Foto-Geschichte: Schöne neue Westwelt
Foto-Geschichte Schöne neue Westwelt
"Wismar ist eine schöne Stadt", beteuerte der SED-Oberbürgermeister im Sommer 1989 noch einmal bei der Verabschiedung. Als frischgebackener, freiberuflicher Künstler der DDR hatte ich mir den Auftrag geholt, eine Stadt zu porträtieren, in der die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands seit gut 40 Jahren an der Macht war. Die Wahl war auf Wismar gefallen.
Bei einem früheren Besuch war mir die historische Altstadt aufgefallen. Es berührte mich, das im Mittealter gewachsene Stadtbild zu sehen und wie die Menschen darin lebten. Der Oberbürgermeister reagierte positiv auf mein fotografisches Ansinnen, wir handelten die Bedingungen aus und unterschrieben einen Vertrag. Noch am gleichen Tag begann ich mit der Arbeit.
Die letzten Worte des Rathauschefs allerdings lösten bei mir Bauchschmerzen aus, denn als "schön" empfand ich die Stadt wirklich nicht mehr. Wismar hatte längst das gleiche Schicksal wie so viele andere Städte im Osten ereilt: Diese morbide Anmutung kannte ich schon von Stralsund, Quedlinburg oder Ceský Krumlov in der CSSR. Jetzt allerdings machte ich zum ersten Mal die Erfahrung, dass die Wahrnehmung der Verantwortlichen offenbar eine ganz andere war.
Schneller als die Planierraupen
In den historischen Altstädten war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wenig investiert worden. Die Mieten waren gemäß staatlicher Festlegung außerordentlich niedrig und damit auch die Einnahmen für die Hauseigentümer. Der Mangel an Material für Fenster, Türen und Dächer trieb die Besitzer zur Verzweiflung. Immer mehr Menschen zogen in die attraktiveren Plattenwohnungen und ließen verwohnte und unbeheizte Gebäude zurück, die kurze Zeit später Opfer von Vandalismus wurden.
Die Regierung der DDR proklamierte den industriellen Plattenbau zur Lösung der Wohnungsknappheit, und schon bewegten sich die ersten Planierraupen auf die Altstädte zu. In Rostock hatte ich bereits die weitgehend von Schwarzwohnern, Studenten und jungen Leuten, die sich "Erhaltungswohner" nannten, besetzte Altstadt dokumentiert. Dies wollte ich in Wismar fortsetzen.
Doch kurz nachdem ich mit meinem Stadtporträt begonnen hatte, entwickelten sich auch jene Ereignisse, die die DDR und ganz Osteuropa dramatisch verändern sollten. In Prag, Budapest und Warschau waren bereits die Botschaften der Bundesrepublik besetzt, in Ungarn wurde der Grenzzaun durchgeschnitten, ein Sonderzug rollte von Prag über Dresden in den Westen und kurz darauf war die kritische Masse einer ganzen Republik auf den Beinen. Ich ließ mein Projekt liegen und widmete mich den revolutionären Ereignissen in meiner Heimatstadt Rostock - so lange, bis dort der SED-Oberbürgermeister aus dem Rathaus gejagt wurde.
Im Außendienst
Als ich mich wieder um Wismar kümmern wollte, war auch dort der OB nicht mehr im Amt. Der Auftrag, mit dem ich 1990 hatte Geld verdienen wollen, war über Nacht hinfällig. Die Vereinbarung war auf das ostdeutsche Preisniveau zugeschnitten, doch nun gab es die D-Mark. Meine Versuche, in den "volkseigenen" Betrieben neue Aufträge zu akquirieren, verliefen ergebnislos. "Wir gehören jetzt der Treuhand", bekam ich immer wieder zu hören.
Meine Künste als Fotografiker, das war die Bezeichnung für künstlerisch arbeitende Lichtbildner, waren nutzlos geworden. Also verdingte ich mich fortan im Außendienst. Bei einem weltweit agierenden Kamerahersteller erhielt ich einen festen Arbeitsvertrag zu Konditionen, die ich vorher nie zu träumen gewagt hatte. Ich verkaufte also Kameras, die ich mir niemals hätte leisten können, an Leute, die im deutschen Einheitstaumel offensichtlich gut verdienten.
Handelshäuser, die im Osten Filialen eröffneten, brauchten Waren in Mengen, um die Regale zu füllen. Das kurbelte im Westen die Wirtschaft an. Das Geschäft der Großlabore blühte: Massenhaft produzierten sie Urlaubsfotos aus Ländern, von denen die Reisenden niemals zuvor zu träumen gewagt hätten. Meinem Arbeitgeber ging es prächtig, die Umsätze verdoppelten sich fast - und von den Gewinnen, die sich daraus ergaben, hatten wohl auch die Geschäftsführer zuvor noch nicht geträumt. Meine Bilder allerdings hatten in dieser Zeit den Wert einer Poster-Sonderaktion.
