Frisuren-Mode - DER SPIEGEL
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Frisuren-Mode: Backenbart für Feiglinge

Foto: Karl Wilhelm Meier

Frisuren-Mode Backenbart für Feiglinge

Erst Hitler-Scheitel, später Bundeswehr-Rasur: Am Anfang hatte noch alles seine Ordnung auf dem Kopf von Karl Wilhelm Meier. Doch dann veränderten sich die Normen - auch zwischen den Ohren. Ein inzwischen 60-jähriger Tonsurträger erinnert sich an seine haarigsten Zeiten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich wurde 1949 geboren. Meine Eltern hatten bestimmt andere Sorgen, als sich Gedanken über meine Haare zu machen. Wahrscheinlich haben sie sich gefreut, als die ersten wuchsen. Eines Tages kam der erste Friseurtermin. Mangels Alternativen stand der Haarschnitt meines Vaters für die eigene Frisur Modell: 10 Zentimeter über den Ohren bis auf Haarstoppeln runtergeschnitten, darüber normale Länge, Scheitel links. Ich hielt Hitler für den Erfinder dieser modischen Entgleisung, auf Bildern sah ich aber, dass er seine Haare bis zu den Ohren trug. Trotzdem stand mein erster Haarschnitt als Symbol dafür, dass sich nichts veränderte.

Erste Alternativen gab es Anfang der sechziger Jahre. Ich durfte mir einen Mecki-Schnitt verpassen lassen. Alle Haare wurden kurz geschnitten. Hätte man damals schon Haargel gehabt, wäre die Kopfhaut von Haarstacheln bedeckt gewesen, und ich hätte ausgesehen wie Mecki, der Igel aus dem bekannten Comic. Ende der Sechziger habe ich dann mein erstes Geld verdient, wollte mir auch mal was leisten. So ganz kurz fand ich nicht mehr gut, lang war aber auch nicht meine Sache. Mithin war ein Messerhaarschnitt fällig: Alle Haare wurden mit einem Rasiermesser auf einheitliche Länge gebracht. Auch ungekämmt wirkte man noch eine Woche nach dem Haarschnitt gepflegt. Was wollte ich mehr?

Landesverteidigung mit Bürstenschnitt

Die Sechziger waren die Zeit der Beatles, der Pilzköpfe. Deren Musik kannte ich nicht, doch ich wusste, dass sie ein Aufreger waren für die Alten. "Wie die schon aussehen!", sagten sie. Die Beatles hatten für heutige Begriffe eine brave Frisur. Heute würden sie haarmäßig durchaus ins Spießermilieu passen, damals betrachtete die Elterngeneration sie als Revolutionäre. Auf meinem Kopf sah es zahmer aus. Ich musste zur Bundeswehr.

Mit 90 D-Mark im Monat war ich immer knapp bei Kasse. Meistens hatte ich kein Geld für den Frisör. Der Haarschnitt war aber zunächst ganz wichtig - für die Landesverteidigung und für mich persönlich, denn von ihm hing der Wochenendurlaub ab. Kameraden, die genau so wenig geübt waren wie ich, schnitten mir ab und zu die Haare. Treppen und Löcher zierten meinen Kopfputz. Das aber interessierte die Vorgesetzten nicht. Wichtig war nur die Länge. Und die erreichte ich trotz aller Schönheitsfehler.

Dann kam - wenn ich mich richtig erinnere - der "Haar-Erlass". Von nun an sollte es keine richtige oder falsche Haarlänge mehr geben; nur den Dienst durften die Haare nicht beeinträchtigen. Wo eine Beeinträchtigung zu befürchten war, musste der Soldat eben ein Haarnetz tragen. Die Bundeswehr war wohl zu beschäftigt mit solchen außerordentlichen Problemen, um aus dem Kalten einen heißen Krieg zu machen - und das war gut so.

Anpassung - im Rahmen des Vertretbaren

Nach der Bundeswehr, Anfang der siebziger Jahre, ließ ich mir eine richtige Matte wachsen. So nannte man damals längere Haare. Und Koteletten, nicht nur bis zu den Ohren, sondern bis zum Kinn, so eine Art Backenbart für Feiglinge. Meine Eltern gaben auf, meine Haarpracht zu kommentieren. Noch schlimmer: Mein Vater passte sich im Rahmen des Vertretbaren an. Er ließ seine Haare bis zu den Ohren wachsen. Ohren aber frei und immer noch Fassonschnitt. Ordnung musste sein.

