Flucht aus Jugoslawien: Erwachen aus dem Traum vom "Reich"
Flucht aus Jugoslawien Erwachen aus dem Traum vom "Reich"
Anfang Oktober 1944 marschierte die rote Armee in unser Dorf Deutsch Zerne (heute Srpska Crnja) in Jugoslawien ein. In ihrem Gefolge die zu Recht gefürchteten Partisanen Titos. Kurz zuvor wurde ich, damals zehn Jahre alt, zusammen mit meiner drei Jahre älteren Schwester mit einem Transport der Kinderlandverschickung in letzter Minute evakuiert. Meine Mutter blieb mit den älteren Schwestern und dem zweijährigen Nesthäkchen zurück. Mein Vater und mein Bruder waren schon seit 1942 "eingerückt".
Der Abschied an dem kleinen Bahnhof meines Heimatdorfes Deutsch Zerne war von bangen Ahnungen und Trennungsschmerz geprägt. Doch bei mir überwog fast die naive Vorfreude eines Zehnjährigen auf "Das Reich" - dahin sollte unsere Reise ja gehen. Denn nur da - so hatte man es uns und unseren Eltern gesagt - konnte ein regelmäßiger Schulbesuch für Kinder aus den bedrohten Gebieten gewährleistet werden.
Für die relativ kurze Strecke bis zu unserer Kreisstadt Groß Betschkerek (heute Zrenjanin) brauchte unser Zug allerdings sehr lang - immer wieder blitzten aus den Mais- und Sonnenblumenfeldern entlang der Strecke Mündungsfeuer auf. Auf die Partisanen, die sich in den ausgedörrten, mannshoch bewachsenen Feldern verbargen, wurde schließlich aus einem uns entgegenkommenden Panzerzug gefeuert. Und bald standen große Flächen der Äcker um uns herum in hellen Flammen. Das hatte für uns Jungs durchaus etwas Abenteuerliches an sich. Doch die Aufregung schlug in Missmut um, als wir später in der Kreisstadt in strömendem Regen auf die LKWs warteten, die uns zum Ufer der Theiß - einem Nebenfluss der Donau - bringen sollten. Wir mussten von einem Ende der Stadt zum anderen laufen, bis wir endlich von einem LKW aufgelesen wurden.
Es war schon spät am Abend, als wir schließlich über einen sehr schmalen Steg auf das wartende Schiff - eigentlich eher ein Lastkahn - geleitet wurden. Während wir das Schiff bestiegen sahen wir dunkle Gestalten durch die Auwälder huschen. Partisanen? Es wurde aber nicht geschossen. Schließlich waren dann alle im Bauch des Getreide-Lastkahns untergebracht. Hier saßen meist ältere Leute aus der Kreisstadt dichtgedrängt auf langen Bankreihen ohne Lehne. Es herrschte ein gedämpftes Stimmengewirr. Wir schlängelten uns durch die Reihen und waren froh, als wir endlich ein paar freie Plätze ergattern konnten. Als das Schiff ablegte, folgte eine fürchterliche Nacht. Völlig übermüdet nickte ich im Sitzen ein und hatte immer wieder denselben Traum: Meine Mutter weckte mich mit den Worten: "Aufstehen, du musst zur Schule!"
