Familienschicksal eines BND-Spions - DER SPIEGEL
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DDR-Schicksal: "Die Verhöre haben sie umgebracht"

Familienschicksal eines BND-Spions "Wo ist denn meine Mama?"

Erst verhaftete die Stasi den Vater, der für den BND gearbeitet hatte. Dann setzten sie die Mutter so stark unter Druck, dass sie sich das Leben nahm: Auf einen Schlag verloren Hans und Gregor Weber 1965 beide Eltern. Auf einestages erinnern sich die Brüder an das Drama ihres Lebens.
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Strick sauber durchgerissen. Verwesungsprozess bereits eingesetzt, Madenbefall. Auf der Seite liegend aufgefunden. Zusammengesackt lag sie da, mit angewinkelten Beinen. "1200 Gramm Gehirnmasse" , notierte der Gerichtsmediziner, der die tote Frau damals untersuchte.

Was Hans Weber* da in den Akten las, zog ihm den Boden unter den Füßen weg. Vielleicht hätte er den Obduktionsbericht seiner Mutter nie lesen sollen. Nie die lange Büroklammer entfernen sollen, mit der die Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde in Berlin die Seiten so diskret verschlossen hatten.

Doch Weber fühlte sich stark, an jenem schwül-heißen Julivormittag 1997. Nachdem man ihn und seinen Bruder Gregor jahrzehntelang belogen und hingehalten hatte, wollten die beiden nun endlich die ganze, ungeschminkte Wahrheit erfahren. Dass die Wahrheit sie so umwerfen würde, damit hatten sie nicht gerechnet.

In der Nacht zum 4. September 1965, zehn Tage, nachdem ihr Vater Albert, ein BND-Spion, von der Staatssicherheit verhaftet worden war, schloss sich ihre Mutter Anna im Wohnzimmer ein und hängte sich am Querbalken des Fensters auf, während die zwei kleinen Jungs nebenan schliefen. Als sie aufwachten, war das Bett der Mutter leer. "Sie war außer sich vor Angst. Die Verhöre haben sie umgebracht", sagt Weber.

Uran aus dem Erzgebirge

Der 50-jährige Industriedesigner mit den freundlichen Augen und dem grauen Haar spricht leise und schnell. Er hat sich einen Apfelsaft bestellt, doch seine Hände zittern zu stark, als dass er das Glas zum Mund führen könnte. So bleibt es unberührt an jenem Abend im "Blauen Engel", einem kleinen Café direkt an der Kieler Förde.

Hier erzählt er sein Lebensdrama, bei gedämpftem Licht, Gläserklirren, Popgedudel. Auslöser für sein Redebedürfnis war ein einestages-Artikel über Ludwig Rehlinger: jener Mann, der ab 1963 von der Westseite aus den Freikauf von DDR-Häftlingen mit eingefädelt hat. "Er hat mein Leben entscheidend beeinflusst", schrieb Weber danach an die Redaktion.

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DDR-Schicksal: "Die Verhöre haben sie umgebracht"

Zum Treffen in den "Blauen Engel" hat Weber seinen zwei Jahre älteren Bruder Gregor mitgebracht. Der Hochschullehrer für Mathematik springt immer dann ein, wenn Hans nicht mehr weitersprechen kann. Tapfer, humorig, ganz der große Bruder. Wie Hans ist auch Gregor ein gebürtiger Ostdeutscher: 1954 schickte der Bundesnachrichtendienst Albert Weber und seine Frau Anna in die DDR - der Mineraloge sollte auskundschaften, von welcher Qualität das Uran war, das man in den Erzgebirgesstollen der Wismut abbaute und an die Sowjetunion lieferte.

