Familiengeschichte - DER SPIEGEL
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Familiengeschichte: Eigenwillige Amtsführung

Foto: Rosemarie Dinse/privat

Familiengeschichte Eigenwillige Amtsführung

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Während sich der renitente Dorfpfarrer Pflanz Ende des 19. Jahrhunderts jeglicher Kritik an seinen Gottesdiensten widersetzte, wurde sein Sohn Julius Pflanz ein erfolgreicher Tierarzt. Beiden mangelte es nicht an einem ordentlichen Maß Exzentrizität.
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Mein Urgroßvater väterlicherseits war Landpastor und als solcher ein recht streitbarer Mann. Er wurde am 30. Januar 1835 geboren und verstarb am 6. März 1907. Während man meistens, wenn es um die Vorfahren geht, auf mündliche Überlieferungen angewiesen ist, gibt es über seine Streitbarkeit sogar noch Urkunden. Der Schriftwechsel zwischen ihm und seinem Konsistorium ist erhalten geblieben. Offenbar erschien er im letzten Krieg nicht wichtig genug, um ihn ebenso wie andere Urkunden, Schmuck, Tafelsilber und Teppiche von Berlin nach Niederschlesien auszulagern, wo dann alles, was man in Sicherheit wähnte, verloren ging.

Gegen den Pastor Pflanz nun erhob seine Gemeinde Schmersau in der Provinz Sachsen im Dezember 1872 bittere Beschwerde beim Königlichen Konsistorium zu Magdeburg. Oberhaupt der Beschwerdeführer war der Dorfschulze, der sinnigerweise den Namen Schulz trug. Die Beschwerdeführer behaupteten unter anderem Folgendes: Das verbürgte Recht der Gemeinde Schmersau auf den ersten Gottesdienst mache der Pastor Pflanz streitig, indem er ihn im Wechsel bei der Nachbargemeinde Natterheide abhalte. Zudem vermisse die Gemeinde fast jeden Sonntag die Fürbitte für "unseren König ..., unseren Landesvater und obersten Kriegsherren, für unser königliches Haus, für unseren tapferen königlichen Prinzen und für unser braves Kriegsheer".

Die Predigten, so hieß es, sprächen jeder Erbauung Hohn, stattdessen höre man von der Kanzel nur fanatische Ergüsse. Die Gemeinde scheine der wahren Lehren nicht würdig zu sein, würde aber mit Kollekten für seine Missionsstunden überschüttet und dann auch noch gerügt: Wer nicht mehr geben wolle, der solle es ganz lassen. Für die braven Krieger habe der Pastor Pflanz dann aber keine Liebesgabe, denn es seien unehelich geborene dabei. Bei der Beichte habe er erklärt, wer nicht echte Reue fühle, der schere sich raus. Damit habe er unbescholtene Leute vom heiligen Abendmahl zurückgewiesen. Man beendete die Beschwerde mit der vernichtenden Aussage: "Wahrer Seelensorger unserer Kirchengemeinde wird er nie."

"Er nahm zehntausend Brote und speiste zehn Menschen"

Das hohe Konsistorium konnte nicht umhin, die Beschwerden zurückzuweisen. Andererseits konnte es dem Pastor Pflanz aber auch nicht verhehlen, "dass wir aus dieser und anderen Beschwerden den Eindruck empfangen haben, dass Sie bei allem Ernst und bei aller Treue, womit Sie Ihr Amt führen und die wir gern anerkennen, es an der Vorsicht und Weisheit fehlen lassen, die dem Ernst und dem Eifer erst die Verheißung nachhaltigen Segens geben".

Durchgesetzt haben sich letzten Endes doch die Beschwerdeführer. Pastor Pflanz wurde in eine andere Gemeinde versetzt. Ob er dort mit mehr Vorsicht und Weisheit amtierte, ist nicht überliefert. Vielleicht hatte er es auch nur mit weniger aufsässigen Kirchgängern zu tun.

Nicht authentisch ist folgende Anekdote, die von ihm erzählt wird: Beim sonntäglichen Bibeltext versprach er sich und sagte: "Und dann nahm er zehntausend Brote und speiste damit zehn Menschen." Da sprang der Großknecht Hinnerk auf und rief: "Herr Paster, dat kunn ick ok!" Der Pastor biss sich auf die Lippen und schwieg. Am nächsten Sonntag wählte er jedoch den gleichen Text und wiederholte, diesmal richtig: "Und dann nahm er zehn Brote und speiste damit zehntausend Menschen. Nu, Hinnerk, kannst'e dat ok?" Darauf Hinnerk: "Je, Herr Paster, da nehm ich eben, was letzten Sünndag öwrig bliewen ist!"

Pastor Pflanz hatte neun Kinder, vier davon waren Söhne. Er hatte es nicht leicht, sie großzuziehen und ihnen eine angemessene Ausbildung zu ermöglichen. Was ein Pastor damals auf dem Dorf verdiente, war nicht viel mehr als ein besserer Hungerlohn. Da wundert es kaum, dass sein schwarzer Anzug, wenn er abgetragen war, gewendet wurde und dass er, wenn auch die Rückseite abgetragen war, erneut gewendet und dem ältesten Sohn vererbt wurde.