Wir hörten die Schüsse
Am nächsten Tag kamen wir in Werbas (heute Vrbas) an. Hier sollte der endgültige Transport zusammengestellt werden. Es vergingen zwei oder drei Tage, an denen wir frei in der kleinen Stadt herumstreiften. Hier sah ich wie eines Abends ein Trupp seltsam aussehender Menschen auf den Marktplatz getrieben wurde. Sie schleppten schwere Rucksäcke und sahen mehr tot als lebendig aus. Unbarmherzig trieb die Begleitmannschaft diese armseligen Gestalten an. Als wir näher kamen, sahen wir den gelben Judenstern an ihren Lumpen. Die uniformierten Begleiter hatten an den Ärmeln das sogenannte Pfeilkreuz, was sie als Angehörige der ungarischen Abart der SS kennzeichnete. Diese verrohten Kerle ließen nun diese Menschen, die sich kaum noch aufrecht halten konnten, in Reih und Glied antreten und veranstalteten ein makabres Exerzieren. In kurzen Abständen brüllten sie: "Hinlegen, auf, hinlegen, auf ..." Das ging eine ganze Weile so. Und um die sadistischen Quälereien noch zu steigern, gingen einige der Uniformierten durch die Reihen der Liegenden und verpassten denen, die auch nur ein klein wenig den Kopf hoben, um nicht in dem Schlamm, der den Platz bedeckte, zu ersticken, kräftige Hiebe mit dem Gewehrkolben. Als dann das letzte Kommando "Auf" kam, schafften es einige der völlig entkräfteten Menschen nicht mehr und blieben einfach im Dreck liegen. Jene die sich noch weiter schleppen konnten, wurden abgeführt - wohin wusste man nicht. Die Liegengebliebenen wurden von einigen der Uniformierten weggeschleppt. Als wir in unserer kindlichen Neugier folgen wollten, wurden wir weggejagt - doch die Schüsse hörten wir dennoch.
Dieses Ereignis holte mich mit einem Schlag aus meinen Träumen vom wunderbaren "Deutschen Reich", das wir doch so verherrlicht hatten als sogenannte Volksdeutsche. Und es fiel mir eine Geschichte ein, die sich erst einige Monate zuvor in unserem Dorf zugetragen hatte, und deren Zeuge ich zusammen mit meinen Spielkameraden wurde: Es standen Lastwagen der Deutschen Wehrmacht auf unserem Dorfplatz. Die Augustsonne sengte mit voller Kraft auf ein Häufchen schon ziemlich mitgenommener Männer, die mit erhobenen Händen auf einem Lastwagen standen. An den Seiten saßen Wehrmachtssoldaten mit Gewehren, und immer, wenn den Stehenden die Arme vor Schwäche nach unten sanken, stießen sie von unten mit dem Gewehrkolben dagegen, worauf die Gefangenen ihre Arme wieder in die Höhe schnellen ließen. Dieses Schauspiel dauert einige Zeit, bis sich endlich der Konvoi Richtung Ortsausgang in Bewegung setzte.
Mein Onkel, der nicht zur Wehrmacht eingezogen wurde und Angehöriger des Heimatschutzes war, erzählte später, dass es sich um die ortsansässigen Juden gehandelt habe. Darunter unser beliebter Arzt Dr. Stein. Sie waren schon am Tag zuvor aus ihren Häusern geholt und über Nacht im Gemeindegefängnis untergebracht worden. Als er zur Wache eingeteilt wurde, beteiligte sich mein Onkel nicht an Misshandlungen - im Gegenteil: Entgegen der Anordnung, den Gefangenen nichts zu essen oder trinken zu geben, hatte er einigen Wasser aus seiner Feldflasche gegeben. Was ihm einen entsprechenden Anschiss einbrachte.
Eine Flucht vor den anrückenden Russen
Das alles ging mir hier auf dem Weg in dieses "Reich", das diese schrecklichen Dinge doch wohl zu verantworten hatte, durch den Kopf. Von da an waren meine Gefühle dem ganzen gegenüber sehr gemischt. Mit dem Transport per Bahn ging es dann durch Ungarn nach Österreich - damals die "Ostmark". Nach einigen Bombennächten in Wien, machten wir Zwischenstation am Achensee, wo ich das erste Mal in meinem Leben riesig hohe Berge sah. Hier wurden wir endgültig nach Geschlechtern getrennt: Meine Schwester kam mit den Mädchen in ein anderes Lager und ich blieb nun als Jüngster bei den Jungs zurück. Nach abermaliger Zugfahrt endete unsere Reise vorläufig in einem kleinen Kuhdorf in Niederbayern. Hier kamen wir mit Jugendlichen aus anderen Gemeinden zusammen in ein provisorisches Lager. Es war eine typisch bayrische Gaststätte, deren Tanzsaal zu unserem Schlafsaal umfunktioniert wurde. Hier konnte ich mich auch nicht mehr dem obligatorischem vormilitärischen Drill entziehen, was in unserem Dorf noch durchaus möglich gewesen war. Es war schon eine Zumutung, uns bei herbstlichem Schmuddelwetter durch den Dreck robben zu lassen und gleichzeitig zu verlangen, dass wir zum abendlichen Appell wieder wie aus dem Ei gepellt antraten - zumal wir keine Kleidung zum Wechseln hatten. Unser Gepäck war auf der Reise einfach irgendwo verschwunden.
