Fluglotsen-Streik: Als uns Honecker den Urlaub rettete
Fluglotsenstreik Als uns Honecker den Urlaub rettete
Bizarre Szenen spielen sich im Juli 1973 am Flughafen Hannover ab: Innerdeutsche Linienflüge werden aufgerufen, Passagiere checken ganz normal ein, werden dann vom Personal zur Gangway gebracht - nur dass an deren Ende kein weiß-blau lackierter Lufthansa-Flieger wartete, sondern ein ganz normaler Reisebus, der die Passagiere über die Autobahn nach Frankfurt kutschiert. Das Ganze war eine Folge des Bummelstreiks, den die Fluglotsen im Frühsommer begonnen hatten: "go slow" hieß die Devise für den Dienst nach Vorschrift, "sick out" das gezielte Krankmelden ganzer Schichten, um an den Flughäfen den Luftverkehr zusammen brechen zu lassen. Mit Erfolg: So startete etwa von Hannover aus mehrere Tage lang keine einzige Maschine.
Den Lotsen ging es damals um bessere Bezahlung, mehr Personal und um Entlastungen bei den Arbeitsbedingungen. Immer wieder verwiesen sie auf das doppelt so hohe Gehalt ihrer Kollegen in den USA oder bei der europäischen Flugsicherungsbehörde "Eurocontrol" und erinnerten die Bundesregierung an zum Teil mehrere Jahre alte Zusagen, die technische Ausstattung der Tower zu verbessern - vergeblich. Eines der wesentlichen Probleme aus ihrer Sicht: Der Beamtenstatus der Lotsen verhinderte eine leistungsgerechte Bezahlung - daran änderten auch 265 Mark monatliche "Erschwerniszulage" und eine 37-Stunden-Woche (gegenüber 42 Stunden im normalen öffentlichen Dienst) nichts. Der Beamtenstatus allerdings war auch mit einem Streikverbot gekoppelt, und so hatten die Flugleiter sich auf den Dienst nach Vorschrift besonnen.
Staatsanwaltschaft gegen Bummel-Streikende
Dabei waren die Lotsen ursprünglich gar keine Beamten gewesen. Anfang der sechziger Jahre hatten sie schon einmal einen Lohnzuschlag gefordert und dafür 36 Stunden lang gestreikt - mit der Folge, dass der damalige Verkehrsminister Hans Christoph Seebohm die deutsche Flugsicherung dem Beamtenrecht unterwarf, um solche Störungen in Zukunft auszuschließen.
Die 1973er Aktionen der Fluglotsen fielen in eine Zeit, in der in Westdeutschland ohnehin viel protestiert wurde. So hatte es im Frühjahr bereits wilde Streiks in der Metallindustrie gegeben, auch die Drucker hatten für ihre Lohnforderungen mehrmals die Arbeit niedergelegt, und die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) forderte einen aus heutiger Sicht exorbitanten Gehaltszuwachs von 15 Prozent. Als dann auch noch während der Sommerferien auf den Flughäfen das Chaos ausbrach, reagierte Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen, der ohnehin schon politisch unter Beschuss gestanden hatte, mit Härte: Der SPD-Politiker, Spitzname: "Laulau", ließ von der Staatsanwaltschaft prüfen, ob die bummelnden Fluglotsen wegen Nötigung eines Verfassungsorgans angeklagt werden könnten.
Und die Situation schaukelte sich schnell hoch: Während die Staatsgewalt auf Ermittlungsverfahren und Hausdurchsuchungen setzte, während verärgerte Piloten den Lotsen die vermeintliche Gefährdung des Luftverkehrs vorwarfen und eigenmächtig Kontrolltrupps in die Flughafen-Tower schicken wollte, schweißte der äußere Druck die Fluglotsen eher noch zusammen. Dass sie in ihrer hoch spezialisierten Arbeit kaum zu ersetzen waren, bestärkte sie in ihrem Protestwillen - und sorgte gleichzeitig für den Vorwurf, sie würden mit ihrem Spezial-Können den Staat und seine Bewohner quasi als Geiseln nehmen. Lauritzen-Amtsvorgänger Georg Leber unterstellte den Fluglotsen bei ihrem Bummelstreik "Methoden einer Gang", und der SPIEGEL titelte im Juli 1973: "Lotsenstreik - Diktatur der Spezialisten?" Im Rückblick erinnert die Debatte frappierend an die späteren Streiks anderer kleiner Berufsgruppen, etwa der Piloten oder, ganz aktuell, der Lokführer.
Strafzahlungen in Raten
Der wirtschaftliche Schaden des Lotsen-Streiks war jedenfalls enorm. 100 Millionen Mark, so hatte das Kanzleramt unter Willy Brandt ausrechnen lassen, kostete der Bummelstreik alleine in den ersten fünf Wochen. Reiseveranstalter mussten Verträge stornieren, genervte Reisende hatten nicht nur mit den 40.000 ausgefallenen Verbindungen, sondern auch mit der Verspätung von weiteren 80.000 Flügen zu kämpfen. "Eine Nervenprobe für Reiseunternehmer und Urlauber" konstatierte die Süddeutsche Zeitung. Ein Hamburger Charterflug-Unternehmen sah keine andere Möglichkeit, als mitten im Kalten Krieg für seine Abflüge nach Neapel ausgerechnet in Ost-Berlin um die Erteilung von Überflug-Rechten zu bitten. Und das Wunder geschah: Zwei Fokker-Maschinen konnten über die DDR in Richtung Urlaub fliegen.
Am Ende des mehrmonatigen Streits gab es einen faulen Kompromiss: Die Lotsen brachen ihren Dienst nach Vorschrift ab, nachdem die Bundesregierung den Fluglotsen-Verband für die rund sechsmonatige Aktion auf millionenschweren Schadensersatz verklagt hatte. Schließlich wurde ein Vergleich geschlossen: 1200 gegen Fluglotsen angestrengte Strafverfahren wegen Freiheitsberaubung und Nötigung eines Verfassungsorgans wurden eingestellt, die Berufsverband stotterte 1,5 Millionen D-Mark in Ratenzahlungen ab - und der Beamtenstatus der Lotsen blieb bis auf weiteres bestehen.