Ferien am Schwarzen Meer - DER SPIEGEL
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Ferien am Schwarzen Meer: Per Anhalter ins Paradies

Foto: hajo Obuchoff

Ferien am Schwarzen Meer Per Anhalter ins Paradies

Mediterran - den Begriff kannte er, gern hätte er auch gewusst, wie es sich anfühlt: Statt ans Mittelmeer reiste DDR-Bürger Hajo Obuchoff 1969 an die bulgarische Riviera - und fand nicht weniger als das Paradies. Zumindest für kurze Zeit.
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Glasklares Wasser, idyllische Strände und palmengesäumte Uferpromenaden und das alles unter einem azurblauen Himmel. Paradiesisch musste es sein, das ferne Mittelmeer. Damals, 1969, hatte es nur einen entscheidenden Fehler: Es befand sich auf der falschen Seite des Eisernen Vorhangs. Also fuhren zwei Studienfreunde und ich stattdessen an die bulgarische Schwarzmeer-Riviera, wo wir uns die Erfüllung unserer mediterranen Sehnsüchte erhofften.

Nach einem zweitägigen Zwischenstopp in Budapest, wo wir auf der Margareteninsel in Schwefelquellen die Seele hatten baumeln lassen, ging es weiter ins rumänische Bukarest, wo sich zur gleichen Zeit Richard Nixon angekündigt hatte. Die rumänischen Pioniere empfingen den US-Präsidenten, der für meine Freunde und mich ein übler Typ und für den Vietnamkrieg verantwortlich war, feierlich mit US-Fahnen. Rumäniens außenpolitische "Öffnung nach allen Seiten" und seine renitente, anti-sowjetische Haltung innerhalb des Warschauer Paktes waren der Grund für dieses kuriose Ereignis, und während der Präsident des Krieg führenden Landes der unbegrenzten Möglichkeiten in der Stadt weilte, wunderten wir uns über die Bettler an den Bukarester Straßenecken. So etwas kannten wir bislang nur aus Filmen.

Am selben Abend noch stiegen wir dann in den Zug nach Sofia, wo wir zwei Tage bei einer Brieffreundin wohnten, der Tochter des stellvertretenden, bulgarischen Landwirtschaftsministers. Ich hatte Halsschmerzen bekommen, und der bulgarische Pflaumenschnaps, den man mir nach unserer Ankunft als Medizin verabreichte, schmeckte nicht nur köstlich, sondern brachte auch die Halsschmerzen zum Verschwinden, so dass unserer Weiterreise am nächsten Tag nichts mehr im Wege stand. Es war die letzte große Etappe unserer Reise. Wir wollten endlich ans Meer - und zwar per Anhalter.

Paradiesisch: Zu dritt im Zweimannzelt

An einer Sofioter Ausfallstraße hielt nach drei Stunden ein klappriger Lkw russischer Bauart, auf dessen Ladefläche schon einige ältere Bauern saßen, und nahm uns mit. Die Fahrt endete irgendwo in einem kleinen Dorf im Gebirge, in dem wir an einem Kiosk mit neugierigen Dorfbewohnern bulgarisches Bier tranken und Kebab aßen, und da wir schon die Hälfte der Strecke geschafft hatten, beschlossen wir, unser Zelt aufzuschlagen, und erst am nächsten Morgen weiterzutrampen.

Nach einer halsbrecherischen Fahrt durchs Balkangebirge in einem Moskwitsch-Pickup bekamen wir am nächsten Tag kurz vor Sonnenuntergang - endlich! - das Schwarze Meer zu sehen. Unser rabiater Chauffeur wünschte uns Glück und entließ uns in die Weite der Küstenlandschaft bei Burgas im Süden des Landes. Der nahe gelegene Campingplatz, den wir schnell fanden, war unerschwinglich. Also suchten wir uns an der wilden Felsenküste ein Plätzchen, wärmten über einem kleinen Lagerfeuer eine unserer vor der Abreise gehamsterten Erbsendosen auf, aßen und legten uns gesättigt schlafen, in unser altes Zweimannzelt übrigens, das uns, schlank wie wir waren, ausreichend Platz bot.