Der alte Auftrag
Ich war kurz davor, das Fotografieren an den Nagel zu hängen. Der Job, meine durchgeschüttelte Familie mit Kleinkind und die radikalen Veränderungen in der neuen Gesellschaftsform nahmen alle meine Zeit in Anspruch. Lebte man in der DDR - abgesehen von durchtanzten Nächten - wie auf einem Friedhof, so war es vom Herbst 1989 an ein Leben auf Hochtouren. Jeder Tag bestand für mich aus gefühlten 48 Stunden.
Mir wurde klar, dass sich gerade in dieser Zeit Veränderungen ereigneten, die in meinem Leben einmalig sein würden - und ich erinnerte mich an meinen alten Auftrag. Aus meinem fast erschöpften Zeitpool nahm ich mir deshalb einige wenige Stunden und fuhr im Abstand von zwei, drei Monaten nach Wismar, um spontane Eindrücke einzufangen.
Allein die Autofahrt kostete enorm viel Zeit. Die nördlichste Fernverkehrsstraße der neuen Bundesländer musste nach der Grenzöffnung den gesamten Ost-West-Verkehr des Nordostens aufnehmen. Für die etwa 50 Kilometer von Rostock nach Wismar brauchte ich annähernd drei Stunden, die gleiche Zeit noch einmal für die Rückfahrt.
Zurück im Beruf
In Wismar bündelten sich die neuen Phänomene des Ostens: der Stau auf der Fernverkehrsstraße, die mitten durch die Stadt führte, die neue Warenwelt aus dem Westen, der Zusammenbruch der Hafenwirtschaft, die Errichtung von Großmärkten - und die massenhafte Arbeitslosigkeit. Binnen kürzester Zeit wurden Tausende Menschen aus maroden Ost-Betrieben entlassen und verloren damit einen wichtigen Teil ihrer Identität. Der positive Effekt der deutschen Einheit war schnell verpufft. Man schimpfte über die "Wessis" und "ihren bösen Kapitalismus". Junge Leute probierten ihr Glück lieber gleich in Lübeck oder Hamburg. Innerhalb weniger Jahre verlor Wismar Tausende Einwohner.
Mit Beginn der Privatisierungen setzte auch in Wismar der Bauboom ein. Binnen weniger Jahre wurde ein großer Teil der historischen Altstadt restauriert und die Stadt zum Unesco-Welterbe erhoben; Stralsund, Quedlinburg und Ceský Krumlov erging es ähnlich.
1996 kehrte ich in meinen Beruf als Fotografiker zurück: Ich gründete eine neue Existenz und fragte beim Direktor des Museums in Wismar an, ob er Interesse an einer Fotoausstellung hätte. Er hatte. Um die Inhalte der Exposition kümmerte er sich aber nicht weiter. Also fertigte ich - weitgehend improvisierend - eigenhändig die Schwarzweißvergrößerungen an, die dann von Museumsmitarbeitern eingerahmt und aufgehängt wurden.
Andere Ansichten
1997 fand die Eröffnung statt, viele Lokaljournalisten und Besucher waren gekommen. Der Direktor des Museums hielt eine Ansprache - und ich glaubte, nicht richtig zu hören: Er entschuldigte sich vor dem versammelten Publikum für diese "negative Darstellung" der Hansestadt Wismar. Es sei die Sicht eines Einzelnen.
Da waren sie wieder, meine Bauchschmerzen. Hatte er eine andere Wahrnehmung als ich? Mit wurde wohler, als mir die Wismaraner schließlich die Hand drückten: "Wir hätten nicht gedacht, dass ein Rostocker unsere Stadt in so kurzer Zeit so treffend reflektieren kann." Die Ausstellung musste dann noch um einige Wochen verlängert werden. Der Direktor wurde kurze Zeit später seiner Funktion enthoben. Der Wandel war noch längst nicht abgeschlossen.
Siegfried Wittenburg ist autodidaktischer Fotograf. In seinen Aufnahmen hielt der gebürtige Rostocker den Alltag in der DDR fest. 1986 wurde er als Leiter des Jugend-Fotoklubs "Konkret" entlassen, weil er sich einer Zensuraufforderung der SED widersetzte. Seit 2014 berichtet Wittenburg in Zeitzeugengesprächen mit Schülern vom Leben in der DDR.