Auf Heller und Pfennig

Dieser älteste Sohn, geboren am 2. November 1865, war mein Großvater Julius Pflanz. Er hatte eine Menge von der Streitbarkeit und dem Durchsetzungswillen seines Vaters geerbt. Darüber hinaus hatte er eine tüchtige Portion Charme mit in die Wiege gelegt bekommen. Eine glückliche Mischung, wie sich herausstellen sollte.

Sein Vater, der Pastor, ermöglichte ihm ein Studium an der Tierärztlichen Hochschule in Berlin, das er - wohl nicht ganz ohne Druck von zu Hause - in kürzester Zeit abschloss. Vom Elternhaus hatte er überdies die Auflage mitbekommen, nun seinerseits seinen jüngeren Brüdern das Studium zu finanzieren. Der zweite Sohn wurde übrigens Pastor, der dritte auch Veterinär und der vierte Humanmediziner.

Ob stimmt, was man über meinen Großvater erzählt, ist nicht belegt, es würde aber durchaus zu seinem Charakterbild passen: dass er nämlich über die Auslagen für seine Brüder genau Buch führte und sich alles auf Heller und Pfennig von ihnen zurückzahlen ließ.

Ein gnadenloser Automobilist

Schon während des Studiums hatte Julius Pflanz seine spätere Frau kennengelernt, Elisabeth Freidank, ein grundgütiges Wesen, die jeder, der sie kannte, einfach gernhaben musste. Vielleicht rührte ihr guter Charakter daher, dass sie am gleichen Tag wie das Christkind geboren wurde: Am 24. Dezember 1869 erblickte sie das Licht der Welt.

Mein Großvater wurde Kreistierarzt in Kreuzburg in Oberschlesien. In diesem Amt hatte er unter anderem die Aufgabe, die Gänse zu kontrollieren, die aus dem polnischen Gebiet auf den Kreuzburger Bahnhof zur Verladung nach Berlin getrieben wurden. Das brachte pro Stück einen Groschen, ein ganz einträgliches Geschäft. Natürlich mussten auch "Proben" entnommen werden, die nutzbringend in der eigenen Küche verwertet wurden.

Neben seiner amtlichen Tätigkeit durfte er auch frei praktizieren. Sein Gehalt als Amtstierarzt stand voll seiner Frau zur Verfügung - für die Führung des ausgedehnten Haushaltes mit viel Personal, sowie als Taschengeld. Aus seiner privaten Praxis bezog er zusätzlich ein beachtliches Einkommen, das er für sich selbst beanspruchte. Auf alle Fälle konnte er es sich leisten, als erster im Kreis Kreuzburg ein Auto zu halten. Es war natürlich ein Daimler.

Den Wagen benötigte er auch für seine ausgedehnten Touren und nicht zuletzt für die Jagd. Und da sich bald herausstellte, dass die Autos zu jener Zeit noch nicht sehr pannensicher waren, schaffte er sich eben einen zweiten Daimler als ständige "Reserve" an. Damit kutschierte er nun entweder selbst herum oder ließ sich von einem Chauffeur fahren. Dabei führte er ständig eine Peitsche mit. Und wenn ein Bauernbursche vor ihm auf seinem Fuhrwerk herumdöste und - nicht gewöhnt an Autos - auch auf das Hupen nicht reagierte, dann soll ihm eben auch einmal die Peitsche um die Ohren geflogen sein.

Drei bleibende Erfindungen

Als Tierarzt machte Julius Pflanz einige Erfindungen, die ihm als erstem Absolventen der Berliner Tierärztlichen Hochschule den Ehrendoktortitel einbrachten, beispielsweise das Pflanz'sche Embryotom - ein Apparat, der dazu dient, zur Rettung eines trächtigen Muttertiers das ungeborene Kalb in dessen Leib zu zerstückeln. In verbesserter Form ist dieses Pflanz'sche Embryotom noch heute in Gebrauch und den Studenten der Veterinärmedizin bekannt.

Mein Großvater erfand auch die Stricheinteilung auf dem Spritzengehäuse, die es ihm erlaubte, bei der Massenimpfung von Tieren nicht ständig die Spritze zu wechseln. Schließlich konstruierte er noch eine Vorrichtung, die es ermöglichte, größere Tiere wie Pferde und Kühe in liegendem Zustand zu behandeln. Dazu wurden die Tiere an einer Wand festgeschnallt, die anschließend in die Waagerechte gekippt werden konnte.

Julius Pflanz starb am 25. September 1931. Seine Frau Elisabeth dagegen erreichte ein gesegnetes Alter. Sie erlebte noch meine Hochzeit, konnte eines ihrer Urenkelkinder auf dem Schoß halten und verstarb schließlich am 17. April 1957.