt. Die Spritze, die der Patientin injiziert wurde, half nicht nur gegen die ungewollte Lidbewegung - sie linderte auch die Falten um das Auge herum. Als Jean Carruthers Erzählung endete, schauten sich die Eheleute an und hatten dieselbe Idee: Ihr Medikament und seine Patienten könnten die perfekte Kombination ergeben. Die Idee der Botox-Behandlung war geboren.
"Den Carruthers wurde damals klar, dass Falten durch die Aktivität der mimischen Muskulatur entstehen", sagt Hermann Lampe von der Deutschen Gesellschaft der plastischen, rekonstruktiven und ästhetischen Chirurgen. "Sie merkten, dass man sie durch einen Eingriff mit Botox reduzieren kann. Denn Falten entstehen in der Haut durch angespannte Gesichtsmuskeln. Werden diese Muskeln gelähmt, glättet sich die Haut wieder." Heute nennt man die beiden nur "Ma und Pa Botox", weil sie dem Faltenkiller unglaubliche Popularität verschafft haben.
Die besten Werbeträger für die Schönheitsspritze sind Hollywoodstars und Popgrößen - beziehungsweise die Gerüchte um ihre aufsehenerregend glatte Gesichtshaut. Die Liste der Berühmtheiten, von denen behauptet wird, dass sie sich das Verjüngungsmittelchen spritzen lassen, ist lang.
Giftiger als Arsen und Zyankali
Dabei ist Botox eigentlich ein Gift - und soll angeblich sogar so gefährlich sein, dass knapp zwei Teelöffel davon ausreichen, um die gesamte Weltbevölkerung zu vergiften. Arsen oder Zyankali erscheinen dagegen harmlos. Entdeckt hat das Gift der schwäbische Arzt Justinus Kerner. Im Jahre 1822 veröffentlichte er einen "Beytrag zur Untersuchung des in verdorbenen Würsten giftig wirkenden Stoffes". Darin beschrieb er, wie eines Tages eine Gruppe von Menschen mit Mundtrockenheit und Lähmungserscheinungen zu ihm kamen. Er diagnostizierte eine Lebensmittelvergiftung. Alle hatten verdorbene Würste gegessen.
Verantwortlich war das Bakterium Botulinum. Bei seiner Vermehrung bildet es ein Gift: das Botulintoxin. Die Wurst- oder Fleischvergiftung trägt deshalb auch den Namen "Botulismus". Seit Anfang der achtziger Jahre wird das Toxin medizinisch genutzt, um gesundheitliche Probleme wie Lidkrämpfe oder Schielen zu behandeln. Bekannt wurde es aber erst als Faltenkiller Botox.
Faltengift: Wer schön sein will muss... erstarren
Jean und Alistair Carruthers, die eine große Praxis in Vancouver haben, glauben, dass ihre Entdeckung die Menschen darüber hinaus auch seelisch entspannt und ausgeglichener macht. Zumindest der Umgang mit dem hochgiftigen Medikament geht ziemlich locker vonstatten. In Deutschland wurde das Mittel 1993 zum ersten Mal zugelassen, allerdings zu rein medizinischen Zwecken. Erst seit dem Jahr 2006 darf es hierzulande auch für kosmetische Anwendungen genutzt werden. Trotzdem gibt es neben der normalen Behandlung beim Arzt mittlerweile Botox-Partys nach Tupperware-Muster. Frauen treffen sich zu Kaffee, Sekt und Botox-Injektionen, für die Ärzte einen Hausbesuch machen. Immer mehr in Mode kommen auch Botox-Flatrates, bei denen man für einen festen Tarif ein ganzes Jahr lang mit regelmäßigen Spritzen seine Gesichtsmuskulatur lahmlegen lassen kann.
Für viele ersetzt das Toxin heute die Schönheits-OP. "Patienten legen sich heute seltener unters Skalpell und verlangen weniger nach großen Eingriffen wie zum Beispiel einem Facelift", sagt Kerstin van Ark von der Deutschen Gesellschaft der plastischen, rekonstruktiven und ästhetischen Chirurgen. "Die Anwendung von Botox ist mittlerweile zu einem der häufigsten kosmetischen Eingriffe in Deutschland geworden."
"Ich kann meine Augenbrauen nicht bewegen"
Dabei berichten viele nicht nur von schwindenden Falten, sondern auch von eingeschränkter Mimik. "Schau mal, ich kann meine Augenbrauen nicht bewegen." Solche Botox-Bekenntnisse findet man auf dem Internet-Portal YouTube zuhauf. Faltenlose Menschen versuchen, in ihre Web-Cams zu lachen oder die Stirn zu runzeln - vergebens. Leute allen Alters freuen sich online über die Kinderpopohaut in ihrem Gesicht und bemerken gleichzeitig: "Aber böse kann ich jetzt nicht mehr schauen." Zudem gehen Gerüchte um, dass einige Regisseure in Hollywood genervt sind. Close-ups seien gerade bei älteren Schauspielerinnen kaum mehr möglich, wird gemunkelt. Vorurteile seien das, hält Hermann Lampe dagegen. "Natürlich kann so was bei falscher Dosierung und Anwendung von Botox passieren. Aber wenn es korrekt gespritzt wird, ist das nicht der Fall."
Mehrere Monate hält der Botox-Effekt an. Dann heißt es entweder wieder mit Furchen leben oder zurück auf den Behandlungsstuhl. Glaubt man den Carruthers, dann lohnt sich der Aufwand. Denn man erhöhe mit Botox immerhin auch seine Karrierechancen. Gerne erzählen sie die Geschichte einer Kindergärtnerin, vor der alle Kinder Angst hatten, weil sie mit ihrer gerunzelten Stirn immer so finster aussah. Als sie sich schließlich für eine Botox-Behandlung entschied, verschwand die finstere Falte zwischen den Augen - und die Kinder lernten sie lieben. Naja.
Mit absoluter Sicherheit hat Botox dem Ehepaar Carruthers einen Karriereschub verpasst. Die Entdeckung des Faltenkillers machte die beiden zu Millionären.