Unser Aufenthalt in dem Dorf endete mit dem Jahreswechsel '44/'45. Wir wurden in das sogenannte Protektorat Böhmen und Mähren verlegt. In dem kleinen Ort in Böhmen war wenigstens die Verpflegung noch in Ordnung. Doch schon Anfang März ging es wieder über Prag Richtung Westen. Für uns war klar: es war eine Flucht vor den anrückenden Russen.
Mit der Bahn ging es allerdings nur bis zur bayrischen Grenze. Hier bei Furth im Wald wurde unsere Lok bei einem Tieffliegerangriff zerschossen. Nun hieß es marschieren. Unterwegs hatte ich dann das dritte schlimme Erlebnis: Vor uns auf denselben Wegen wurden auch Gruppen von sogenannten KZlern gen Westen getrieben. Während wir in den Dörfern noch in Scheunen schlafen konnten und ab und zu auch von den Bauern verpflegt wurden, bekamen die zum Skelett abgemagerten KZler höchstens geviertelte Futterrüben, die sie aber gierig verschlangen. Das Furchtbarste war aber, dass wir im Straßengraben immer wieder offensichtlich durch Genickschüsse getötete Menschen sahen.
Geschützrohre tauchten über dem Hügelkamm auf
Eines Morgens auf unserem Marsch kamen wir gerade aus einem Dorf, als plötzlich ein Brummen zu hören war. Das kannten wir schon. Tiefflieger! Schnell schlugen sich alle in den Straßengraben. Doch das Brummen war diesmal anders, es schwoll nur langsam an und Flieger waren auch nicht am Himmel zu sehen. Nach einigen Minuten, hoben wir vorsichtig die Köpfe. Geschützrohre tauchten über dem Hügelkamm auf. Kurz darauf kamen die dazugehörigen Panzer ins Bild. Russen! Wie auf Kommando machten wir kehrt und rannten ins Dorf zurück - ich mit einigen anderen in die erste Scheune, andere rannten weiter. Dann verging eine endlos lange Zeit. Durch die Ritzen der Scheune sahen wir wie Panzer nach Panzer auf der Dorfstraße vorbeirollte. Dann Lastwagen nach Lastwagen und schließlich die Jeeps (den Ausdruck kannten wir allerdings noch nicht). Dann war es ruhig. Außer ein paar Leuchtspurgeschossen war kein Schuss gefallen. Nun war guter Rat nötig. Wie konnten wir dieser Situation heil entkommen? Erst beschlossen die Älteren, sämtliche Abzeichen, Armbinden und ihre Ausweise zu vernichten. In einem kleinen Feuer auf dem Scheunenboden verkohlten sie alle verräterischen Zeichen des Dritten Reiches. Dann verließen wir unser Versteck, mit einer weißen Fahne, bestehend aus einem nicht mehr ganz sauberen Unterhemd an einem Rechenstiel.
Alles war ruhig, kein Mensch war zu sehen. Auf dem Kirchplatz trafen wir dann einen einzelnen Soldaten, der uns fremdartig erschien. Als wir uns vorsichtig näherten, sagt er. "Was wollt ihr? Habt ihr Hunger? Wollt ihr Brot?" Sein Akzent war allerdings nicht russisch - es war ein Amerikaner! Gleichzeitig sahen wir unseren Lagerleiter, der am Eingang des Wirtshauses stand und uns zu sich winkte. So erlebte ich im April 1945 das vorläufige Ende meiner Odyssee.