Früher-Heute-Bilder von Fotograf Chris Porsz: »Moment, das bin doch ich!« - DER SPIEGEL
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Toni und Teresa: »Der Kirmes-Ausflug markierte das Ende unserer Kindheit«

Toni und Teresa: »Der Kirmes-Ausflug markierte das Ende unserer Kindheit«

Foto:

Chris Porsz

Berührende Früher-heute-Fotos »Moment, das bin doch ich!«

Dieselben Leute. Am selben Ort. 40 Jahre später. Der Brite Chris Porsz hat Hunderte Menschen aufgespürt, die er einst fotografierte. Jetzt hat er es erneut getan – und dazu eine klare Botschaft.

Die beiden kichern, noch bevor ihre Gesichter auf dem Bildschirm auftauchen. Das komplette Videointerview über werden sie damit nicht mehr aufhören, gerührt, überschwänglich. Toni Cray, braune Haare, ist Beamtin im Katasteramt. Und Teresa Weston, blond, Bereichsleiterin einer Reinigungsfirma.

Beide sind Anfang 50. Zwei alte Freundinnen, die sich aus den Augen verloren hatten, weil das Leben dazwischenkam: Ausbildung, Job, Ehe, Kinder, Scheidung. Jahrzehntelang hatten sie keinen Kontakt, jetzt lassen sie ihre Mädchenfreundschaft wieder aufleben.

»Wir sind uns in die Arme gefallen, als wären wir erst gestern auseinandergegangen«, sagt Toni. Und Teresa: »Am Ende spielt Zeit überhaupt keine Rolle.« Dass die beiden sich nun wiederhaben, verdanken sie Chris Porsz, Jahrgang 1953, frisch pensionierter Sanitäter und Hobbyfotograf, wie Toni und Teresa aus Peterborough im Osten Englands.

Statt sein Studium der Sozialarbeit abzuschließen, streifte Porsz in den Achtzigerjahren lieber durch die Straßen seiner Heimatstadt und fotografierte, was das Zeug hielt. Paare und Punks, Obdachlose und Schulkinder, Müllmänner und Demonstranten. Alt, jung, dick, dünn, mit und ohne Migrationshintergrund. Hunderte von Allerweltsmenschen in Allerweltssituationen: beim Friseur, beim Einkaufen, auf dem Schulhof.

Jahrzehntelang kümmerte Porsz sich nicht um die Aufnahmen. Er wurde Sanitäter, heiratete seine Frau Lesley und zog mit ihr drei Kinder groß. Erst 2009 fielen ihm die Fotos wieder in die Hände.

Der Sanitäter als Paparazzo

Einige davon schickte Porsz dem »Peterborough Evening Telegraph«. Die Lokalzeitung reagierte begeistert, Porsz bekam eine Kolumne: »Paramedic Paparazzo« (»paramedic« ist Englisch für Sanitäter). Woche für Woche veröffentlichte er zwei Fotos, immer mehr Menschen erkannten sich und riefen an. »So kam mir die Idee für mein Projekt. Ich begann, aktiv nach den Personen auf den Fotos zu suchen«, erzählt Porsz im Videointerview.

Fotostrecke

Those were the days my friend – das »Reunion«-Projekt von Chris Porsz

Anfangs klapperte er die Straßen ab, ging in Geschäfte, sprach Leute an. Mühsam. Zweimal führte der Job den Sanitäter zu einstigen Fotomotiven: Männer hatten nach Herzattacken den Notruf gewählt – und Porsz erkannt.

Einfacher wurde es erst, als er die sozialen Medien für seine Zwecke einspannte, vor allem Facebook: »Plötzlich liefen Hunderte von Nachrichten am Tag bei mir ein. ›Was für eine schöne Idee.‹ – ›Ach, den Laden gibt es gar nicht mehr.‹ – ›Das könnte doch X sein.‹ – ›Ist das nicht Y?‹ Manchmal stand erst im letzten Eintrag die erlösende Botschaft: ›Moment, das bin doch ich!‹«, erzählt Porsz und lacht.