Angeheuertes Stasi-Taxi, abgekartetes Spiel

Später brauste Vater Albert mit seinem MZ Motorrad durch den Osten, um Industrie- und Militäranlagen zu fotografieren. Dank des üppigen BND-Gehalts führte die Familie ein, so Hans, "privilegiertes Leben" - in ihrem Wohnzimmer stand eines der ersten Fernsehgeräte der Straße. Dann, in der Nacht zum 24. August 1965, Hans war gerade fünf und Gregor sieben Jahre alt, flog der Vater auf: Ein Untermieter hatte die Wohnung der Webers mit Wanzen abgehört.

Albert war gerade auf dem Weg zum Flughafen, als sein Taxi in einer Tempo-dreißig-Zone zu schnell fuhr und von zwei Volkspolizisten angehalten wurde. "Er musste nur noch umsteigen", so Hans. Ein angeheuertes Stasi-Taxi, ein abgekartetes Spiel. Albert wurde inhaftiert - nun war seine Frau dran. "Sie kamen morgens gegen halb sechs, ganz die alten Gestapo-Methoden", sagt Hans. Die Beamten nahmen die Mutter mit, die Söhne brachte man zu den Nachbarn in der Möllendorffstraße in Berlin-Lichtenberg.

Erst am Abend kehrte die Mutter zurück, völlig verstört. "Die Verhöre waren unter aller Kanone, das ging noch unter die Unterwäsche", sagt Hans, seine Stimme bebt. Dass sie frigide sei, keinen Spaß am Sex habe, all solche Dinge warf man der damals 34-Jährigen vor, um sie mürbe zu machen und die Namen weiterer BND-Spione aus ihr herauszupressen. Was man ihr sonst noch androhte, steht nicht in den Stasi-Akten.

"Kein Ziel und keine Aufgabe mehr"

In den kommenden Tagen irrte Anna Weber, offenbar von panischer Angst getrieben, durch Berlin, auf der Suche nach Hilfe. Sie sprach mit dem Chef ihres Vaters sowie mit einem Juristen, doch keiner konnte ihr die Angst nehmen. Sie "habe kein Ziel und kein Aufgabe mehr, sie habe mit allem abgeschlossen", gestand Anna Weber den Akten zufolge einer Nachbarin.

Ihre Kraft reichte noch, um einen Kuchen für die Kinder zu backen und ihren Schmuck in den Sekretär zu sperren. Dann, am Samstagmorgen, dem 4. September, war Anna Weber fort. Aus dem Leben ihrer Söhne verschwunden.

"Eine ganze Welt brach zusammen", sagt Gregor. Auf der Suche nach ihrer Mutter stellten der damals Siebenjährige und sein kleiner Bruder Hans fest, dass die Wohnzimmertür verriegelt war. Sie dachten sich nichts dabei. Die Tür blieb verschlossen. "Das war öfter so, hier stand ja der Fernseher drin", so Gregor.

Tür an Tür mit der toten Mutter

In ihrem Schock reagierten die Brüder wie kleine Erwachsene: Sie setzten die Alltagsroutine alleine fort. Gregor schmierte Stullen, brachte Hans in den Kindergarten, ging zur Schule. Zwei Tage und Nächte wurschtelten sich die beiden alleine durch, ohne sich jemandem anzuvertrauen. Ahnungslos, Tür an Tür mit der toten Mutter.

Erst als Hans eine alte Dame im Treppenhaus fragte: "Wo ist denn meine Mama?", wurden die Nachbarn hellhörig und verständigten die Polizei. "Gregor machte den Eindruck, als ob er stets nach innen weint", gab eine Hausbewohnerin später zu Protokoll. Da Albert Weber zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt worden war, brachte die Jugendfürsorge Hans und Gregor zum Großvater nach Weimar. Was mit Anna Weber geschehen war, erfuhren sie nicht.