Alles war perfekt in den nächsten Tagen: Zwischen den Felsen, im warmen, glasklaren Wasser ließ es sich wunderbar tauchen und die Sonne brannte unaufhörlich. Das Mittelmeer konnte unmöglich paradiesischer sein. Nur Fische waren leider Mangelware, so dass unsere russische Harpune nicht zu Selbstversorgungszwecken zum Einsatz kommen konnte.

Zelten zwischen Franzosen und Westdeutschen

Am dritten Morgen in unserem nicht umzäunten Privatparadies wurden wir unsanft geweckt und von einem Milizionär vertrieben. Über Sosopol trampten wir weiter nach Süden, bis wir in Primorsko ankamen. Im Dunkeln schlichen wir uns auf einen Campingplatz und bauten unser Zelt neben einer Gruppe junger Franzosen auf. Am nächsten Tag glaubten die Platzkontrolleure wohl, wir gehörten dazu. Jedenfalls bemerkten sie zu unserer Freude nicht, dass wir nicht bezahlt hatten.

Auf dem Zeltplatz mischten sich Leute aus Ost und West, und nach anfänglichem Misstrauen akzeptierten die Franzosen uns. Am Strand und abends in den Bars schlossen wir uns ihnen an, während wir zu unseren westdeutschen Altersgenossen kaum Kontakt hatten. Die meisten von ihnen spielten sich ziemlich auf, wie wir fanden. Mit der D-Mark im Portemonnaie gehörten sie schließlich zu den Begüterten. Die Franzosen schienen bescheidener zu sein.

Unsere knappen Finanzen schmolzen in der bulgarischen Sonne nur so dahin - trotz radikaler Sparmaßnahmen. Schließlich ernährten wir uns nur vom Billigsten, von Aprikosen und Melonen sowie von Weißbrot und Olivenöl, das überall in den Restaurants auf den Tischen stand; Wasser tranken wir aus der Leitung. Nach einer kurzen aber ereignisreichen Woche war es schon soweit. Es hieß Abschied nehmen.

Zurück in die Realität

Von der Küstenstadt Varna aus wollten wir mit dem Zug zurückfahren. Es hieß also noch einmal Trampen. Vor Sosopol hielt ein schwerer Kipper. Der Fahrer wollte uns zwar nicht nach Varna mitnehmen, dafür hatten es ihm unsere Sportschuhe der DDR-Nobelmarke ZEHA angetan. Er bekam mein abgelatschtes Paar für stolze acht Lewa. Die umgerechnet 32 DDR-Mark waren ein kleines Vermögen. Vor Freude bestellten wir in einem Restaurant zum ersten Mal ein richtiges Essen.

Wir schafften es am selben Tag noch bis nach Burgas, wo wir in einem Rohbau schliefen, nachdem man uns aus dem Bahnhofsgebäude geworfen hatte. Uns schmerzten zwar die Knochen am nächsten Tag, aber dafür erwartete uns eine Fahrt mit einer Kometa, einem Tragflächenboot russischer Bauart. Es brachte uns bis nach Varna, wo wir ein letztes Bad im Schwarzen Meer nahmen und am Abend den Zug nach Prag bestiegen.

Es war der 21. August, als wir in Prag ankamen. Genau ein Jahr zuvor waren die Truppen des Warschauer Paktes mit Panzern in Prag eingerückt. An diesem Sonntag war der Wenzelsplatz fast menschenleer. Auf der Suche nach einem kühlen Bier vor unserer Abreise nach Berlin sahen wir nur eine Dreierpatrouille den Platz auf- und ablaufen, zwei Soldaten und einen Milizionär. Schneller als gedacht waren wir zurück aus dem Paradies - und mitten in der Realität.