Geduldig fräste er sich durch den digitalen Nachrichtenwust und spürte wie ein Detektiv die Menschen auf seinen Fotos auf. Hatte er sie endlich gefunden, bat Porsz sie, an derselben Stelle zu posieren, wo er sie einst abgelichtet hatte. Für Toni Cray und Teresa Weston hieß das: ab auf den »Sizzler«, ein quietschbuntes Kraken-Fahrgeschäft auf der jährlichen Kirmes von Peterborough.

Dort, wo die beiden 1985 als Teenager zuletzt durch die Luft rasten. Junge Mädchen, kreischend vor Angst und Glück.

Zum Schulabschluss auf die Kirmes

»Ich war 15, Teresa 16, es war ein Freitagabend Ende März«, erzählt Toni Cray. »Wir hatten in der Woche gerade unseren mittleren Schulabschluss gemacht. Es gab keine richtige Abschlussfeier, also ging fast der komplette Jahrgang auf die Kirmes.«

»Wir sind uns in die Arme gefallen, als wären wir erst gestern auseinandergegangen«: Teresa und Toni als Teenager 1985 – und als Mittfünfzigerinnen im Mai 2021
»Wir sind uns in die Arme gefallen, als wären wir erst gestern auseinandergegangen«: Teresa und Toni als Teenager 1985 – und als Mittfünfzigerinnen im Mai 2021

»Wir sind uns in die Arme gefallen, als wären wir erst gestern auseinandergegangen«: Teresa und Toni als Teenager 1985 – und als Mittfünfzigerinnen im Mai 2021

Fotos:

Chris Porsz

/ Chris Porsz

»Wir waren unheimlich befreit, lachten, schrien, vergnügten uns. Gleichzeitig waren wir ängstlich und fragten uns, wie es nach der Schule wohl weitergeht«, ergänzt Teresa Weston. »Das war ein wirklich besonderer Abend! Der Kirmes-Ausflug markierte, wenn man so will, das Ende unserer Kindheit.« Dass Chris Porsz damals einen Schnappschuss von ihnen machte, bekamen die beiden Mädchen gar nicht mit.

Bald nach dem Jahrmarkt-Spaß endete für viele die Schulzeit, die Jugendlichen gingen auseinander. Weston und Cray (damals noch Pignatiello und McPartlin, so ihre Geburtsnamen), Freundinnen seit ihrem elften Geburtstag, sahen sich noch eine Zeit lang weiter.

»Lollypop Lady«: Gloria Steele lotste 1984 drei Schulmädchen über die Straße – im September 2020 posierte sie mit den Kindern von einst für Chris Porsz
»Lollypop Lady«: Gloria Steele lotste 1984 drei Schulmädchen über die Straße – im September 2020 posierte sie mit den Kindern von einst für Chris Porsz

»Lollypop Lady«: Gloria Steele lotste 1984 drei Schulmädchen über die Straße – im September 2020 posierte sie mit den Kindern von einst für Chris Porsz

Fotos: Chris Porsz / Chris Porsz

Dann wurden die Anrufe seltener, irgendwann riss der Kontakt ganz ab. Der Alltag fraß die Frauen auf, neue Freundschaften lösten die alten ab. Bis zum Herbst 2020, Englands zweitem Lockdown. Daheim-hock-Zeit, Facebook-Zeit – Porsz hatte wieder einmal Fotos hochgestellt. Bekannte erkannten die beiden Frauen, Porsz schrieb sie an. Sofort erklärten sie sich bereit, mitzumachen.

»Das Leben ist süß und kurz, also macht gefälligst das Beste draus, bevor es vorbei ist!«

Hobbyfotograf Chris Porsz

Nur: Woher einen Kraken herbekommen, wie sich treffen, mitten in der Pandemie? Am 31. Oktober 2020 begann der zweite Lockdown, am 6. Januar 2021 der dritte; erst ab März wurden die Restriktionen wieder gelockert. Porsz nutzte jeden Moment, um die Menschen zusammenzubringen und zu fotografieren. »Es war ein Wettlauf gegen die Zeit, ich arbeitete wie ein Besessener«, sagt Porsz. Gleichzeitig versorgte er seine schwer an Brustkrebs erkrankte Frau, eine kräftezehrende Aufgabe.