"Eure Mutter ist im Krankenhaus", hieß es stets. Irgendwann verplapperte sich der Großvater im Zorn und verriet, dass sie gestorben war. Woran, blieb weiter unklar. Gregor und Hans litten, jeder auf seine Weise. Während Gregor offen trauerte, stahl Hans seiner Großmutter Geld aus dem Portemonnaie. "Das war unsere Rettung. Fortan hielt mich der Staat für schwer erziehbar. Schlechtes Menschenmaterial, das auch rüber in den Westen kann", sagt Hans und lacht ein bitteres Lachen. Und genau so kam es.

Per Dampflok in den Westen

Nachdem der einstige BND-Spion Albert Weber 1968 - auf Betreiben Ludwig Rehlingers und seiner Kollegen - von der BRD freigekauft worden war, gab die DDR im Jahr darauf einem Antrag des Vaters auf Nachreise der beiden Söhne in den Westen statt. Ende August 1969, genau vier Jahre, nachdem Gregor und Hans über Nacht beide Eltern verloren hatten, zuckelten sie mit einer Dampflok in Gerstungen über die Grenze.

Hans wurde einer großen Kinderillusionen beraubt: "Ich dachte immer, dass im Westen alle Bäume rot sind." Doch es sah genauso aus wie in der DDR - nur dass es sich besser anfühlte. Weil die Kinder nun bei ihrem Vater waren. Ab jetzt wuchsen Hans und Gregor in Kiel auf, im Trubel einer Patchworkfamilie: Ihr Vater hatte erneut geheiratet und mit seiner neuen Frau vier weitere Kinder bekommen.

So langsam verblasste die Erinnerung an die Mutter. Bis Gregor eines Tages einen Radiergummi im Schreibtisch des Vaters suchte, dessen Lebenslauf fand und ihn der Halbsatz ansprang: "Als meine Frau freiwillig aus dem Leben schied". Details verriet der Vater nicht. Er starb im Januar 1997. Ein halbes Jahr später fuhren die Brüder nach Berlin, um die ganze Wahrheit in Erfahrung zu bringen.

"Wir dürfen nichts vergessen"

Sechs dicke, graue Leitz-Ordner schleppte der Mitarbeiter der Stasi-Unterlagen-Behörde heran. Hunderte von eng betippten, abgegriffenen Seiten, Verhörprotokolle des Vaters, der Mutter, der Nachbarn, Arbeitskollegen. Und mittendrin der Obduktionsbericht von Anna Weber. Schwarzweißaufnahmen des Wohnzimmers, des Stricks, des Fensterkreuzes. Und der toten Anna Weber, seltsam verdreht auf dem Fußboden liegend.

Anschließend fuhren die Brüder in die Möllendorffstraße. Das Haus ihrer Kindheit war gerade eingerüstet, Hans kletterte bis zum dritten Stock hoch. Er blickte in die alte Wohnung, inspizierte das Fenster, an dem sich die Mutter erhängt hatte. Dann rasten die beiden mit dem Auto zurück nach Kiel.

Während Gregor von einer dumpfen Wut gepackt wurde, litt Hans monatelang unter Schlaflosigkeit und Konzentrationsstörungen. Er konnte kaum essen, nur mit allergrößter Mühe arbeiten gehen. "Ich hätte mir die Akte meiner Mutter nie ansehen dürfen", sagt Hans Weber, die Hände überm Bauch verschränkt, um das Zittern zu unterdrücken.

Warum er darüber reden möchte, wo es ihm doch noch immer so schwer fällt? "Ich muss es tun, wir dürfen nichts vergessen. Das war ein korruptes, böses System", sagt er. Hans Weber hat einen Lehrauftrag an der Hochschule, die jungen Leute dort seien desinteressiert und ahnungslos, manche würden Sprüche machen wie: "War doch nicht alles schlecht." Doch das stimme nicht: "Wenn eine Suppe versalzen ist, schmeckt auch das Rindfleisch darin schlecht."

Dann bedanken sich die beiden Brüder höflich fürs Zuhören und verabschieden sich in den Kieler Nieselregen.

*Sämtliche Namen wurden von der Redaktion geändert.