Dann machte der erste Ausländer in Bremen seinen Salon auf, ein Italiener. Ein Wässerchen hier, ein Wässerchen da, eine Kopfmassage. Die Herren nahmen diese Neuerung dankbar auf, obwohl es doch eigentlich gar nicht dem damaligen Männerbild entsprach. Wie leicht konnte man als schwul gelten, eine tödliche Beleidigung damals. Mangels Geld und mangels der Kenntnis der Adresse dieses Frisörsalons begab ich mich selbst aber nie in diese Gefahr.

Ich ließ meine Haare wachsen. Aus den Koteletten wurde ein Bart. Protest meines alten Herrn: Den kriegst du doch nie gepflegt. Recht hatte er. Bartschneider gab es seinerzeit nicht, Frisöre hatten dieses Geschäft noch nicht entdeckt. Und mit der Schere schaffte ich eine ganze Menge Löcher, die aber etwa nach einer Woche wieder verschwunden waren.

Junge, wann gehst du endlich zum Friseur?

Als Kritiker entpuppte sich ein älterer Herr, der mich in einer Fußgängerzone am Arm festhielt. "Junge", fragte er vorwurfsvoll, "wann willst du endlich wieder zum Frisör?" "Wenn dir wieder Haare wachsen", entgegnete ich dem Glatzköpfigen und hatte dabei überhaupt kein Unrechtsgefühl.

Im Freundeskreis führten wir Diskussionen über ungeschriebene Normen: Darf man im Büro lange Haare tragen? Wie wäre es, wenn mein Banker plötzlich im Pullover dasitzen würde? Eigentlich waren wir ja alle für die längeren Haare im Büro, wollten dafür aber nicht den Job riskieren. Also beschränkte sich die kleine Freiheit auf das eigene Umfeld. Manche schlossen sich auch einfach ihrer Umwelt an, ohne sich viele Gedanken zu machen. Studenten hatten eben lange Haare, trugen Brillen und rauchten wie Schlote. Das gab ihnen genauso einen intellektuellen Touch wie den Studenten heute ihr Kampf für den Umweltschutz oder für Nichtraucher.

Im Laufe der Berufsjahre wurden meine Haare immer dünner. Ich experimentierte: Kurze Haare, alle nach vorn gekämmt, gefielen meiner Frau nicht. Haare sind ein Sexsymbol, und so einen Nachbau von Cäsar fand sie überhaupt nicht sexy. Wenn ich schon mit dem Haarwuchs zu kämpfen hätte, dann sollte ich die Haare dort zurückkämmen und da nach vorne legen, und das sich ausbreitende Nichts würde sie als kleine Frau von unten sowieso nicht sehen. So lässt sich ein Weltbild zimmern!

Der Vorteil des Haarkranzes

In den neunziger Jahren saß ich dann beim Frisör zwischen allen Stühlen. Das Haarschneiden wurde immer schwieriger. Außerdem waren da nicht mehr die kleinen Salons, sondern die großen Friseurketten. Wenn so einer wie ich kam, dann holte man den Aufsatz für die Haarschneidemaschine. "Fünf Millimeter, zehn Millimeter?", wurde allenfalls noch gefragt. Die Haare wurden nicht mehr geschnitten, sie wurden quasi rasiert. Das war keine Handwerkskunst mehr, sondern nur noch eine Dienstleistung. Man berechnete mir Kranzschneiden mit 8 D-Mark. Das war doch was für ältere Herren! Nicht für mich! Aber der Preis - der war schon überzeugend.

Jetzt - in der Krise und zehn Jahre später - kommen die kleinen Salons wieder, meistens betrieben von Frisören aus Einwandererfamilien. Die wissen, dass sie was verkaufen müssen, um davon zu leben. Deshalb wird soweit möglich mit der Schere geschnitten, gibt es zum Schluss ein warmes Handtuch in den Nacken. Das ist wirklich, wirklich angenehm, obwohl mein Haarwuchs immer weiter zurückgeht und ich mich wieder dem Ausgangspunkt nähere.