»Gerade, weil ich als Ex-Sanitäter und pflegender Angehöriger jeden Tag vor Augen habe, wie endlich das Leben ist, möchte ich möglichst viele Menschen miteinander in Kontakt bringen«, so Porsz. »Ob alte Freunde, ehemalige Arbeitskollegen, Nachbarn oder Verwandte, die seit Jahrzehnten nicht mehr miteinander gesprochen haben, ihnen allen möchte ich sagen: Das Leben ist süß und kurz, also macht gefälligst das Beste draus, bevor es vorbei ist!«

Dazu gehört für Porsz, Freundschaften zu pflegen, gerade jetzt, in Pandemiezeiten. Aber auch, sich nicht über belanglose Dinge aufzuregen und im Kleinklein zu verlieren. »Meine Mutter sagte immer: ›Just be kind‹, seid einfach nett. Nur darauf kommt es an«, so Porsz, Sohn einer jüdischen Mutter, die zahlreiche Verwandten im Holocaust verloren hat. Sie selbst überlebte das KZ Ravensbrück, nach dem Zweiten Weltkrieg zogen seine aus Polen stammenden Eltern nach Großbritannien.

134 Mal hatte Porsz einzelne Menschen, Paare oder Gruppen aufgespürt und fotografiert, bevor er 2016 sein erstes Buch veröffentlichte. Für den jetzt erschienenen Bildband »Reunions 2«  sind es sogar 168 geworden.

Nicht immer hatte der Hobbyfotograf Glück. Einmal fuhr er mehr als 300 Kilometer weit mit einem alten Foto durchs Land, um dann zu erfahren: »Nein, ich bin es doch nicht.« Und: Nicht selten waren die Menschen schon tot, die er suchte – dann sprangen fürs Foto oft Verwandte ein.

Auf der Kirmes war auch Mark dabei

Zum Beispiel bei den Pelzjacken-Partygirls: Porsz lichtete sie 1980 ab, fünf Teenager beim Kneipen–Hopping an einem Samstagabend, zwei posieren stolz im Fellflausch.

Amanda, Pamela, Lisa Carmelina und Karen 1980 auf Pub-Rundreise in Peterborough – 40 Jahre später war Karen schon tot. An ihrer Stelle posierte (ganz r.) Schwester Helen fürs Foto
Amanda, Pamela, Lisa Carmelina und Karen 1980 auf Pub-Rundreise in Peterborough – 40 Jahre später war Karen schon tot. An ihrer Stelle posierte (ganz r.) Schwester Helen fürs Foto

Amanda, Pamela, Lisa Carmelina und Karen 1980 auf Pub-Rundreise in Peterborough – 40 Jahre später war Karen schon tot. An ihrer Stelle posierte (ganz r.) Schwester Helen fürs Foto

Fotos: Chris Porsz / Chris Porsz

Als Porsz die Frauen 2020 ausfindig machte, stellte er fest: Das Mädchen ganz rechts auf dem Bild, Karen, war mit 47 Jahren an Krebs gestorben, also posierte ihre Schwester Helen auf dem Foto.

»Tränen und Gelächter, Küsse, Umarmungen und Aussöhnungen, ich habe so viel erlebt, als ich die Wiedersehensfotos inszenierte«, erzählt Porsz. Zahlreiche Menschen seien ihm persönlich ans Herz gewachsen. Auch Toni Cray und Teresa Weston.

Im Frühling 2021 eröffnete in Peterborough endlich wieder die Kirmes, am 18. Mai 2021 setzte Porsz die beiden Frauen in den Kraken. Teresa links, Toni rechts, genau wie vor 36 Jahren. Und genau wie damals krallte Teresa sich am Sicherheitsbügel fest, quetschte Toni im Laufe der Fahrt aber doch ein. Zu stark die Fliehkraft auf dem wilden »Sizzler« von Peterborough.

»Selten habe ich so gelacht«, sagt Toni, Teresa kichert. Und zieht einen freundlich winkenden Mann vor ihre Bildschirmkamera. »Darf ich dir Mark vorstellen?« Auch er war an jenem Freitagabend Ende März 1985 mit auf dem Jahrmarkt.

Anders als Toni sollte Teresa den jungen Mann nicht aus den Augen verlieren: Die beiden heirateten – und sind bis heute ein Paar.