Flucht nach Westberlin: Schlüsselerlebnis ohne Schlüssel
Flucht nach Westberlin Schlüsselerlebnis ohne Schlüssel
Sie entkamen in letzter Sekunde: Kurz vor dem Bau der Mauer beschloss die Familie von Peter Harri Gehrmann, die Flucht aus der DDR zu wagen. Und schmiedete einen Plan, in dem ein Gartentor, ein Kinderwagen und ein Haufen selbst geerntetes Gemüse entscheidende Rollen spielten.
Der Bau der Mauer im Sommer 1961 war ein Staatsgeheimnis der DDR. Doch nur wenige Wochen, bevor mit dem Bau der Mauer - entgegen aller Beteuerungen Walter Ulbrichts, niemand habe die Absicht, sie zu errichten - begonnen wurde, hatte mein Vater das richtige Bauchgefühl. Er beschloss, mit seiner Familie in den Westen zu fliehen.
Ausgangspunkt unserer Flucht sollte unser gepachteter Schrebergarten sein, denn der lag nah an der Sektorengrenze. Von der Gartenkolonie aus führte ein kleiner Weg in Richtung Westberlin, den wir benutzen wollten. Zwar lag der hinter einem riesigen Gartentor, das für meinen Vater wegen seines Holzbeins eigentlich ein unüberwindliches Hindernis gewesen wäre - doch das Tor stand immer offen.
Zu unserem Glück war gerade Erntezeit: Zu dieser Zeit war es nicht unüblich, seinen Garten mit reichlich Gepäck zu besuchen, und es war erlaubt, dort in lauen Nächten auch zu übernachten. Und so fiel es den Kontrolleuren gar nicht auf, dass wir nach und nach unser wichtigstes Hab und Gut in den Schrebergarten karrten. Ein weiterer Vorteil: Unsere Ernte konnten wir zum Sichtschutz über die Sachen legen, die wir in einem Kinderwagen verstaut hatten, um sie in den Westen mitzunehmen.
Natürlich konnten wir in diesem kleinen Wägelchen bei weitem nicht all unsere Habseligkeiten mitnehmen. Unsere wichtigsten persönlichen Güter lagerten wir darum schon Anfang August vor unserer Flucht Stück für Stück in der Garage von Verwandten im Westberliner Bezirk Steglitz ein. Der Letzte dieser Besuche fand am 10. August statt - dem letzten Tag vor unserer geplanten Flucht. Es lief ab wie immer: Wir klingelten nur kurz bei unseren Verwandten an der Tür, und ohne uns hereinzulassen, warfen sie den Garagenschlüssel aus dem zweiten Stock zu uns herunter. Wir verstauten anschließend wie sonst auch unsere Habseligkeiten akkurat in der Garage. Nur eines lief an diesem Tag anders als sonst: Wir vergaßen, den Schlüssel anschließend wieder zurückzugeben.
Und dann war er da, der Tag der Flucht: Wir gingen den gleichen Weg wie immer zu unserer Gartensiedlung, die letzte Ladung unserer allerwichtigsten persönlichen Gegenstände im Gepäck. Im Schrebergarten angekommen kramten wir unsere dort gelagerten Sachen zusammen und machten uns auf den Weg - und erstarrten vor Schreck: Das große Gartentor, unser Tor nach Westberlin, war verschlossen!
Ans Klettern war wegen des Holzbeins meines Vaters nicht zu denken. Also probierten wir panisch aus, ob zufällig irgendeiner unserer Schlüssel in das Schloss des Tores passte. Schlüssel zur Wohnung, zur Arbeitsstelle, zum Garten - keiner wollte das Tor öffnen! In letzter Verzweiflung fand mein Vater in seiner Hosentasche den Schlüssel der Garage in Steglitz, den er vergessen hatte, zurückzugeben. Und wie durch ein Wunder glitt der Schlüssel ins Schloss, drehte sich, und unser Weg in den Westen stand frei! Erleichtert machten wir uns auf, allerdings nicht ohne - gewissenhaft wie wir Deutsche sind - das Gartentor hinter uns wieder abzuschließen.
Keiner aus unserer Familie hat diesen 11. August je vergessen - er ist eine Art zweiter Geburtstag. Noch heute wird bei uns auf jeder Familienfeier immer wieder gerne und ausgiebig über unsere ungewöhnliche Flucht philosophiert - und natürlich ganz besonders über unser "Schlüsselerlebnis".